Zum Lesen

Wer sich noch an keinen meiner Romane ranwagen will und mit Anthologien nicht viel anfangen kann, kann hier einige meiner Kurzgeschichte gratis nachlesen. Weitere Kurzgeschichten sind unter der Kategorie Flash Fiction auf meinem Blog zu finden.

Prävention

Prävention

Ich war um die sechs Jahre alt, als das Verfahren, nachdem ich behandelt wurde, legalisiert worden war. Damals verstand ich nicht, worum es geht, geschweige denn, dass ich mich an dieser Entscheidung hätte beteiligen können.

Auch während meiner Behandlung hatte ich keine Möglichkeit, mehr darüber zu erfahren. Ich lese die Bezeichnung heute zum ersten Mal: Entwicklungsprävention.

Viel weiss ich nicht mehr von meiner frühen Kindheit. Nur einige Dinge, die sich mir eingebrannt haben. Zum Beispiel die Besuche von Onkel Martin. Inzwischen ist er tot. Das hat mir meine Mutter, glaube ich, bei einer Visite erzählt.

An meine Großmutter erinnere ich mich nur vage. Offenbar habe ich als Kleinkind viel Zeit bei ihr verbracht, da meine Mutter früh wieder arbeiten ging. Es hingen viele Fotos von ihr in unserer Wohnung, auf denen auch ich zu sehen war. Sie starb bereits, als ich fünf war. Mich an mehr zu entsinnen, dafür ist es zu lange her.

Ich habe eigentlich das Gefühl, ein glückliches Kind gewesen zu sein. Ich hatte viele Freunde. Die behielt ich auch, als wir umgezogen sind. Ich habe mit ihnen Computerspiele gespielt über das Internet. So konnte ich den Kontakt halten. Wir waren immer eine eingeschworene Truppe und keiner der anderen Spielergruppen konnte mit uns mithalten. Oft haben wir bis in die Nacht hinein gespielt und waren hundemüde am nächsten Tag in der Schule. Unsere Eltern haben das zum Glück nicht immer mitgekriegt.

Ab und zu habe ich meine Freunde sehr vermisst, doch auch am neuen Ort knüpfte ich schnell neue Bekanntschaften.

Ja, ich war ein zufriedenes Kind, mit den alltäglichen Problemen, die ein Kind nun mal hat. Ich erinnere mich daran, dass ich kein Mathegenie war. Es hat mir von Anfang an viel Mühe und Frust bereitet. Ich war wohl eher der sprachliche Typ.

Ich bin ein Einzelkind. Meine Eltern sagten immer, sie wollen nur ein Kind, damit sie sich voll und ganz auf mich konzentrieren und dennoch beide arbeiten können. Ich hatte damit nie Probleme, denke ich. Meine Eltern kannten viele Leute mit Nachwuchs in meinem Alter, mit denen ich mich gut verstand. Bevor ich mit den Computerspielen begonnen hatte, mochte ich alle Art von Brettspielen. Und mein Vater hatte noch unzählige davon aus seiner Kindheit. Zum Teil waren da uralte Sachen drunter, die es heute gar nicht mehr gibt. Spiele, ohne jegliche Elektronik drin. Spiele, bei denen man noch von Hand würfeln musste. Ich fand das immer faszinierend und meine neuen Freunde damals auch. Darum hatten wir immer viel Besuch und ich fühlte mich nicht einsam.

Dann wurde ich abgeholt. Eine Frau und ein Mann sind gekommen und zeigten meinen Eltern irgendwelche Papiere. Ich erinnere mich daran, wie sehr sie geweint haben und der Mann musste mich sogar aus den Armen meiner Mutter zerren. Ich verstand damals nicht, was vorging. Ich verstand es auch später nie so ganz genau. Ich weiss nur, dass ich Angst hatte.

Ich wurde in ein Heim gebracht, zumindest nannte man es so. Ich erhielt denselben grauweißen Overall, den jedes der Kinder hier trug und man wies mich einem Zimmer zu. Dieses teilte ich mit zwei anderen Jungen in meinem Alter. Samuel war sehr schüchtern und sprach kein Wort. Zu ihm einen Draht zu finden war schwierig, im Gegenteil zu Alex. Wir bemerkten schnell, dass wir ähnliche Hobby und Interessen besitzen. Wie liebten dieselben Spiele und bastelten gemeinsam eine Brettspielversion von unserem liebsten Computergame.

Als eine der Betreuerinnen dies herausfand, wurde Alex in ein anderes Zimmer versetzt und man schien es uns absichtlich schwer zu machen, dass wir uns sahen. Als ich nach den Gründen frage, erhielt ich keine konkrete Antwort und es wurde mir nahegelegt mich nicht damit auseinanderzusetzen.

Nachdem Alex fort war, begann eine lange und einsame Zeit.

Ab und zu kamen Kinder zu uns, welche nicht aus dem Heim stammten und wir verbrachten den Nachmittag mit ihnen. Diese Kinder waren aber immer sehr schweigsam und nur ab und zu erzählte mir eines von ihnen etwas von sich selbst. Dadurch fand ich irgendwann heraus, dass sie Geld kriegten, wenn sie hierher kamen. Es war schwer mit ihnen so etwas wie eine Freundschaft zu etablieren.

