Handschrift

Flash Fiction: Alte Freunde

Das Thema in diesem Monat lautete “Würfel”. Alle weiteren Informationen zu Flash Fictions und viele weitere Geschichten sind hier zu finden: http://flashfiction.ch/ueber-uns/


Alte Freunde

1918 – Italien
Sein ganzer Körper brannte. Als hätten hunderte Nägel sich hinein gebohrt. Um ihn herum schallten Schreie und Gewehrfeuer. Seine Hände klammerten sich um den Körper seines Kameraden, den er mit sich zog. Mit jedem Schritt verdunkelte sich seine Sicht stärker. Von Rand seines Blickfeldes her wurde es schwärzer und schwärzer, bis er nichts mehr sah, nichts mehr hörte, nichts mehr spürte.

»Hallo Ernest.«
Die Stimme war kühl, wie leiser Frühlingswind. Er öffnete die Augen und blickte in das bleiche, knochige Gesicht. Er wusste sofort, wen er vor sich hatte. Jeder Soldat hätte es gewusst.
Die eingefallenen Augen unter der schwarzen Kapuze musterten ihn. »Wie fühlst du dich?«
Ernest schloss die Augen, versuchte in sich hinein zuhorchen. »Als zögest du das Leben aus meinem Körper, langsam an einer Ecke, wie ein Seidentuch aus der Brusttasche eines Gentlemans.«
Die Gestalt lachte leise. »Du könntest ein grosser Dichter sein, junger Freund. Klingt das nicht besser, als auf dem Feld zu sterben?«
»Das tut es«, antwortete er bitter. »Doch dafür ist es zu spät. Ich spüre die Schrapnelle. Alle Zweihundertsiebenunddreissig.«
Die Gestalt streckte ihm die geschlossene Faust entgegen. »Noch liegt es an dir.«
Sie öffnete die Faust und darin kamen drei Würfel aus Knochen zum Vorschein.
»Ein Spiel?«
»Nur ein Wurf. Ein Entscheidender.«
Er fasste nach den Knöchelchen und drehte sie einige Male in den Fingern. Sein Mund verzog sich zu einem Lächeln. »Ein Dichter, hm?«
Er warf und schloss die Lider. Als das Klappern verklungen war, öffnete er sie wieder. Achtzehn Augen blickten ihm entgegen. Die Gestalt aber war verschwunden.

 

1935 – Key West
»Sehen Sie sich das an, Gentleman!«, rief John.
Noch lebte der Bullenhai, den sie mit vereinten Kräften auf den Bug des Fischerboots gezogen hatten. Das mächtige Tier zuckte mit dem Schwanz, öffnete lautlos den Mund und schloss ihn wieder, während die Kiemen unruhig flatterten. Drei von ihnen versuchten ihn soweit möglich, in Schacht zu halten, während John triumphierend lachte. »Geschieht im Recht, dem Biest. Drei Stunden hat er uns gekostet und …«
»Machen wir dem ein Ende«, unterbrach ihn Ernest grimmig und zog seinen Revolver. Mit zwei langen Schritten hatte er das Tier erreicht und stellte ihm das linke Bein auf die Schnauze. Den Lauf richtete er ihm direkt zwischen die Augen.
»Seien Sie vorsichtig, mein Freund!«, hörte er noch Johns Stimme, da betätigte er bereits den Abzug.
Heisser Schmerz fuhr durch sein Bein. Er musste abgerutscht sein und die rasiermesserscharfen Zähne des Hais hatten ihn erwischt.
»Bei Gott, Ernest! Legen Sie die Waffe fort!«, erklang es neben ihm.
»Mit der Feder vermag er besser umzugehen als mit dem Revolver!«, lachte ein anderer.
Noch immer zuckte das Biest. Ohne genau zu überlegen, legte Ernest, nun die Wut im Magen, den Revolver ein zweites Mal an und schoss.
Erneuter Schmerz. Schwindel. Schwärze.

