Hundeschlitten

Flash Fiction: Iditarod

Das Thema der Flash Fiction für diesen Monat stammt wieder von Yvonne von Almen und lautet „Eiseskälte“. Eine Flash Fiction ist eine Kurzgeschichte mit maximal 1000 Wörtern, was ich dieses Mal nur mit Ach und Krach nicht überschritten habe!


Iditarod

»Wie sieht es aus?«, erklang es über Funk, kaum hörbar im dröhnenden Maschinenlärm.
Jim warf seinem Copiloten einen vielsagenden Blick zu. Dieser verzog das Gesicht und nahm den Funk zur Hand.
»Nichts.« Nach einem Moment fügte er hinzu: »Der Sturm hat sämtliche Spuren ausgelöscht.«
Dies war keine Neuigkeit, doch Jim verstand Lucans Drang, etwas beizufügen. Etwas Erklärendes. Entschuldigendes.
Jim lenkte den Blick in die Tiefe.
Der Sturm hatte soweit nachgelassen, dass es ihnen immerhin möglich war, zu fliegen. Aber auch jetzt fragte sich Jim, wie sie da unten irgendwas entdecken sollten.  Alles war weiss. Selbst die frisch umgeknickten Bäume waren bereits wieder schneebedeckt.
Jim atmete aus und beobachtete, wie sein Atem die Scheibe des kleinen Propellerfliegers beschlug.
»Den Rainy Pass in der Nacht überqueren«, sagte Lucan kopfschüttelnd. »Bei dem Wetter. Warum nur?«
»Jugendlicher Leichtsinn?«, fragte Jim.
Es sollte ein Scherz sein, tönte aber nicht danach. Lucan lachte trotzdem kurz erzwungen auf.
»Denkst du, dass sie im Denali Park gelandet ist?«
Sie.
Susan Oldman.
Eine sechzigjährige Musherin, die mit ihrem Gespann zum ersten Mal zum Iditarod angetreten war, dem längsten und härtesten Hundeschlittenrennen der Welt. Sie hatte das Musher-Gen, daran bestand kein Zweifel. Dennoch brauchte es noch einmal das gewisse Etwas mehr, um sich dem Idarod zu stellen.
»Gut möglich. So ohne Orientierungsmöglichkeit«, antwortete Jim.
Lucan murmelte etwas, was die Triebwerke verschlangen, sich aber anhörte wie: »Nicht nur sie.«
Jim spähte hinaus und musste seinem Copiloten recht geben. Die Sicht verschlimmerte sich beständig. Er hatte sich von Herzen gewünscht, die Frau zu finden, und wenn nur ihre Überreste. Die Winter in Alaska waren gnadenlos und auch im März sorgte der Windchill nach wie vor für Temperaturen von bis zu -70 Grad. Niemand erwartet, dass Susan noch lebte.
Noch eine Runde, räumte sich Jim ein. Irgendetwas sagte ihm, dass sie da draußen sein musste.
Er stierte durch die Scheibe, versuchte, im Gestöber irgendwas ausfindig zu machen.
»Jim!«, schrie Lucan.
Jim schreckte auf, als auf einmal eine Felswand vor ihnen auftauchte, und riss die Maschine herum.
Das Flugzeug ächzte, als der Wind es von der Seite erfasste und das Heck gefährlich nah zur Felswand hindrückte. Jim hielt dagegen, wusste aber schnell nicht einmal mehr, in welche Richtung er steuert. Kreischen von Metal ließ ihn das Schlimmste annehmen. Im Schneegestöber erkannte er gar nichts, doch anhand der Kunststücke seines Magens musste es rasant bergab gehen. Er hob die Arme vors Gesicht und schickte stumm ein Gebet zum Himmel. Ein Schlag fuhr durch die Maschine, katapultierte seinen Kopf nach vorne und alles versank in Dunkelheit.