Auch im heimeigenen Schulunterricht arbeitete jeder für sich. Die Lehrer waren sehr streng und verlangten viel von uns. Ich war oft Stunden mit Hausaufgaben beschäftigt. Das war auf die eine Art nur halb so schlimm. Es gab so oder so nicht viel, was mich als Freizeitbeschäftigung reizte. Yoga, Sport, Malen, Basteln – Nichts davon interessierte mich sonderlich.

Womit ich weitaus mehr Mühe hatte, war die unmenschlich frühe Tagwacht. Um fünf Uhr morgens wurden wir geweckt und zu Hausarbeiten verknurrt. Was mir dabei auffällig schien, war, dass immer dieselben Jungen um diese Uhrzeit schon wach waren und die anderen, wie Samuel zum Beispiel, noch weiterschlafen durften. Als ich mich in den ersten paar Wochen einmal weigerte aufzustehen, musste ich danach ein langes Gespräch mit einem der Ärzte führen und ich durfte eine Woche lang nicht an den außerschulischen Tätigkeiten teilnehmen. Wie bereits erwähnt war dies nur bedingt eine Strafe für mich. Sie verfehlte ihren Zweck dennoch nicht, denn mir wurde durch die Episode sehr schnell bewusst, dass ich hier mit Verweigerung nicht weit kommen würde. Also stand ich von da an um fünf Uhr auf und gewöhnte mich schnell daran. Und nach zwei Jahren gehörte ich zu denjenigen, die länger schlafen konnten.

Mit Ärzten sprechen, das beschlagnahmte einen großen Teil unserer Freizeit. Stundenlang sass oder lag ich auf einer Couch und musste ihnen Dinge über mich erzählen. Häufige Themen waren meine Familie, Freunde, meine Schule von damals. Ab und zu gaben sie mir Medikamente, von denen mir übel und schwindlig wurde. Nach und nach wurde mir klar, dass ich mich in therapeutischer Behandlung befand. Als Junge von vierzehn Jahren.

Das Schlimmste jedoch an meiner Situation war die Tatsache, dass mir der Zugang zu einem Computer verwehrt blieb. Dass ich keine Games mehr zocken konnte, damit kam ich mit der Zeit klar. Aber dass mir ohne Zugang zum Internet, sämtlicher Kontakt zu meinem alten Leben versagt wurde, machte mich zu Beginn wütend und traurig. Monatelang versuchte ich, die Betreuer und Ärzte dazu zu bewegen, mir einen Laptop zu besorgen, wie ihn andere Kinder auch hatten. Aber ich biss auf Granit. Irgendwann bemerkte ich, dass ich mich mit jedem Mal, wenn ich danach fragte, mehr von meinem Ziel entfernte. Ich begann also zu schweigen und es dauerte nur drei Jahre, bis ich zu festgelegten Zeiten und unter Aufsicht einen Computer benutzen durfte. Als es so weit war, wusste ich nicht, was damit anzufangen. Ich konnte meine damaligen Freunde nicht erreichen und ich hätte auch nicht gewusst, was ich ihnen hätte sagen sollen. Also ließ ich es bleiben.

Ich glaube, die Ärzte waren zufrieden mit meiner Veränderung.

Ab und zu durften wir uns Filme ansehen, welche von moralischen Grundsätzen nur so trieften. Sie waren weder spannend noch unterhaltsam, aber mit der Zeit gewöhnt man sich an alles.

Als ich in ein gewisses Alter kam, klärte man mich mit interaktiven Videos über die Sexualität auf. Mädchen in meinem Alter sah ich jedoch nie. Unsere Trakte waren rigoros getrennt und die einzigen weiblichen Wesen, die ich je sah, waren die Heimmitarbeiterinnen und meine Mutter.

Meinen Eltern waren gelegentliche Besuche erlaubt. Sie waren immer am Boden zerstört, wenn sie vorbeikamen und ich sah ihnen an, dass das schlechte Gewissen sie plagte. Ihr Anblick munterte mich nicht gerade auf, sondern deprimierte mich zusehends.

Irgendwann erklärten sie mir, dass sie nie daran gedacht hatten, sich zu trennen. Sie waren wegen sexueller Probleme in der Paartherapie gewesen. Ich verstand damals nicht, weshalb sie mir dies erzählten. Ich hatte nie den Verdacht geschöpft, dass etwas in der Ehe meiner Eltern falsch lief. Da ich mich dafür schämte über die Sexprobleme meiner Eltern zu sprechen, fragte ich nicht weiter nach.

Ich wuchs heran, einsam und ohne Verständnis für meine Situation.

Die Erziehung war strikt und ich lernte, dass der Weg des geringsten Widerstands auch der Weg war, der mich wohl am schnellsten hier rausbringen würde. Dennoch dauerte es fünf Jahre.

Wir wurden 24 Stunden am Tag überwacht und alle unsere Tätigkeiten wurden aufgezeichnet und ausgewertet. Meine Privatsphäre war inexistent.

Heute weiss ich, dass ich nie eine Privatsphäre hatte. Dass niemand von uns je eine hatte.

