roterWald

Flash Fiction: Warum hast du so große Augen?

Das Thema der Flash Fiction für diesen Monat lautete „Rot“. Eine Flash Fiction ist eine Kurzgeschichte mit maximal 1000 Wörtern.


Warum hast du so große Augen?

Gebückt schlich sie durch das Dickicht. Dornen zerrten an ihrem roten Mantel und der Flechtkorb am Arm blieb ständig irgendwo hängen. Entschlossen entriss sie ihn erneut einem Gestrüpp. Seit sie den Pfad durch den Wald verlassen hatte, kam sie nur noch langsam voran. Es war trotzdem die richtige Entscheidung gewesen. Sie wusste, wo sich die wachenden Augen des Irrsinns überall befanden und das Wichtigste war es, ihnen zu entgehen.
Hier spürte sie die Blicke der Krähen und Wiesel, aber diese standen auf ihrer Seite, das wusste sie. Auch sie fürchteten sich vor dem Bösen, dass den Wald seit einiger Zeit im Griff hielt. Immer mehr Tiere verschwanden, blutrünstig gerissen und in irgendeine Höhle verschleppt. Sie hatte es lange genug mit angesehen. Jetzt war es persönlich geworden.
Zeit, etwas zu unternehmen.
Mit schwer pochendem Herzen presste sie den Korb enger an sich. Auf einmal brach eine Gestalt durch das Gesträuch und sie stieß einen leisen Schrei aus. Der Fuchs zuckte zusammen und verharrte wie eingefroren. Er starrte sie aus aufgerissenen Augen an, die Ohren nach hinten gelegt und den Schwanz zwischen den Beinen eingeklemmt. Sein Körper bebte und sie wusste, dass sie auf dem rechten Weg war. Sie nickte dem Tier zu und wartete, bis dieses erkannt hatte, dass von ihr keine Gefahr ausging. Der Fuchs drehte den Kopf in die Richtung, woher er gekommen war, dann schenkte er ihr einen letzten durchdringenden Blick und verschwand im Dickicht.
Sie hingegen folgte der Spur, die er hinterlassen hatte. Tiefer in den Wald hinein.
Beständig wurde es kälter und sie zog den roten Mantel enger um den Körper, bis sie auf einmal stehen blieb. In der Dunkelheit hatte sie nicht bemerkt, wie sie sich immer weiter der Bergflanke angenähert hatte und nun stand sie vor einer Felswand, in der ein dunkles Loch prangte. Der Geruch von Blut und Verwesung schwoll ihr entgegen und raubte ihr für einen Moment die Sinne.
Angst erfüllte ihr Herz und sie wollte einfach nur umdrehen und zurück nach Hause laufen. Doch nein. Nicht nur für sich selbst, sondern auch für alle anderen Bewohner des Waldes musste sie dies hier tun.
Entschlossen streifte sie die Kapuze in den Nacken und festigte ihren Griff am Korb. Dann atmete sie tief durch und ließ zu, dass ihr Körper Kraft tankte aus dem Gestank in der Luft. So setzte sie den ersten Schritt in die Höhle.
Der Boden war glitschig von altem und neuen Blut. Der Geruch intensivierte sich mit jedem Schritt, doch sie zögerte nicht mehr. Nach einer Weile erhellte der ferne Schein eines Feuers den Gang. Wieder ging sie gebückt und schlich langsam voran. Als sich der Tunnel in eine Höhle weitete, verharrte sie im Dunkel. Die Flammen warfen unheimliche Schatten über die Wände, wo unzählige Trophäen hingen. Köpfe von Wildschweinen und Bären, Felle von Füchsen und Wiesel und abgetrennte Flügel waren nur ein Teil davon. Am Fuß der Wand standen hölzerne Käfige, die meisten leer.
Außer einem.
An dessen Rückseite gepresst lag ein schwarzer Wolf. Er zitterte am ganzen Leib und machte sich so klein wie nur möglich.
Der Anblick stach ihr ins Herz, sodass die Tränen ihr in die Augen schossen.
Da hob der Wolf auf einmal den Kopf und wandte sich genau in ihre Richtung. Als ihre Blicke sich trafen, stellten sich seine Ohren auf und sein Schwanz wedelte kurz vor und zurück. Sie hob einen Finger zu den Lippen und trat entschlossen in die Höhle. Eine Gestalt, knöcheltief versunken in Innereien und Blut, drehte ihr den Rücken zu, während sie sich über etwas beugte, was sie lieber nicht erkennen wollte.
»Hallo Oma«, sprach sie ruhig.
Mit einem überraschten Schrei wandte sich die Gestalt zu ihr um. Die grauen Haare waren zurückgebunden, standen jedoch in alle Richtungen ab. Das Gesicht war blutig und in den weit aufgerissenen Augen der Alten stand eiskalter Wahnsinn. Ein Grinsen breitete sich auf ihren Lippen aus und sie streckte ihr die Arme entgegen, ein langes, tropfendes Messer in der einen Hand.
»Kommst du, mir zu helfen?«, fragte sie mit einem kehligen Kichern.
Sie kniff die Augen zusammen und schüttelte langsam den Kopf.
»Ich komme, meinen Wolf zu holen«, sagte sie und zog die abgesägte Schrottflinte aus dem Korb.


