Blaulicht

Flash Fiction: Mein Herr

Das Thema für den Monat August lautete Sidekick. Alle weiteren Informationen zu Flash Fictions und viele weitere Geschichten sind hier zu finden: http://flashfiction.ch/ueber-uns/


»Johann!«

Johann seufzte, als die Stimme durch das Anwesen dröhnte. Er streckte den Kopf aus der Küchentür und beobachtete, wie sein Herr den langen schwarzen Mantel in die Garderobe hängte und seinen knorrigen Körper auf dem Sofa niederlegte.

»Ja, Herr?«, fragte er, als wisse er nicht, was jetzt kommen würde.

»Heute war ein ertragreicher Tag«, sagte sein Herr fröhlich. »Gleich fünf habe ich erwischt.«

»Was für wundervolle Neuigkeiten, mein Herr. Eine Wochenhöchstzahl.«

»Du kümmerst dich um den Papierkram, ja?«

»Natürlich, Herr.«

Er streifte seine Stiefel über, nahm den Gehrock vom Kleiderständer und machte sich auf den Weg. Er wusste intuitiv, wo sein Herr seine Arbeit verrichtet hatte und es dauerte nur wenige Sekunden, bis er an der großen Kreuzung an der Überlandstraße angekommen war.

Es war spät in der Nacht und der Verkehr sollte sich eigentlich in Grenzen halten. Fünf auf einmal war da durchaus keine schlechte Leistung, dies musste er seinem Herrn zugestehen.

Die Sirenen blieben stumm, aber das Blaulicht erhellte wellenartig die Dunkelheit. Zwei Autos lagen mit Totalschaden im Straßengraben und ein Team von Feuerwehrleuten waren mit schwerem Gerät damit beschäftigt, eines davon aufzubrechen.

Mit einem tiefen Seufzer blickte Johann zu den drei zugedeckten Liegen hinüber, die in der Nähe der Ambulantfahrzeuge lagen.

Dann an die Arbeit.

Er trat zwischen den beiden Polizisten hindurch, ohne dass sie Notiz von ihm nahmen und ging neben der ersten Bahre in die Hocke. Er brauchte das Tuch nicht zu lüften, um das zerschlagene Gesicht darunter zu sehen. Innerhalb weniger Sekunden hatte Johann die dazu vorhandenen Informationen abgerufen.

Name: André Beer

Geschlecht: männlich

Alter: 53 Jahre, 55 Tage, 13 Stunden, 67 Minuten, 8 Sekunden

Todesursache: Blutverlust

Fein säuberlich notierte sich Johann die Daten. Dann rief er die letzten Gedanken von André Beer ab.

Was wird aus Susi?

Die Tochter vielleicht? Das Haustier? Fragen, deren Antworten nicht in Johanns Aufgabengebiet fielen. Dies war häufig der tragischere Teil seiner Arbeit, doch auch der musste erledigt sein. Theoretisch zwar von seinem Herrn, aber für etwas hatte dieser nun mal einen Butler eingestellt.

Auf dieselbe Weise verfuhr Johann mit den anderen beiden Verstorbenen. Daniela Beer, Schädeltrauma, Diese Lasagne liegt wirklich schwer im Magen, und Angelika Lewinski, ebenfalls Schädeltrauma und ein gleichwertig nichtiger letzter Gedanke. Ein schneller Tod hatte durchaus auch etwas für sich.

Drei Tote. Das bedeutete zwei mussten in dem Gefährt eingeklemmt sein, an welchem die Feuerwehrleute arbeiteten. Ob sie wussten, dass ihre Mühen umsonst waren?

Johann wartete geduldig, bis sie erfolgreich waren und eine weitere leere Hülle aus dem Wrack zogen. Sie Sanitäter versuchten noch ihr Glück, erkannten jedoch schnell die Sinnlosigkeit ihrer Bemühungen. Wenig später lag der Verstorbene ebenfalls unter einem Tuch neben den anderen.

Simeon Leimbach, innere Blutungen, Ich kann die Sirenen hören.

Johann setzte den Stift ab und blickte in Richtung der Feuerwehrleute. Doch diese hatten ihre Arbeit an dem Autowrack beendet. Johann legte die Stirn in Falten. Wo war Nummer fünf?

Er strich seinen Gehrock glatt und wanderte einmal um die Umfallstelle herum, während er sich aufmerksam umsah. In den Wracks war tatsächlich niemand mehr. Mochte die letzte Hülle aus dem Fenster geschleudert worden sein? Hätten die Sanitäter sie dann nicht längst gefunden?

Er vergrößerte seinen Radius, konnte jedoch keinen weiteren menschlichen Körper ausmachen.

Dies weckte die Nervosität in ihm. Sein Herr wusste stets genau, wie viele Akten er abgearbeitet hatte. Er mochte nicht immer so euphorisch sein, dass er Johann zeitnah davon berichtete, aber dieses Mal war er sehr deutlich gewesen: Fünf. Und Johann hatte bloß vier erfasst.

Zeit war für ihn kein Konzept. Es spielte keine Rolle, ob er seine Arbeit in der Sterblichenrechnung von einer Stunde oder fünf Tagen erledigt hatte. Aber darum ging es hier nicht. Er hatte eine Aufgabe gefasst, die er offensichtlich nicht erledigen konnte. Und dies war eine Premiere.

Was würde sein Herr dazu sagen? Was würde mit der leeren Hülle geschehen, wenn er sie nicht archivierte? Und viel dringlicher: Mit deren Seele, wenn er sie nicht registrierte?

Das erste Mal fühlte Johann dieses Etwas, was die Sterblichen als Furcht bezeichnen mochten.

Zweimal sah er die Sonne auf- und niedergehen, bis Johann die Suche in den benachbarten Feldern aufgab und ins Heim seines Herrn zurückkehrte.

Dieser lag nach wie vor auf dem Sofa, vertieft in ein Buch.

»Mein Herr«, sprach Johann kleinlaut.

»Johann? Es wird Zeit für den Tee.«

»Natürlich mein Herr. Sofort. Jedoch muss ich vorher etwas berichten.«

Sein Herr legte das Buch zur Seite und drehte ihm den Schädel zu. Schwarze, leere Augenhöhlen starrten ihm entgegen und jagten ihm das erste Mal sein Antritt seiner Arbeitsstelle einen Schauer über den Rücken.

»Mein Herr. Eine der Hüllen fehlt.«

Er wusste nicht wie, aber der Schädel schien die Augenbrauen zusammenzuziehen. »Fehlt? Das ist unmöglich.«

»Aber Herr, ich war da. Vier habe ich registriert. André Beer, Daniela Beer, Angelika Lewinski und Simeon Leimbach. Eine fehlt.«

»Ah«, sagte sein Herr und ließ sich zurück auf das Sofa sinken. »Mr. Puss.«

Johann blinzelte verwirrt. »Bitte?«

»Mr. Puss. Die Katze«, erklärte sein Herr lapidar. »Mit ihr habe ich den Unfall provoziert. Sie starb irgendwo im angrenzenden Wald.«

»Die Katze«, wiederholte Johann tonlos. »Wir registrieren keine Tiere, mein Herr.«

»Ich weiss, ich weiss.« Sein Herr winkte lapidar mit der Knochenhand. »Aber vier auf einen Streich hatte ich erst gerade letzte Woche. Fünf hört sich nach so viel mehr an.«

Johann starrte auf den blanken Schädel auf dem Sofa.

»Mein Herr …«, begann er zerknirscht.

»Ist der Tee soweit?«

Seine schulter sackten nach unten und er atmete tief durch.

»Sogleich, mein Herr.«


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