In Wahrheit ist das hier eine geschlossene Anstalt für kriminelle Jugendliche, wie ich heute erfuhr. Ab meinem vierzehnten Lebensjahr verbrachte ich meine Tage in der „Abteilung für präventive Maßnahmen gegen zukünftiges Fehlverhalten“. Dort wurde ich behandelt wie ein verhaltensgestörtes Kind und musste unzählige Therapien und medizinische Behandlungen über mich ergehen lassen.

Heute ist mir einiges klarer. Ich bin 19 Jahre alt und sollte nächste Woche endlich entlassen werden. Auf meinen Wunsch hin wurde es mir erlaubt, meine Akte einzusehen. Zumal man mir bis heute keine wirklichen Antworten auf meine Fragen gegeben hat.

Die Blätter meiner Patientendokumentation liegen nun in meinen zitternden Fingern. Die Akte mit dem Vermerk „eventuelles Scheidungskind“, auf welchem die Daten der Paartherapiebesuche meiner Eltern gelistet sind, liegt noch auf der Kante des chaotischen Schreibtisches des Abteilungsleiters.

Tränen fließen über mein Gesicht und tropfen auf die restlichen Dokumente, die ich bereits zum dritten Mal lese und die ich eines nach den anderen zu Boden gleiten lasse. Während ich die Fakten und Notizen lese, schwirren in meinem Kopf die Erinnerungsfetzen an gewisse Geschehnisse herum und Bilder erscheinen vor meinem inneren Auge. Erinnerungen an Situationen, die lange Zeit zurückliegen und von denen ich nie jemandem erzählt hatte.

[Hey Stinkstiefel. Bist spät dran.]

Ich grinse automatisch und vermisse die Jungs sofort wieder. Seit ich umgezogen bin, haben wir nur noch unsere gemeinsamen Sessions beim online gaming. Ich haue meine Antwort in die Tasten.

[Ich weiss, sorry. Wo sind Blindgänger und Schwabbelbauch?]

Es ist lange her, seit wir uns die gegenseitigen „Codenamen“ verpasst haben. Es sind keine Beleidigungen, auch wenn sie sich so anhören. Hinter jeden steht eine Geschichte, die uns zusammenschweißt. Sie gehören zu unserer Einheit.

[Blindi kann heute nicht. Hat n‘ Date.]

Auch wenn ich meinen alten Freund nur über das Headset höre und nicht sehe, kann ich mir sein dreckiges Lächeln genau vorstellen. Blindgänger fehlt oft bei unseren allwöchentlichen Gamesessions, weil ihn seine Mutter zu den unmöglichsten Zeiten zur Hausarbeit verknurrt.

[Und Schwabbel?]

[Kommt später. Aufwärmen?]

Ich checke meinen Status und nicke zufrieden.

[Aber klar doch!]

Immer noch ungläubig überfliege ich die Kopie die Abschrift dieses Gesprächs und die dazugehörige Notiz der Ärzte:

[Dossier 01-05] Der Patient wurde in seinem Freundschaftsumfeld mit Spottnamen und Beleidigungen bedacht. Es ist wahrscheinlich, dass er auch in anderer Umgebung zum Mobbingopfer wird. […]

Meine Großmutter kneift mir in die Wange. Ich glaube, ich bin drei oder vier Jahre alt. Es ist das einzige Bild, das ich von ihr im Kopf habe.

Ich muss mich anstrengen, mich überhaupt an die alte Frau erinnern zu können. In meinem Dossier steht der Vermerk:

[Dossier 01-07] Der Tod der nahestehenden Großmutter, einer wichtigen Bezugsperson, in noch jungen Jahren – der Patient war zu dem Zeitpunkt sechs Jahre alt – hinterließ mit grosser Wahrscheinlichkeit ein leichtes, psychisches Trauma. […]

[MEIN STATUS: ] steht auf dem Monitor geschrieben.

Ich reibe meine geröteten Augen und starre dann eine Weile auf den blickenden Cursor in meinem Statusfeld. Neben mir auf dem Pult liegt das zerknüllte, verhasste Papier, mit welchem ich gerade nach Hause gekommen bin.

[MEIN STATUS: ]

Ich will mir einfach alles vom Leib schreiben, doch ich weiss nicht, wie ich es formulieren soll. So viele Stunden habe ich investiert. So viel Zeit, in der ich andere, sinnvollere Dinge hätte tun können. Aber nein, ich habe all die verdammten Aufgaben gelöst in meiner Freizeit und habe sogar Nachhilfe von meiner Mutter akzeptiert. Ich hatte auch echt ein gutes Gefühl bei der Sache. Und nun habe ich das Resultat gekriegt. Ungenügend … Alles umsonst.

[MEIN STATUS: ]

Ich schreibe.

[Schule ist Scheiße! Ich mach echt nie wieder auch nur einen Finger krumm für den Mist. Bringt doch eh nichts! Ich mach sonst irgendwie das große Geld. Straßenkünstler oder Gametester oder so was. Alles ist besser investierte Zeit als dieser Müll!]

Unzählige solcher Frustnachrichten prangen auf dem Dokument in meinen Händen. Nachrichten eines Teenies, der nicht allzu gern zur Schule ging. Ist das verhaltensauffällig?