»Schön dich wieder zu sehen, alter Freund«, erklang die kühle Stimme, an die sich Ernest sein Leben lang erinnern würde. »Aber unter diesen Umständen?«
Ernest blinzelte die Augen auf. »Umstände?«
»Zwei Schuss. Zwei Beine. Zwei Volltreffer. Man könnte meinen, du wolltest mich wiedersehen.«
Ernest wagte einen Blick zu seinen Waden. In beiden Hosenbeinen klaffte ein Einschussloch.
»Hab ich dir damals nicht gesagt, du solltest dich als Dichter versuchen und nicht als Soldat?«
Ernest winkte ab. »Das habe ich getan. Dies war ein Unfall.«
»Ich weiss«, sagte die Gestalt und Ernest konnte den amüsierten Spott darin hören.
»Was nun?«, fragte Ernest ungeduldig. »Nimmst du mich dieses Mal mit? Wegen dieser Lappalie?«
»Du kennst die Regeln.« Erneut streckte ihm die Gestalt die Hand entgegen. »Du hast einen Versuch.«
Ernest nahm die Würfel, schüttelte sie in der Faust und ließ sie fallen.

 

1954 – Afrika
Seine Frau beugte sich zu ihm herüber und sagte etwas, was vom Maschinenlärm der Cessna übertönt wurde. Ernest nickte nur und versuchte die Tatasche zu ignorieren, dass sich ihre Fingernägel in seinen Arm gruben. Es war ihr nicht zu verübeln. Erst am Tag zuvor waren sie mit einem ähnlichen Flugzeug abgestürzt, als der Pilot einen Schwarm Ibisse erwischt hatte. Das ›Willkommen, alter Freund‹ rang noch immer in seinen Ohren und jagte ihm einen Schauer über den Rücken. Einmal mehr hatte er ein glückliches Händchen bewiesen. Wie oft wohl noch?
Er schüttelte den Gedanken ab und umfasste die Finger seiner Frau. Wie groß war die Wahrscheinlichkeit, zweimal in zwei aufeinanderfolgenden Tagen in einen Flugzeugabsturz verwickelt zu sein?
Er wandte den Blick aus dem kleinen Seitenfenster und war schon gar nicht mehr wirklich überrascht, als er die Flammen aus den Triebwerken lechzen sah.
»Lucky Day«, dachte er sich.

»Dein Sinn für Dramatik begeistert mich, alter Freund.«
Ernest seufzte. »Ich wünschte mir einen Abgang, der mir mehr würdig ist.«
»Und wie würde dieser aussehen?«
Er schüttelte ratlos den Kopf, nahm die Würfel und warf.

 

1961 – Idaho
Ernest lauschte dem Knirschen der Stufen unter seinen Füssen. Sie klangen dumpf. Leblos, wie das Holz, aus dem sie gemacht waren. Wie alles um ihn herum und in ihm drin. Nur distanziert erinnerte ihn das Geräusch an die elektrischen Pulse, die ihm in der Mayo Klinik hätten gesund machen sollen. Was für lächerliche Versuche. Er war nicht krank. Bloß müde. Unsäglich müde.
Oben angekommen setzte Ernest sich auf das Bett, und atmete tief durch.
»Du und ich, mein treuer Begleiter«, sprach er leise zu der zweiläufigen Schrottflinte in seinen Händen. »Ein letztes Mal. Wie auf der Pilar im Golfstrom damals. Oder in Afrika.«
Er legte die Flinte an.

»Ich habe erwartet, dich bald wieder zu sehen, alter Freund.« Die Gestalt lächelte, wurde jedoch ernst, als sie ihn genauer betrachtete. »Ich verstehe.«
Sie öffnete die Faust, ohne sie ihm entgegenzustrecken und ließ die Würfel kunstvoll durch ihre knochigen Finger tanzen. »Es scheint, das einzige, was dich zu verderben mag, bist du selbst. Die Frage muss ich jedoch stellen: Willst du einen Versuch?«
Ernest verfolgte die Knöchelchen eine lange Weile lang mit den Augen. Die Bewegungen hatten etwas Einschläferndes. Irgendwann atmete er tief durch.
»Heute nicht, mein Freund. Heute nicht.«


Anmerkung: Wie einige vielleicht erkannt haben, handelt es sich bei der Hauptfigur um den Schriftsteller Ernest Hemingway. Die Geschichte ist inspiriert von einem Times-Artikel, in dem erklärt wird, wie Hemingway dem Tod fünfmal beinahe entkam. Und er ihn sich zum Schluss selber zufügte.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.