Flash Fiction: Kleine Massnahmen

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Robert atmete einmal tief durch und streckte sich ausgiebig. Dann zerzauste er sein Haar, ließ die Schultern hängen und nahm langsam eine Stufe nach der anderen in den unteren Stock.

»Hallo Liebes«, sagte mit belegter Stimme.

Paula blickte mit einem Lächeln von der Zeitung auf, ihr Gesichtsausdruck änderte sich aber sofort.

»Wie war dein Nickerchen?«, fragte sie besorgt und musterte ihn von unten nach oben.

»Ganz gut. Ich bin einfach immer noch müde.« Er lachte etwas schwach. »Macht es dir etwas aus, heute das Abendessen zu machen? Ich möchte mich gerne nochmals etwas auf dem Sofa ausstrecken.«

Paula stand auf und gab ihm einen Kuss auf die Wange.

»Natürlich, Schatz. Ruh dich nur weiter aus.«

Sie trat in die Küche und Robert beobachtete sie für einen Moment. As erstes öffnete sie den Kühlschrank, schloss ihn dann gleich wieder und zog die Schublade mit den Pfannen auf. Auch diese schob sie zu, bevor sie etwas herausnahm.
Robert kaute mit etwas schlechtem Gewissen auf seiner Unterlippe und schlurfte ins Wohnzimmer.

»Worauf hast du denn Lust?«, rief Paula wenig später.

Robert lächelte.

»Was immer magst.« Es war nicht die Antwort, die sie hören wollte, also schickte er noch hintendrein. »Ich glaube wir haben noch ein paar Kartoffeln, die wir essen sollten. Und im Tiefkühler hat es noch Siedwürste.«

Das Abendessen war gar nicht mal so schlecht. Die Kartoffeln waren noch etwas hart, das Gemüse dafür etwas zu weich, aber alles in allem war es ausgewogen und essbar.

»Danke Liebes«, sagte Robert nach dem Essen. »Das war wunderbar.«

Paula lachte etwas zynisch. »Du hast schon immer besser gekocht als ich.«

»Ich habe überhaupt gekocht«, dachte sich Robert, sagte aber stattdessen: »Lass uns einen Spaziergang machen.«

***

In der darauffolgenden Woche sass Robert beim Kaffee am Tisch, als Paula von der Arbeit nach Hause kam. Wie immer reichte sie ihm den Stapel mit der Post, küsste ihn auf die Wange und holte sich einen Teller des warm gestellten Mittagessens.

»Tut mir leid, dass es heute wieder später wurde. Das Treffen mit der Geschäftsleitung dauerte deutlich länger als geplant.«

»Kein Problem, Schatz«, sagte Robert und blätterte durch die Rechnungen.

Er wollte bereits aufstehen, um sich um die Begleichung derselben zu kümmern, dann entschied er sich anders.
Er warf seiner Frau einen Blick über den Brillenrand zu und legte die Rechnung zurück auf den Tisch.

»Ich habe heute Nachmittag noch einen Kontrolltermin beim Arzt«, sagte er.

»Ich kann dich hinfahren«, sagte Paula, aber Robert winkte ab.

»Schon gut, etwas Bewegung tut mir gut. Aber die Rechnung hier ist etwas dringend und sollte heute noch bezahlt werden. Könntest du dich vielleicht darum kümmern?«

Paula runzelte die Stirn. »Ich weiß gar nicht, wie ich im eBanking einloggen muss.«

Robert lächelte. »Alle Unterlagen liegen in der untersten Schublade in meinem Pult. Den Rest kriegst du schon hin.«

Etwas skeptisch fasste sie nach der Rechnung. »Kannst du das nicht machen, wenn du nach Hause kommst?«

Robert schnauftet tief durch die Nase.

»Nach dem Arzt bin ich immer so geschafft. Mir fehlt danach die Konzentration. Bitte?«

Paula nickte und setzte ebenfalls ein Lächeln auf. »Aber sicher. Sollte ja nicht so schwer sein. Du lässt es locker angehen heute, ja?«

***

Als Robert nach dem Termin nach Hause kam, war Paula gerade am Telefon.

»Ich mach mir wirklich Sorgen, Mama«, hörte er sie sprechen. »Es geht alles so viel schneller als erwartet.«

Sie klang aufgewühlt und Robert wollte sie nicht stören. Unerkannt schlich er in sein Büro. Doch bevor er die Tür hinter sich schloss, zögerte er.

»Ich weiß, Mama. Ich kenne die Diagnose. Ich sage nur, dass ich hoffte, dass wir noch etwas länger Zeit haben. Er hat so oft keine Energie oder verlegt und vergisst Dinge und …« Paulas Schluchzen unterbrach den Satz. »Es geht mir ja nicht darum, dass ich plötzlich all die Dinge machen muss, die Robert immer gemacht hat. Ich will einfach, dass er noch etwas länger bei mir ist.«

Robert schloss die Tür und setzte sich in den Bürostuhl. Seine Kehle war wie zugeschnürt und Tränen sammelten sich auch in seinen Augen.

Dann holte er ein Blatt Briefpapier und einen Stift hervor und begann zu schreiben.

***

Meine liebste Paula


Wenn du diesen Brief liest, musste ich dich leider alleine lassen auf dieser Welt. Es tut mir sehr leid. Du weißt, dass ich bis zum letzten Tag der Erde mit dir zusammensein wollte, aber leider musste ich dir nun vorausgehen. Und auch wenn ich dich jeden Tag schmerzlichst vermissen werde und nur darauf bange, bis wir uns auf der anderen Seite wiedersehen werden, so will ich doch vielmehr, dass du noch ein langes, erfülltes Leben führen kannst. Ich hoffe, dass du mir darum meine kleinen »Maßnahmen« in den letzten Monaten verzeihst.
Ich weiß, dass ich nur in Ruhe sterben kann, wenn ich sicher bin, dass du gut aufgehoben bist in deinen eigenen Händen. Wir wissen beide, dass du ein Ass bist auf deinem Job, aber du musst auch wissen, wie man Rechnungen bezahlt, wo der Stromkasten steht und wie man sich richtig ernährt – und nein, Schokoriegel und Pizza-Service zählen nicht.
Es schmerzt mich so sehr, dass meine kleinen Täuschungen dich verletzt haben. Aber ich hoffe, dass du mir verzeihen kannst im Wissen, dass ich mir auf der anderen Seite keine Sorgen machen muss um dich.


Alles Liebe,
dein Robert

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