Die Interpretation der Ärzte lautet:

[Dossier 02-09] Anhand der Analyse seiner Nutzung von Social Networks kann eine Schlafstörung des Patienten nachvollzogen werden. Außerdem zeigt er eine auffällige Unlust zur Schularbeit. Dies sind deutliche Anzeichen für eine unakzeptable Arbeitsmoral in späteren Jahren. […]

„Hallo Martin.“

Ich höre, dass meine Mutter anders klingt als sonst. Durchaus freundlich, aber nicht so herzlich, wie wenn sie mit mir oder anderen spricht.

„Hallo Schwesterherz.“

Als mein Onkel meine Mutter auf die Wange küssen will, weicht sie zurück. Dann entdeckt er mich.

„Da ist ja mein Lieblingsneffe! Komm her.“

Ich nähere mich langsam und schüchtern. Onkel Martin bringt immer Schokolade mit, wenn er auf Besuch kommt. Aber das ist auch das Einzige, was ich an ihm mag. Ich bin nicht gern in seiner Nähe. Er spricht undeutlich und stinkt grausam. Meine Eltern wollen auch nicht, dass ich mit ihm spiele.

Was Martins Gestank für einen Ursprung hatte, wurde mir erst klar, als ich das nächste Blatt meiner Akte vor einer Stunde überflogen habe. Kein Wunder war er schon vor ein paar Jahren gestorben.

[Dossier 03-09] Eine Häufung von Alkoholkrankheit wurde im familiären Umfeld des Patienten festgestellt. Eine langfristige Beeinflussung seiner Psyche ist nicht auszuschließen. […]

[Was für einen Gesamtrang habt ihr??????]

Ich stehe vor meinem Computer, während ich mit meiner Schulfreundin chatte. Ich bin zu aufgeregt, als dass ich mich ruhig auf meinem Stuhl halten könnte.

[497! 4 9 7 ! VIERHUNDERTSIEBENUNDNEUNZIG!], lautet meine Antwort. [TOP 500!], füge ich hinzu.

[Woooow. Ihr seid doch echt die Freaks. Das is weltweit, oder?]

[Und ob! Wir sind die Geilsten und machen ALLES fertig, was sich uns in den Weg stellt]

[Mensch, mein Team lümmelt was in den 1000er rum. Will auch!]

[GUNPOWER III ist einfach das geilste Game, das aufm Mark ist. Seit … verdammt seit EVER! Ich könnt den ganzen Tag nix anderes tun!]

[Agreed!]

Tränen schießen mir abermals in die Augen. Ich erinnere mich ganz genau an dieses Gespräch. Es war der schönste Tag meines Lebens, als die neue Rangliste erschien. Vermutlich wird er das auch bleiben.

[Dossier 03-12] Der Patient neigt zur exzessiven Benutzung gewalttätiger Computerspiele. Suchtanzeichen und Rivalitätsdenken sind ausgeprägt vorhanden. […]

„Junge, du musst dich schon etwas mehr anstrengen bei der Sache.“

Ich keuche und mein Kopf sieht wohl aus wie eine riesige Tomate. Ich will etwas erwidern, aber mein Trainer spielt mir sofort einen neuen Ball zu.

„Na los. Noch eine Runde, Kleiner.“

„Jonas“, bringe ich hervor. „Ich kann nicht mehr. Pause, bitte.“

Jonas grinst und klopft mir dann freundschaftlich auf die Schultern.

„Fussball ist nicht nur einen Ball zu treffen, klar? Du musst auch rennen können.. Keine Schnelligkeit, keine Tore. Also noch eine Runde durch den Parcours und dann gibt’s Pause.“

Eigentlich mag ich kein Fußball. Ich finde den Sport dämlich und besuche ihn nur, weil meine Mutter mich hinschickt. Doch Jonas hat es geschafft, meinen Ehrgeiz zu wecken. Ich mag den Sport noch immer nicht. Aber ich mag die Herausforderung, die er mir bietet.

Meine Hände verkrampfen sich, als ich die nachstehenden Worte lesen, welche diese Erinnerung in mir weckten.

[Dossier 03-14] Der Patient befindet sich in der Zone of Suspects unter Beizug der „Two degrees of Separation“-Methode. Dies aufgrund seiner Verbindung zu Jonas LeBlanc, dessen Bruder Simon LeBlanc ein überführter Kreditkartenbetrüger und Mitglied einer bekannten Verbrecherorganisation ist. […]

Ich habe es mir erklären lassen, gerade vorhin vom Abteilungsleiter. Zone of Suspects. Two degrees of Separation. Dieser Ansatz macht jeden verdächtig, der über maximal zwei Ecken mit einem Kriminellen zu schaffen hatte.

Die Mafia – mein Sportlehrer – ich

Ich bin verdächtig.

Das sind die Gründe, weshalb ich abgeholt wurde. Darum wurde ich eingeliefert. Darum setzte man mich unter Drogen und versuchte meine Psyche umzuprogrammieren. Mit meinen vierzehn Lebensjahren wies ich so viele Anzeichen auf, dass ich mich zu einem verhaltensgestörten jungen Erwachsenen heranentwickeln würde, dass man mich frühzeitig behandelte.

Entwicklungsprävention.

