Flash Fiction: Reise nach Illarien

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Die Dunkelheit war schon lange hereingebrochen, doch glücklicherweise wurde der Pfad vom Vollmond ausgeleuchtet, so dass Elans Maulesel den Weg zur Schenke problemlos fand. Seit fünf Nächten schlief er unter freiem Himmel und ass die öde Verpflegung, die er sich bei seiner Abreise eingepackt hatte. Die Aussicht auf ein weiches Bett und einen Humpen Bier ließ ihn selig werden.

Endlich tauchten am Horizont flackernde Lichter auf und Elan trieb das Maultier zur Eile an. Wenig später erreichten sie die Gaststube und hatten somit auch die Grenze zu Illarien hinter sich gebracht. Elan verpflegte das Tier in den Stallungen und betrat die Herberge.

»Ein Bett für die Nacht«, erbat er als erstes am Tresen, doch die Wirtin musterte ihn mit hochgezogenen Brauen.

Dann nickte sie in Richtung des Schankraumes. »Die waren alle vor dir da, Junge. Ich bin ausgebucht.«

Ungläubig sah sich Elan um. Tatsächlich. Der Schankraum war gefüllt bis zum letzten Platz.

»Gar nichts mehr?«, flehte er die Wirtin an, doch diese schüttelte den Kopf.

»Nicht einmal mehr eine Abstellkammer hab ich frei.«

Elan seufzte. »Dann immerhin einen Humpen Bier bitte.«

Die Wirtin nickte gönnerhaft und zapfte ihm sein Bier. Währenddessen sah sich Elan nach einem freien Platz um.

Er entdeckte einen letzten kleinen Tisch, an dem nur eine einzelne Frau sass. Er nahm den Humpen entgegen und drehte er sich in die Richtung.

»He«, rief ihm die Wirtin zu. »Das würde ich mir überlegen.«

Elan runzelte die Stirn. »Den Tisch? Warum?«

Die Wirtin beugte sich nah an ihn heran, so dass es ihn Überwindung kostete, ihr nicht ins Dekolleté zu glotzen. »Die Frau da. Sie ist eine Hüterin. Von denen sollte man sich in Acht nehmen.« Sie blickte ihm vielsagend in die Augen, dann watschelte sie in die Küche davon.

Elan drehte sich wieder der Frau am Tisch zu. Sie trug kurzes, struppiges Haar und war von Kopf bis Fuß in dicke Wollkleider gehüllt. Er fand nicht unbedingt, dass sie abschreckend aussah, im Gegenteil. Sie wirkte interessant. Und Elan hatt eine Schwäche für interessante Frauen. Da es nach wie vor der einzig freie Platz war, ging er also zu ihr hinüber.

»Darf ich?«, fragte er mit einem Nicken auf den freien Stuhl ihr gegenüber.

Die Frau blickte überrascht auf, dann legte sie die Stirn in Falten und nickte. Sie beobachtete jede seiner Bewegungen, als er sich setzte. Erst jetzt erkannte er, dass ihr Gesicht von einem feinen Narbengeflecht überzogen war.

Er nahm einen großen Schluck aus seinem Bier. »Mein Name ist Elan«, sagte er höflich.

Die Frau hatte nicht aufgehört, ihn zu mustern. »Anawyn.«

»Freut mich«, sagte Elan und hielt ihr den Krug entgegen. Sie zögerte einen Moment, dann hob sie ebenfalls den Becher und tippte damit kurz gegen seinen Krug.

»Ganz schön viel los heute, was?«, fragte er dann.

Sie kniff die Augen zusammen. »Du bist nicht von hier.«

Elan schüttelte den Kopf. »Ich bin auf der Durchreise. Warum meinst du?«

Anawyn hob die Schultern und schien sich zu entspannen. »Du setzt dich zu mir und sprichst mit mir.«

Elan lachte. »Und das macht mich zum Auswärtigen?«

»Es macht dich zu einem, der den Einheimischen nicht zuhört.«

»Hm«, machte Elan. »Die Wirtin hat mich gewarnt. Du seist eine Hüterin. Was hütest du?«

Anawyn nahm einen Schluck aus ihrem Becher. »Schafe«, sagte sie ernst.

Elan lachte kurz auf. »Schafe? Wahrlich angsteinflößend! Kein Wunder muss man sich vor dir in Acht nehmen.«

Nun trat sichtbar Schalk in ihre Augen. »Du kennst dich in der Gegend hier nicht aus, oder?«

Durch die Reaktion etwas verunsichert, blickte Elan zur Theke, von wo aus die Wirtin ihn beobachtete. »Nicht wirklich«, sagte er. »Sonst hätte ich wohl auch gewusst, dass die Taverne hier überfüllt ist und ich im Freien schlafen darf.«

Anawyn zuckte mit den Schultern. »Wenn du magst, kannst du bei mir übernachten. Ich wohne vielleicht einen Stundenritt von hier.«

Elan musterte sie. Er war der Letzte, der die Einladung einer Frau ausschlug, doch die Warnung der Wirtin hallte in seinem Kopf wider. Und dennoch … besser als draußen zu schlafen war es allemal.

»Gern«, sagte er.

Sie leerte ihren Becher und stand auf. »Dann sollten wir besser los.«

Er trank ebenfalls aus und folgte ihr aus der Taverne. Sie sassen auf und gemeinsam machten sie sich auf den Weg.

»Jetzt im Ernst«, sagte er. »Du hütest Schafe. Warum macht dich das so außergewöhnlich?«

Sie lächelte spitzbübisch. Dann sagte sie: »Du kennst unsere Schafe hier nicht.«

Sie ritten eine halbe Stunde, dann kamen sie an ein robustes Gatter. Anawyn schob es zur Seite und schloss es wieder hinter ihnen.

»Ah«, machte sie und deutete in Richtung des Hügels, zu dem sie unterwegs waren. »Da siehst du sie.«

Elan kniff die Augen zusammen, doch selbst im Mondschein gelang es ihm nicht, irgendwelche Schafe am Hang auszumachen. Das Einzige, was er erkennen konnte, war das unregelmäßige Glühen eines Feuers auf der Rückseite der Anhöhe.

Sie ritten weiter und erreichten wenig später den Kamm. Tatsächlich am Rückhang grasten ein gutes Dutzend schwarzer Schafe. Es waren schöne Tiere, grösser als die Exemplare in Elans Heimat, außerdem schien ihr Fell viel flauschiger und in ihren Augen glitzerte Kampfgeist, wie er es von Herdentiere nicht kannte.

»Hübsche Tiere«, sagte Elan. »Aber ist das deine ganze Herde? Reichlich klein, um davon zu leben.«

»Weißt du, warum illarische Wolle derart wertvoll ist?«, frage Anawyn.

Elan schüttelte den Kopf.

In dem Moment hob eines der Schafe in seiner Nähe den Kopf und stieß ein lautes Blöcken aus. Noch während sich der Ton in seiner Kehle bildete, begann es in seinem Maul zu glühen und plötzlich schoss eine Stichflamme aus seinen Nüstern.

Elan schrie auf und rutschte von seinem Maultier. Schmerzhaft landete er auf seinem Hintern.

»Sie ist feuerfest«, erklärte Anawyn.

Mit aufgerissenen Augen beobachtete er, wie die anderen Schafe nachzogen und nacheinander Stichflammen aus ihren Mündern in den Himmel schleuderten.

»Das ist …«, begann er, doch schaffte es nicht, den Satz zu beenden.

»Das sind die illarischen Drachenschafe.«, half ihm Anawyn lachend aus. »Deren Schafhüter … abgebrüht sein müssen.«

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