Flash Fiction: Hallo Spielmann

Hier folgt meine zweite Flash Fiction. Dieses Mal stammt das Thema von Yvonne von Allmen und gab nur vor, dass man sich von einem Liedertext inspirieren lassen soll. Aus gegebenem Anlass habe ich mich dafür entschieden, einen Song von Bob Dylan zu wählen und meine Entscheidung fiel auf »Mister Tambourin Man«.

Den Refrain gebe ich hier kurz wieder, aber eigentlich lohnt es sich generell einmal etwas genauer auf den Text zu hören.

Hey ! Mr Tambourine Man, play a song for me
I’m not sleepy and there is no place I’m going to
Hey ! Mr Tambourine Man, play a song for me
In the jingle jangle morning I’ll come followin‘ you.

Öfters wird der Text ja dahingegen interpretiert, dass es sich um ein Gespräch zwischen einem Drogenabhängigen und seinem Dealer handelt. Ich habe einen etwas anderen Aufhänger verwendet. Aber lest selbst:


Hallo Spielmann

Die Feuchtigkeit des Urwalds perlte von Jonathans Stirn, während er alleine Wache schob. Schon seit Tagen war es ruhig um das Lager herum, doch sie wussten alle, dass dies nichts bedeuten musste. Er war jetzt seit zwei Monaten in Vietnam und wenn er in dieser Zeit etwas gelernt hatte, dann war es, dass man der Stille nicht trauen konnte. Nicht wenn der Feind es liebte, aus dem Hinterhalt anzugreifen oder sich gar nicht erst zu zeigen, sondern es ihren Fallen zu überlassen, ihre Gegner zu zerfetzen. Das Gewehr wiegte schwer in seinen Händen und die Hitze war unerträglich, doch am schlimmsten waren die Moskitos.

Er versuchte, sich nicht durch das ständige Summen ablenken zu lassen, sondern starrte konzentriert in das Dunkel hinaus. Noch etwas, was er an diesem Dschungel verabscheute. Überall raschelte es und irgendwo bewegte sich immer ein Strauch oder Baum. Es war kräftezehrend.

Doch gerade als Jonathan sich abdrehen und seine Runde starten wollte, stach ihn etwas in den Blick. Er kniff die Augen zusammen und legte langsam das Gewehr an.

Da zwischen den Bäumen! Da stand jemand, oder nicht? Es gab keine Pflanze und kein Tier hier, welches so fahl im Mondlicht leuchtete. Doch es gab auch keine Vietnamesen, die derart blass waren, wie die Figur, die Jonathan zu erkennen glaubte. Zumindest hatte er noch nie so einen gesehen.

In dem Moment hob die Gestalt einen runden Gegenstand in die Höhe und Jonathan entsicherte mit einer übereilten Bewegung das Gewehr.

»Hey Jon. Alles okay?«, drang eine Stimme an sein Ohr.

Er blinzelte einmal, als der Schweiß ihm in die Augen tropfte und kaum hatte er die Augen wieder offen, war die Gestalt näher getreten.

Da stand sie, nur wenige Schritte vor ihm entfernt, leichenblass, spindeldürr und mit kahlem Schädel. Wieder hob sie die Hände und Jonathan riss vor Schreck die Augen auf, als er erkannte, was sie festhielten. Ein Schrei entfuhr seiner Kehle und er wollte die Waffe abfeuern, doch seine Hände verkrampften sich dermaßen, dass er keinen Finger krümmen konnte.

»Jon!«, rief die Stimme nun näher und drängender und kurz darauf riss jemand an seinem Arm, so dass er sich umdrehen musste.

Sofort fuhr sein Blick wieder an die Stelle, wo die Gestalt gestanden war, doch sie war fort.

»Jon?«

Nun drehte er sich zu seinem Kameraden um, der gerade von einer Runde zurückgekehrt war.

»Hast du nichts gesehen?«, fragte Jonathan langsam, doch er wusste, wie die Antwort lautete.

»Gesehen? Außer dir? Nein«, antwortete der Soldat, starrte dann aber ebenfalls in den Urwald hinaus.

Nach einer Weile schnalzte er mit der Zunge und runzelte die Stirn.

»Ist alles klar, Man? Du siehst aus, als hättest du ein Gespenst gesehen.«

Jonathan schüttelte den Kopf.

»Nein«, sagte er leise. »Aber den Tod.«

Im ersten Moment schien es, als wollte der Soldat etwas erwidern, dann verstummte er, als läse er in Jonathans Gesicht, dass dies nicht nur Dahergerede war.

»Ich …«, begann Jonathan heiser. »Es war ein Gerippe. Schneeweiß. Und es hatte ein Tamburin in den Händen.«

Nun hob der Soldat beide Augenbrauen.

»Ein Tamburin? Wie kommst du denn darauf?«

Jeder Soldat, der schon länger hier war, war bereits in Situationen geraten, wo er dem Tod ins Auge geblickt hatte. Schon zu oft, als dass es einer nicht ernst nahm, wenn ein Kamerad von einer solchen Begegnung sprach.