All die Gespräche mit den Ärzten waren zu meinem Besten gewesen. All die Restriktionen beim Umgang mit anderen Menschen oder mit netzfähigen Geräten waren da, um mich vor mir selbst zu schützen. Das morgendliche Frühaufstehen half mir, meine Schlafstörungen in den Griff zu kriegen.

Alles war dazu da, mein diagnostiziertes, abnormes Verhalten in die richtigen Bahnen zu lenken.

Offenbar hatten sie Recht.

Und offenbar haben sie versagt.

Meine rechte Hand zittert, als ich den blutigen Brieföffner wieder an seinen Platz lege und ich überlege, was ich tun soll. Meine Augen überfliegen noch einmal die losen, besudelten Blätter am Boden und aus irgendeinem Grund entscheide ich mich dafür, zu laufen.

Was auch immer geschieht, ich will ein einziges Mal in meinem Leben unauffindbar sein. Nochmals ein einziges Mal die Welt da draußen sehen. Bevor sie mich finden und in die nächste Anstalt bringen.

Ich trete aus der Tür und spüre den erkalteten Blick des Abteilungsleiters noch in meinem Rücken, bevor ich den wohl ersten und letzten Schritt in die Freiheit nehme.

 

Tagebuch eines Wissenschaftlers

Tagebuch eines Wissenschaftlers

Auszug aus dem Tagebuch von Dr. Jacques Lamac,

27.09.2073, Neu-Genf

Heute ist so ein Tag, an dem meine Gedanken ständig abschweifen. Ich bin jedoch der Überzeugung, als 74-jähriger Doktor der Physik muss ich mir da keine Vorwürfe machen. Als ich jung war, dachte ich immer, mit 65 sei man endlich frei von Arbeit und könne tun, was man möchte. Offenbar ein Fehlschluss.

So viel hat sich seither verändert. Täglich von den Modellen und Fotografien aus dieser vergangenen Zeit umgeben zu sein, schlägt definitiv aufs Gemüt. Besonders wenn man weiß, dass draußen die Ödnis und der Tod herrschen.

Es war ja absehbar gewesen, dass so etwas passierte. Nur eine Frage der Zeit, bis das alles hochging und das Leben verpestet. Ich gebe zu, nicht geglaubt zu haben, dass unsere Bunker dem standhalten würden.

Und nun finden wir uns hier, die Vielversprechendsten unter den Überlebenden. Allesamt alternde Knochensäcke, die hoffen, die Welt retten zu können.

Dass jemand daran gedacht hatte, ein Schwadron Hydro-Bots zur Wasserreinigung mit in die Schutzräume zu nehmen, war elementar für unseren Überlebenskampf. Ohne sie wären wir längst dahingesiecht. Genauso wichtig waren die diversen Vital-Bots. Für unsere, unter ständigem Angriff der Strahlung stehenden Körper reichten sie zwar bei weitem nicht aus, aber sie gaben uns die nötige Zeit, um sie weiterzuentwickeln. Heute überlebt keiner von uns ohne die tägliche Infusion mit den unzähligen, verschiedenen Robotern, die im Körper die Zellen reparieren, das Essen verarbeiten und bei einigen bereits die Aufgabe des langsam versagenden Nervensystems übernehmen.

Regelmäßig scheiden wir eine geringere Anzahl der Bots wieder aus, sammeln sie, reinigen sie, erneuern ihr Programm und injizieren sie abermals. Manche verirren sich im Körper und werden nie mehr hervorgebracht und am Ende gleichen unsere Blutbahnen einem Schrottplatz. Bis wir weitere kleine Maschinen entwickeln, die diese Wracks aufspüren und entsorgen. Irgendwann …

Als wir es vor einiger Zeit endlich geschafft haben, einer künstlichen Pflanze die Funktionen von Photosynthese und Transpiration durch Nano-Bots zu implementieren, war dies ein großer Durchbruch. Die Luft ist zwar nach wie vor vergiftet, doch wir bemerken bereits einen enormen Qualitätsunterschied. Und dies gibt uns Hoffnung.

Wie lange wird es wohl dauern, all die tote Materie da draußen wegzuräumen und mit diesen neuen, imitierten Wunderpflanzen zu ersetzen? Die Fotos der verschiedenen Bäume und Blumen von vor so vielen Jahren, an denen wir uns orientieren, lassen uns regelmäßig in tiefe Melancholie verfallen.

Dadurch dürfen wir uns jedoch nicht aufhalten lassen. Dadurch erreichen wir keine Neuerungen und diese sind bitter nötig. Die Menschheit wird alt. Das Durchschnittsalter ist längst über demjenigen, wo Fortpflanzung noch möglich wäre. Aber bereits die Jüngeren sind dazu nicht mehr befähigt. Die Produktion der männlichen Erbträger wurde durch unsere Körper vor geraumer Zeit eingestellt. Ich möchte mir auch nicht vorstellen, mit welchen Fehleigenschaft Kinder zur Welt gekommen wären, hätte es sie seit dem GAU gegeben.

