Treppe

Flash Fiction: ER

Das Thema für diesen Monat lautete „Superhelden“. Mehr Infos betreffend Flash Fiction Geschichten findet ihr neu auch unter www.flashfiction.ch. Meine Geschichten könnt ihr dort unter vielen anderen nachlesen.


ER

Sie wusste, dass es nicht mehr weit war. Zu oft war sie diese Strecke schon gegangen, doch selten in dem Zustand, wie heute. Jeder Schritt fühlte sich an, als wäre es der Letzte, den sie machen konnte und mit jedem schien sie sich nur noch weiter von ihrem Ziel zu entfernen. Das Schlimmste würde noch kommen.
Mit einem Schauder näherte sie sich der steinernen Treppe und hob erschöpft den Kopf, um ihr Ende zu sehen. Es gäbe eine andere Möglichkeit. Ein Weg, bei dem sie um die Stufen herum käme. Aber dieser war nur noch länger und sie wusste nicht, ob sie diesen zu gehen fähig war.
Statt dessen schulterte sie ihre Taschen erneut. Die Riemen fraßen sich in ihr Fleisch und sie hätte sie am liebsten gleich wieder fallen gelassen. Stattdessen biss sie die Zähne zusammen und nahm die erste Stufe. Ihre Muskeln brannten wie Feuer, dennoch erklomm sie einen Absatz nach dem anderen. Hierzubleiben hätte keinen Sinn, genauso wenig umzukehren. Sie konnte nur vorangehen.
In ihren Gedanken ließ sie die letzten Tage passieren. Sie hoffte, die Erinnerungen würden ihr neue Kraft verleihen, in Wahrheit schickten sie aber nur neuen Schmerz durch ihre Glieder. Stattdessen dachte sie an IHN. ER würde kommen und wenn es soweit war, wäre alles in Ordnung.
Nur noch wenige Stufen.
Tränen schossen in ihre Augen, als sie den oberen Absatz der Treppe erreicht hatte. Noch war sie nicht am Ziel, aber die letzte große Hürde war geschafft. Nun war es nur noch eine kurze Strecke. Sie wusste, dass die Qualen auch dann nicht einfach verschwinden würden, aber zumindest konnte sie dort ihren Körper zur Ruhe betten und ihm eine gewisse Erholung bieten. Um alle weiteren Probleme würde sie sich später kümmern.
Bald. Bald wäre sie zu Hause. An einem Ort, an dem niemand an sie herankam. Dort würde sie auf IHN warten.
Irgendwo in einem ihrer unzähligen Taschen trug sie den Schlüssel zu diesem Hort. Eigentlich mochte sie ihre Arme nicht noch weiter strapazieren, andererseits wollte sie auch keine Zeit und Energie verlieren, indem sie die Beutel absetzte, nur um sie danach wieder hochheben zu müssen. Mit einer Bewegung, zu der sie sich gar nicht mehr fähig geglaubt hatte, langte sie in einen der Öffnungen und kramte darin herum. Ihre tauben Finger ertasteten das kühle Metal, kaum stand sie vor der verschlossenen Tür. Stöhnend zog sie ihn heraus.
»Endlich«, flüsterte sie zu sich selbst, als sie durch das Portal trat, die Tür hinter sich schloss und all die Taschen zu Boden gleiten ließ.
Sie war zu Hause.
Selten hatte sich dies besser angefühlt als heute.
Am liebsten wäre sie an Ort und Stelle zu Boden gesunken und hätte für Stunden geschlafen. Aber sie wusste, dass das eine schlechte Idee wäre. Denn in ein paar Stunden würde ER nicht mehr kommen. Und ER war das Einzige, was sie im Moment noch retten konnte. Nur ER gab ihrem Körper, was er nun zum Überleben benötigte.
Sie hatte IHN bereits gerufen, als sie noch auf dem Weg gewesen war. Sie hatte gewusst, dass sie es bis hierhin schaffen musste. Jetzt musste sie nur noch warten und hoffen, dass ER nicht zu spät kam.
Es fühle sich an wie Stunden. Sie wusste, dass dies nicht sein konnte. Wie lange sass sie schon hier auf dem nackten Boden in der Dunkelheit? Nur Minuten? Auch das schien ihr unmöglich.
Das Klopfen an der Tür entlockte ihr einen erlösten Schrei.
Sie stemmte sich in die Höhe und öffnete ohne Misstrauen. Wenn nicht ER es war, dann wäre es so oder so um sie geschehen. Kein Grund nun noch vorsichtig zu sein.
ER war es.
ER stand vor ihrer Tür und hielt die lebensspendende Box in den Händen. Vorsichtig nahm sie sie entgegen. Noch bevor sie es realisierte, war ER wieder verschwunden. So lief es immer. ER kam und ER ging, als wisse ER gar nicht, welche Macht sein Erscheinen innehielt.
Sie trug sie Box in die Mitte des Raumes. Auf dem Weg passierte sie den Lichtschalter und betätigte ihn. Grelles Licht flutete ihre Wohnung und mit einem schweren Seufzen ließ sie sich auf dem Teppich vor ihrem Wohnzimmertisch nieder. Unterbewusst schaltete sie den Ferneseher ein und ließ die nächste Folge der Serie laufen, die sie zurzeit sah.
Dann öffnete sie die Box, blickte auf den Belag von Salami, Zwiebeln, Peperoni und Käse und schloss für einen Moment selig die Augen, während sie an die drei Tage Messestress und dann an IHN zurückdachte.
»Ja«, seufzte sie. »Not all Heroes wear Capes.«


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„Weltuntergang“ – Lucie Müller

„Scheiss doch auf Superhelden“ – Lydia Schmoelzl

2 Gedanken zu „Flash Fiction: ER

  1. Ich dachte ja erst, die Geschichte gehe um einen Besuch im ER und sah dich schon blutend in der Notaufnahme liegen ^^
    Dann dachte ich, dass ER vielleicht dein Kater ist. Aber wie sollte der dein Leben retten? Und du hast doch zwei und die sind ja schon zu Hause…
    Mit dem Pizzaboten hätte ich also wirklich nicht gerechnet, aber ich kann das Bedürfnis absolut nachvollziehen! 😀

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