»Mein Großvater hatte so ein Buch«, erklärte Jonathan. »Mit altertümlichen Zeichnungen von irgendeiner untergangenen Kultur. Ein ganzes Kapitel handelte nur vom Tod.« Wieder räusperte er sich. »Ich war fasziniert davon.«

Der Soldat nickte und schaute weiter in Richtung der raschelnden Bäume.

»Und der Tod hatte ein Tambourin dabei bei denen?«, fragte er abwesend.

»Instrumente. Für sie erschien der Tod immer in Form eines Spielmanns«, präzisierte Jonathan.

Der Soldat atmete schwer und legte dann die Hand auf seine Schulter.

»Du bist müde. Bald ist Ablösung.«

»Ich bin nicht müde«, erwiderte Jonathan etwas verärgert.

Da gellte ein Schuss und zur gleichen Zeit explodierte das Gesicht des Soldaten vor ihm. Noch bevor dieser umkippte, biss sich eine weitere Kugel in Jonathans Brust.

Schreiend warf er sich zu Boden, presste die Hände auf seine Rippen und robbte in Deckung. Es dauerte nicht lange und die Luft war von Schreien und dem Geruch von Schießpulver erfüllt.

Jonathans Blick trübte sich und bald erkannte er nichts weiter, als die Dunkelheit. Das Blut trat stoßweise zwischen seinen Fingern hervor und sein Kopf wurde auf einmal ganz leicht. Unter ihm vibrierte der Boden ab den Füssen, die darüber polterten und dem Rattern der Browing MG. Dies war kein kleiner Übergriff, um den Amerikanern Angst einzujagen. Das war eine ausgewachsene Offensive. Und es würde nicht in wenigen Sekunden wieder vorbei sein. Jonathan würde nicht in einigen Minuten von einem Sanitäter ins Lazarett getragen werden. Schmerz zerriss ihm die Brust und das Atmen fiel ihm immer schwerer.

Auf einmal trat eine Gestalt in sein Blickfeld. Sie leuchtete zuerst so weiss, dass es in seinen Augen schmerzte. Dann erkannte er das dünne Gerippe, den kahlen Schädel und die leeren Augenhöhlen. Und das Tambourin.

Die Figur setzte sich schweigend neben ihn, so dass Jonathan den Kopf drehen musste, um sie anzusehen.

Eine Weile verging, in der der Lärm um ihn herum ihm das Trommelfell zerfetzte, in der die Kälte überhandnahm über seinen verschwitzten Körper. Die Sekunden zogen sich langsam dahin und Jonathan entfuhr ein kleines Lachen. So lange wirkte die Zeit, die er hier lag und doch würde sie nicht genügen, um ihm zu retten. So schmerzhaft lange. Spielten ihm seine Sinne einen Streich oder dämmerte es tatsächlich am Horizont?

Träge blinzelte er zu dem Gerippe empor.

»Hey, Tamburin-Mann«, flüsterte er. »Spielst du ein Lied für mich?«

Der Schädel drehte sich zu ihm um.

»Ich bin noch nicht müde«, kam es langsam über Jons Lippen. »Darum spiele. Und ich folge dir, noch ehe es Morgen wird.«

Und der Spielmann hob die knochigen Hände, bevor sie sich auf die aufgespannte Haut des Instruments senkten und zu spielen begannen.


Weiter Flash Fictions zur Vorgabe Liedertext:

„Blut im Schnee“ von Evelyne Aschwanden

„Strip no more“ von Lucie Müller

„Eiszeit“ von Yvonne von Allmen

Flash Fiction: Hallo Spielmann
Markiert in:             

6
Hinterlasse einen Kommentar

avatar
4 Kommentar Themen
2 Themen Antworten
0 Follower
 
Kommentar, auf das am meisten reagiert wurde
Beliebtestes Kommentar Thema
2 Kommentatoren
Flash Fiction #2: Blut im Schnee – Die ganze Welt des SchreibensLucieFlash Fiction: Eiszeit | Die SchreibmotteCarmen CapitiStrip no more - Kriegssinfonie Letzte Kommentartoren
  Abonnieren  
neueste älteste meiste Bewertungen
Benachrichtige mich bei
trackback

[…] Capiti: Hallo Spielmann – based on Bob Dillans »Mister Tambourin […]

Lucie
Gast

Darf ich ehrlich sein? Ich kannte das Lied noch nicht (ich weiss eine enorme Wissenslücke) aaaber jetzt wird es mir immer in Erinnerung bleiben. Stimmt das mit dem Tod als Spielmann? Irgendwie erscheint mir das sehr plausibel 🙂 Es ist eine schöne Idee, besser als der Sensemann, der dir auflauert, wenn dein letztes Stündchen geschlagen hat.

trackback

[…] Hallo Spielmann Evelyne: Blut im Schnee Lucie: Strip no more […]

trackback

[…] „Hallo Spielmann“ von Carmen Capiti […]