Und nun arbeiten wir, sterbende Männer und Frauen, daran, winzige Roboter zu entwickeln, die das Erbgut aus dem Gewebe extrahieren und aufnehmen können, um dann in einer künstlichen, geschützten Umgebung die Entwicklung eines Embryos zu überwachen. Sollten wir damit scheitern, ist es zu Ende mit der Menschheit und sie wird langsam und stetig der Auslöschung entgegensiechen. Sind wir erfolgreich, spielen wir Gott. Ein gnädiger, jedoch überaus pedantischer Gott.

Daran zu denken, dass ein Leben ohne diese kleinen, unnatürlichen Helfer zukünftig unmöglich sein wird, weckt gemischte Gefühle in mir. Der Ingenieur jubelt ab diesem unvorstellbaren, technischen Erfolg. Der Mensch hingegen bangt. Was, wenn uns Fehler unterlaufen?

Was, wenn nicht?

 

Katertheater

Katertheater

So also mussten sich die Gegner von Rocky jeweils nach dem finalen Boxkampf gefühlt haben.

Samuel wälzte sich stöhnend im Bett von einer Seite zur anderen. Warum nur hatte er am Vorabend vergessen, den Wecker auszuschalten? Wobei „Vorabend“ eine denkbar heuchlerische Zeitbezeichnung war, wenn man bedachte, dass er sich vor vielleicht vier Stunden ins Bett geschleift hatte.

Das Klingeln dröhnte wie ein Presslufthammer zwischen seinen Ohren und nur mit Müh und Not gelang es Samuel, das Objekt der Qual zu ertasten und zum Schweigen zu bringen.

Nun war die akustische Folter vorüber, dies änderte aber kein bisschen an der Tatsache, dass sich die Welt zu drehen schien.

Gestern hatte er die letzte Prüfung seines Anglistikstudiums absolviert. Wie gut er abgeschnitten hatte, daran konnte er sich nicht erinnern. Kaum war er aus dem Raum gestürmt, hatten ihn seine Freunde mit Bier und Schnaps erwartet. Viel Bier und noch mehr Schnaps. Er wusste, dass er sich einen solchen Abend verdient hatte, aber der Preis am nächsten Morgen war jeweils viel zu hoch.

Nun lag er wach und ihm war zu übel und zu schwindlig, als dass er wieder hätte einschlafen können. Er hörte die Haustüre gehen und wusste, dass seine Mitbewohnerin soeben zur Arbeit aufgebrochen war. Immerhin würde er daher den ganzen Tag in der Unterwäsche vor sich hinsiechen können. Aber vielleicht war eine kalte Dusche die bessere Idee.

Unter Schmerzen kämpfte sich der Absolvent aus den Laken und auf die Beine. Es dauerte eine Weile, bis er sich sicher war, festen Stand zu haben. Dann schlurfte er aus seinem Zimmer in Richtung Bad. Dabei passierte er die Küche und ein Duft, der ihn normalerweise Luftsprünge machen ließ, kroch in seine Nase. Heute verstärkte er nur sein ohnehin schon großes Elend.

Dennoch spähte er in den Raum und machte sogleich große Augen. Der Tisch war reich gedeckt mit allen Leckereien, die er sich sonst ohne Probleme zuhauf einverleiben konnte.

An der Küchentür hing ein handgeschriebener Zettel.

 

Guten Morgen Sam

Ich gratuliere dir zur letzten Prüfung, großer Dichter. Ich hoffe du hast Hunger!

Gruß,

M.

 

Nun überkam ihn gleich doppelter Schmerz: der seines Magens und der seines Gewissens. Seine Mitbewohnerin hatte ihm das beste Frühstück gezaubert, das er sich wünschen konnte und er würde nicht einen Bissen davon herunterkriegen. Bedrückt näherte er sich dem Tisch und setzte sich hin, als er wieder zu schwanken begann.

Seine Augen glitten über die Köstlichkeiten. Was er vorhin gerochen hatte, war der gebratene Speck. Daneben standen ein Frühstücksei, frisch aufgebackene Croissants, aufgeschnittene Früchte, Käse, Schinken und einiges mehr.

Er bediente sich bei dem Einzigen, wovon er annahm, dass er es eventuell bei sich behalten konnte, und goss sich eine Tasse Tee ein. Dann lehnte er sich zurück und dachte darüber nach, wie seine Prüfung wohl gelaufen war. Die Intensivität seiner Trinklaune vom Vorabend mochte Indikator sein für ein sehr gelungenes, aber auch ein deprimierend mieses Resultat.

Was war das Thema gewesen? Irgendetwas Literarisches auf jeden Fall, vermutlich die Interpretation eines besprochenen Werkes.

Während Samuel sinnierte und auf die Tischplatte starrte, musste er plötzlich blinzeln. Hatten sich die Kiwihälften soeben bewegt?

Unmöglich. Seine Nerven spürten den Restalkohol wohl noch ebenso, wie sein übriger Körper.

Mit diesem Gedanken im Kopf glotzte er weiter etwas unbeteiligt auf den Frühstückstisch, während die beiden Fruchthälften hin- und herschaukelten. Als Samuel dies so betrachtete, schien es ihm, als würden sie sich vom Salzstreuer weg, hin zum Teller mit aufgerollten Schinkentranchen bewegen.