Zuerst war die Kälte. Sie erfasste von ihm Besitz, noch bevor er wirklich realisierte, am Leben zu sein. Sie lähmte seine Glieder und schickte wellenartigen Schmerz durch seinen Körper. Langsam kehrte das Bewusstsein zu Jim zurück.
Er zwang die Lider auseinander, nur um sie wieder zusammenzupressen. Wie winzige Nadeln stachen die Schneeflocken in seine Augen. Nun hörte er das Heulen des Windes und ein Gedanke drang an ihn heran: Ich lebe.
Als wäre es ein Geschenk des Himmels, erkannte er, dass er dieses nicht verspielen durfte.
Mit einem Stöhnen, das ihm in der Kehle schmerzte, hob er seine Hände zum Gesicht. Der raue Stoff der Handschuhe rieb über seine Wangen und entfachten ein Feuer, das seine Sinne zu verzehren drohte. Es gelang ihm, sich zur Seite zu drehen und in die Knie zu gehen. Er atmete so lange in die Fäustlinge, bis das Eis von seinen Wimpern schmolz. Dann schirmte er die Augen mit einer Hand ab und spähte ins Weiss.
Noch immer schneite es, doch bereits nicht mehr so stark, wie er es erwartet hatte. Er erkannte die Umrisse der Bäume und Felsen.
Von der Cessna oder Lucan war nichts zu sehen. War er während des Absturzes aus dem Flugzeug geschleudert worden? Hatte er selber den Notsitz aktiviert?
Er wusste nur, dass er schleunigst die Maschine und seinen Partner finden musste. Der Funk war ihre einzige Chance auf Rettung.
Irrte er sich, oder sah er zwischen dem Schneegestöber über den Wipfeln Rauch aufsteigen? Jim überlegte nicht lange, sondern setzt sich in Bewegung. Jeder Schritt schmerzte, aber er ignorierte es. Nur ein Schritt nach dem anderen. Irgendwann sah er in der Nähe umgeknickte Bäume. Er folgte der Spur, bis er das Wrack der Cessna erreichte.
»Lucan?«, schrie er gegen den Wind an, doch er erhielt keine Antwort. Dann erkannte er Bewegung von der anderen Seite der Maschine.
Er schleifte sich um das Flugzeug herum. Und erstarrte.
Er wusste, was er tun musste. Aber es gelang ihm nicht, auch nur einen Finger zu regen, bevor der Grizzly sich überrascht zu ihm umdrehte. Sofort stellte sich der Bär auf die Hinterbeine und brüllte. In dem Moment erklang ein Jaulen in der Nähe.
Nicht auch das noch, dachte sich Jim.
Bären waren das eine. Ein Alaskaner wusste mit diesen umzugehen, auch wenn ihm seine Glieder momentan nicht zu gehorchen vermochten.
Aber Wölfe …
Im Schneegestöber erkannte Jim die Gestalten, die den Bären und ihn umkreisten. Er hörte das Knurren und Fletschen der Zähne.
Auch der Grizzly erkannte die Angreifer, setzte die Pfoten wieder zu Boden und wandte sich den Wölfen zu. Diese zogen den Kreis enger, ohne anzugreifen. Der Bär nutzte eine Lücke zwischen den Tieren, um sich in die Bäume zu schlagen, und die Wölfe liessen ihn ziehen. Währenddessen stand Jim immer noch wie angewurzelt und starrte auf den reglosen Körper am Boden, wo der Bär soeben gestanden hatte. Dann trabten die Wölfe auch schon auf ihn zu.
Doch sie setzten nicht zum Sprung an. Zwei von ihnen legten sich links und rechts von Lucan hin und leckten ihm übers Gesicht, bis der Copilot aufstöhnte.
Erst, als sich eine weitere Gestalt abzeichnete, dämmerte Jim.
Keine Wölfe.
Hunde.
»Hallo?«, rief die Gestalt heiser.
Jim wollte antworten. Wollte ihren Namen rufen. Doch es gelang ihm nicht. Seine Stimmbänder versagten, als Tränen des Glücks in seine Augen traten und sofort gefroren.
Hinter ihm aus dem zerstörten Cockpit erklang die Stimme des Funkers.


Weiter Flash Fictions zum Thema „Eiseskälte“:
„Im ewigen Eis“ von Lucie Müller
„Schmelzwasser“ von Evelyne Aschwanden
„Kalter Mantel“ von Isabelle Kluser
„Der Waldgeist“ von Yvonne von Almen

10 Gedanken zu „Flash Fiction: Iditarod

  1. Manche Zufälle nennt man wohl „Schicksal“, was? 😉 Jetzt musste ich „Idarod“ ja erst einmal googeln gehen, um herauszufinden, ob es wirklich existiert. Ich habe noch nie davon gehört, aber ich finde es echt spannend. Wie hast du davon erfahren? 🙂

    1. Ich war im Sommer 2016 in Alaska in den Ferien. Unter anderem in Anchorage, wo das Rennen jeweils startet. Dort ist es fast unmöglich, nicht davon zu erfahren. 😉
      Ich war auch in einem kleinen Musher-Museum, wo sie eine Doku zum Rennen laufen hatten und es ist schon ziemlich unmenschlich, mit welchen Temperaturen die sich da rumschlagen. :/

  2. Oha, also, ich hätte ja mit diesem Ende nicht gerechnet – so „nett“ habe ich dich nicht eingeschätzt 😉

    Idarod kannte ich vom Namen her. Ich glaube, ich habe mal ein Buch (oder ein Hörbuch?) gelesen, in dem es um diese Rennen ging, aber ich habe keine Ahnung mehr, was das für eins war 🙁

    Aber ich finds beeindruckend, was Mensch und Tier für Strapazen auf sich nehmen (können). Danke für den kleinen Exkurs – und für das Happy End. 🙂

    1. Hehe. Ja, auch bei mir gibt es zwischendurch ein Happy End. Aber das Kontingent ist nun ausgeschöpft, von jetzt an gibt es wieder Mord und Totschlag. 😉

      Kein Buch, aber der Trickfilm „Balto“ behandelt übrigens die Hintergrundgeschichte des Rennens. Es musste nämlich dringend Medizin von Anchorage nach Nome gebracht werden, wo eine Seuche ausgebrochen war. Gute Gelegenheit diesen Film mal wieder zu sehen… 😉

      1. Oh, danke für den Tipp! Den guck ich mir mal an.

        Freut mich, dass es bei dir wieder Mord und Totschlag gibt – ich fühl mich immer so alleine, wenn am Ende wieder irgendwer gefressen wird. 🙂

        Übrigens, ich finde, du hast die 1000 Wörter gut genutzt, auch wenn du viel streichen musstest. Vor allem den Anfang finde ich sehr stimmig, ganz am Ende gings mir dann ein bisschen zu fix, ein bisschen mehr Action mit dem Bären wär noch cool gewesen. 🙂

  3. juhu ein Happy End 😀
    Ich dachte schon, du schlachtest so fröhlich wie Yvonne am Schluss 😉 Tolle Geschichte. Tja Menschen haben eben immer das Gefühl, sie müssen an ihre Grenzen gehen. Seien es Schlittenrennen in Eiseskälte, Wüstenmarathons oder Vakuumspaziergänge im All 😀

  4. Pingback: the dark sphere

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