Weitere Flash Fiction zum Thema „Rot“:

„Ixchel“ von Lucie Müller

„Scarlet“ von Yvonne von Almen

„Angst“ von Evelyne Aschwanden

„Die brennende Stadt“ von Isabelle Kluser

Das Thema für nächsten Monat lautet „Speed Dating“

7 Gedanken zu „Flash Fiction: Warum hast du so große Augen?

  1. Mir gefällt deine Interpretation von „Rotkäppchen“ total! 🙂
    Ich mag es ja allgemein, wenn bekannte Märchen neu aufgelegt oder aus einem unbekannten Blickwinkel beleuchtet werden. Mir gefällt diese gruselige Stimmung total. Deine Protagonistin erinnert mich mit ihrer Toughness (sagt man das so??) ein wenig an „Red“ aus „Once Upon a Time“. Kennst du die Serie?
    Und jetzt will ich natürlich wissen, was mit der Oma passiert ist – und wie die Dinge so ausser Kontrolle geraten konnten. Das schreit nach mehr! 😉

    1. Ja, ich musste aufpassen, dass ich mich nicht zu sehr von Red aus „Once upon a time“ oder von „Die Rotkäppchenverschwörung“ beeinflussen lasse. Es gibt inzwischen ja doch so einige Neuinterpretationen von diesem Märchen. 🙂

  2. ha! Taffe Mädels braucht die Welt.
    Mir gefällt diese Version viel besser, wenn Rotkäppchen sich mit dem Wolf verbündet. Der arme Wolf hat all die Jahre über ja genug abgekriegt. Langsam ist es Zeit für einen anderen Sündenbock!

    Hab mich kurz übrigens an die Strohpuppe aus „Die Geister von Ure“ erinnert gefühlt. Vielleicht war sie das ja in einem früheren oder späteren Leben?

  3. Hach, sehr schön. 🙂

    Ich stelle mir grad das kleine Rotkäppchen vor, wie sie mit dieser abgesägten Schrotflinte vor der Oma steht, irgendwie kommt mir immer so eine Comic-Szene in den Sinn 😉 Vielleicht verrät der Titel ein wenig zu viel – ich hatte damit gerechnet, dass sie sicher nicht den Wolf erschiesst, denn das wäre ja … nun ja. Zu naheliegend. Also musste es die Oma sein.

    So, ich sinniere jetzt noch ein wenig darüber nach, warum die Oma so tickt und was sie in der Vergangenheit sonst noch so alles angestellt hat … 🙂

    Ahja: Danke, dass auch diese FF-Runde nicht ohne Mord und Totschlag geblieben ist 😉

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