Von einer optischen Täuschung überzeugt, beobachtete der Absolvent anteilslos, was weiterhin geschah. Dann schreckte er jedoch kurz zurück und verschüttete etwas von dem heißen Tee auf seinen nackten Beinen. Fluchend sprang er auf und eilte zum Waschbecken, um einen nassen Lappen zu holen. Erst als dieser kühlend auf seinem Oberschenkel lag, sendete sein Körper die Strafe für die abrupten Bewegungen. Stöhnend setzte sich Samuel wieder an seinen Platz am Tisch.

Dann befasste er sich damit, was ihn so hatte aufschrecken lassen. War dieses Schinkelröllchen gerade von seinem Teller gesprungen? Oder hatte es schon immer, zwischen den Kiwihälften, neben dem Salzstreuer gelegen?

Vermutlich Letzteres. Auch Melanie war ab und zu etwas zerstreut am Morgen.

Jetzt aber rollte die Schinkentranche vor seinen Augen von den Kiwis fort und zu dem bereitgestellten Frühstücksei auf Samuels Teller hinüber. Dort sammelten sich kurz darauf auch ein dicker, gebratener Streifen Speck, ein geschnittenes Käsestück und ein aufgebackenes Croissant. Nach einer stummen Weile bewegten sich Ei und Schinken fort von der Gruppe, bevor sich das Ei selbstständig zu dem mysteriösen Salzstreuer rollte.

Unsinn! Das mussten die Nachwirkungen vom ständigen Büffeln, in Kombination mit seinem Mordskater sein. Aber warum sollte er sich nicht an diesem Schauspiel erfreuen? Für etwas anderes, als an dem Tisch sitzen und Tee zu schlürfen, fehlte ihm so oder so die Energie und die Körperbeherrschung.

Nachdem die Szenerie eine Weile so blieb, verschwand das Salz hinter einem Jogurtbecher und das Ei kehrte zu der Schinkentranche zurück. Was war nur so interessant an dem Gewürz?

Der Schinkenaufschnitt rollte dann seinerseits an seinen Platz unter den anderen Fleischscheiben, während das Ei sich seltsam aufzuführen begann.

Es kugelte hin und her, drehte sich um seine eigene Achse und hüpfte sogar etwas in die Höhe, so dass Samuel befürchtete, es müsse bei der Landung zerbrechen.

Ein verrückt gewordenes Frühstücksei? Was hatte er noch zu erwarten? Da begann es hinter seiner Stirn zu arbeiten, denn das sonderbare Spiel erinnerte ihn an etwas Bestimmtes.

„Hamlet“, krächzte er auf einmal und bemerkte, dass seine Stimme auch gelitten hatte unter den Geschehnissen der vorhergehenden Nacht.

Das war das Thema der Prüfung gewesen, oder zumindest eines davon: Shakespeares Hamlet, der Prinz von Dänemark.

Während Samuel sich versuchte an die Details der Prüfung zu erinnern, schob sich auf einmal ein halbes Stück Brot an das Ei heran, doch dieses führte seinen irren Tanz unbeeindruckt fort. Samuel beugte sich hinab und war sich bewusst, dass er sich lächerlich machen würde, hätte jemand zugesehen.

„Bist du Hamlet?“

Das Ei reagierte nicht.

Der Absolvent studierte weiter und nickte dann langsam.

„Hamlet also.“

Die Kiwis als die Burgwache, der Salzstreuer als der Geist des ermordeten Königs und die Schinkentranche als Hamlets Freund Horatio führten auf seinem Frühstückstisch ein Theater auf. Speck und Käse mussten dementsprechend Onkel und Mutter des Prinzen sein.

Ebengerade hatte Hamlet sich selbst davon überzeug, dass seines Vaters rachsüchtiger Geist sein Unwesen trieb und er hatte durch ihn herausgefunden, dass sein Onkel den König ermordet hatte. Nun spielte die Szene, in der man zu munkeln begann, Hamlet sei dem Wahnsinn verfallen. Samuel konnte sich nicht mehr daran erinnern, was wirklich in der Geschichte geschah, obschon er erst am Vortag darüber geprüft worden war.

Das Stück Brot musste seine umworbene Ophelia sein, die Hamlets gespielter Wahnsinn tief treffen würde.

Demnach war das zurückgebliebene Croissant – Speck und Käse hatten sich wieder verzogen – Polonius, Ophelias Vater. Nur Laertes, dessen Sohn, fehlte in der Szenerie. Oder wurde seine Rolle möglicherweise vom Teller gespielt?

Das Croissant wälzte sich alsbald wieder fort und vereinigte sich mit dem Hamlet-Ei. Nun folgte also die Szene, in der Polonius Hamlets Liebe zu Ophelia prüfte.

War die berühmte Totenkopfszene eigentlich bereits vorüber? Je öfter er sich solche Fragen stellte, desto sicherer war sich Samuel, bei der Prüfung versagt zu haben.

Nun scharte sich eine große Menge von Akteuren auf dem Tisch.

Speck und Käse thronten auf dem Tellerrand, während einige Orangenschnitze sich vor ihnen aufbauten. Dies musste die Schauspielertruppe des Hofes sein. Das Ei hielt sich geschickt im Hintergrund.

Über die schauspielerischen Fähigkeiten von Früchten mochte man streiten, Samuel war auf jeden Fall froh, die Geschichte bereits zu kennen. Ansonsten hätte er nicht erkannt, dass sie die Ermordungsszene an Hamlets Vater nachspielten. Die Specktranche, offensichtig des Königs Bruder und Mörder, rauschte sogleich empört ab. Zumindest interpretierte Samuel dies in dessen unwahrnehmbaren Fettzügen.

Das war der Beweis, den Hamlet brauchte und er beschloss endgültig, seinen Onkel zu töten, um die Rache zu vollenden.

Er folgt seiner Käse-Mutter auf ihr Zimmer, ein weiterer Teller, und erfasst auf einmal einen Zahnstocker, der bereits als Abfall Melanies herumlag.

Dann sprang das Ei vom Teller und bohrte das Holzstück in das Croissant, welches sich hinter einem Glas Konfitüre versteckt gehalten hatte.

Diese Szene war sehr tragisch, daran erinnerte sich Samuel. Hamlet hatte, in der Absicht seinen Onkel zu töten, den armen Polonius erstochen. Dies hatte zur Folge, dass sich Ophelia vor Trauer ertränkte, was das Stück Brot eben dramatisch in einer Schüssel Milch zum Besten gab.

Jetzt käme das Finale, doch noch immer vermisste Samuel die tragende Rolle des Laertes.

Die beteiligten Akteure bezogen Stellung. Ein Höfling erschien in Form eines Würfelzuckers, während Speck und Käse sich wieder auf dem Hauptteller positionierten. Der Zucker trug zwei Zahnstocher bei sich, von welchen er einen dem Hamlet-Ei reichte. Wäre die ganze Szenerie nicht bereits völlig hirnrissig, so hätte sich Samuel vielleicht darüber Gedanken gemacht, wie die beiden Frühstücksutensilien die hölzerne Waffe überhaupt tragen konnten.

Dann geschah es.

Das Würfelstück trat nahe an den Rand des Tisches und hob den zweiten Zahnstocher darbietend in die Höhe. Für eine Weile passierte nichts. Dann fühlte sich Samuel auf eine ungute Weise beobachtet und bemerkte, dass die anderen Esswaren ihn offenbar anstarrten. Er blickte von Speck zu Zucker und zurück. Dann nahm er zögerlich den Stocher zwischen die Finger.

Hamlet machte sich kampfbereit und rollte alsbald auf seinen Widersacher Laertes, welcher Schwester und Vater rächen will und zu dessen Schauspieler Samuel augenscheinlich erkoren worden war, zu. Ob Samuel dieselben Absichten hegte, wurde nicht gefragt. Da Ausweichen bei dem unvergleichlichen Größenunterschied ein Ding der Unmöglichkeit war, stach der unfreiwillige Schauspieler zu. Mit einem Loch in der Schale rollte das Ei rückwärts über den Tisch. Trauben eilten herbei und brachten Hamlet wieder auf die Beine. Eine weitere, offenbar war dies die Dienerschaft, brachte ein klitzekleines Häufchen Marmelade, die als erneutes Requisit diente. Irgendwie abnorm, dass eine rote Traube den Wein für den verletzten Prinzen herbeibringen musste. Doch Hamlet winkte den Marmeladen-Wein ab und griff erneut an.

Samuel stach noch einmal zu, mit demselben Ergebnis. Da schreckte der verkaterte Absolvent zusammen. Hatte er eben einen Schrei gehört? Ganz leise? Er wandte seinen Blick zum Königspaar und sah, wie der, mit Marmelade besudelte Käse zu schmelzen begann. Nun erinnerte er sich wieder, an das Ende der Geschichte. Der König wollte Hamlet mit vergiftetem Wein beseitigen, doch die Mutter trank aus Versehen davon.

Ein neues Geräusch ließ Samuel sich seinem Duell widmen. Hamlet war auf Vormarsch. Schnell fasste Samuel nach dem fallen gelassenen Zahnstocher, doch er war zu langsam. Ein schmerzhaftes Stechen fuhr durch seine Hand. Während er sich die Stelle rieb, beobachtete er, wie das Ei abermals zurückrollte und sich dann mit dem hölzernen Schwert auf den Speckstreifen warf, während bereits das Eiweiß aus seiner Verwundung floss.

Wieder kehrte ein Erinnerungsfetzen an die Geschichte zurück. Laertes Schwert war ebenfalls vergiftet gewesen und hatte Hamlet dahingerafft, nachdem dieser den König getötet hatte.

Aber da war noch etwas. Als die Königin niedersank, brach ein Durcheinander aus und die Degen wurden vertauscht, so dass Laertes zum Schluss durch sein eigenes Gift starb.

Und Laertes, das war Samuel!

Er blinzelte, als er das Gefühl hatte, schwarze Flecken zu sehen. Kam die Übelkeit nach wie vor von seinem Kater oder war dies das Gift? Schwachsinn! Das war alles nur das Spiel seiner müden Gedanken.

Mit verschwommenem Blick stierte er auf die Szene, wo das Ei langsam an den gestochenen Stellen aufbrach und sein Innerstes über dem Frühstückstisch verteilte.

Dann drehte sich alles und Samuel spürte nur noch gedämpft, wie sein Kopf auf die Tischplatte donnerte und im zerschlagenen Eigelb liegen blieb.

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