46. Kapitel – Neue Erinnerungen

Kapitel 46: Neue Erinnerungen

Southbridge, 02.12.2017


Ma chére Létoile,


Zeit schien mir schon immer ein äußerst paradoxes Konstrukt. Ab und zu kann sie nicht schnell genug herum gehen, dann wieder rast sie nur so dahin.


In den letzten Wochen ist viel passiert. Meine Tochter Dorothy ist dahingeschieden. Sie wurde 91 Jahre alt und hat ein gutes, erfülltes Leben geführt. Nicht jeder kann das von sich behaupten und nicht jeder braucht gleich viel Zeit, seine Erfüllung im Leben zu finden.
Mir selber ist während der Vorbereitungen zur Beisetzung und dem Abschiednehmen klar geworden, das ich noch nicht bereit bin, mein Leben als erfüllt anzusehen.
Ich habe viel erlebt, viel gesehen und habe inniger geliebt, als es viele Menschen jemals werden, aber dennoch fühle ich, dass meine Zeit noch nicht reif ist.


Dorothy hat mir ihr Erspartes vermacht und mir das Haus überschrieben. Es ist kein Vermögen, aber das brauchten wir damals auch nicht, nicht wahr? Es genügt, um von einem Ort an den anderen zu gelangen und das ist es, was ich tun werde. Ich bringe es nicht über mich, das Haus zu verkaufen, denn das wäre etwas Endgültiges. Ich werde es behalten und irgendwann zurückkehren. Aber für den Moment brauche ich kein Zuhause. Mein Zuhause ist die Welt, wie sie es früher war. Es gibt vieles, das ich noch nicht gesehen habe, aber als ich meine Reise plante, merkte ich, dass sich mein Herz nicht nach diesen neuen Orten sehnt. Es zerreißt sich nach den Erinnerungen. Die Erinnerungen mit dir und Gabriel. Ich werde nach Brügge reisen. Krakau, Malta, die Färöer Inseln, Sankt Petersburg … Es gibt so viele Orte, an denen wir waren und an denen wir uns liebten und ich werde sie alle wiedersehen und an euch denken.


Ich sehne mich nach dir und Gabriel und freue mich auf den Tag, an dem wir wieder vereint sein werden. Wie weit entfernt dieser auch sein mag.


Auf immer dein,
Bonnie

Glenna legte den Füllfederhalter ab und wartete, bis die Schrift getrocknet war. Dann faltete sie das Papier zusammen und steckte es in den vorbereiteten Umschlag.

Sie öffnete die breite Schublade unter der Tischplatte und ließ den Blick über die hunderte von Briefen schweifen, die dort drin lagen. Alle beschriftet in ihrer simplen Handschrift mit dem Namen ›Létoile‹ und Daten, die mit Létoiles Todestag begannen.

Sie erinnerte sich nicht daran, was in all den Briefen stand, aber das spielte keine Rolle. Es waren nicht empirisch genaue Erinnerungen wie in ihren Tagebüchern. Es waren Nachrichten vom Herzen.

Sie legte den neuen Brief dazu und schloss die Schublade.

Die Bewegung hatte etwas Abschließendes und es ließ ihr Herz gleichermaßen schwer werden, wie auch aufjauchzen.

Mit einem Lächeln ließ sie den Blick über das Bücherregal schweifen.

Zeit für neue Abenteuer.

Sie wandte sich ab und trat an die geöffnete Tür der Bibliothek. Fast zärtlich strich sie über das Plakat, bevor sie in den Gang trat und den Raum hinter sich abschloss.

»So«, sagte sie und fasste nach dem großen Koffer und ihrer Handtasche.

›So?‹

»So.«

›Alles dabei?‹

Mit etwas Mühe wuchtete sie den Koffer ins Treppenhaus und seufzte.

»Alter ist Ansichtssache«, dachte sie zu sich selbst wie ein Mantra, als sie die steilen Stufen begutachtete.

»Ich glaube schon.«

›Flachmann?‹

»Dabei.«

›Computer?‹

»Dabei.«

›Ersatzakku?‹

»Dabei.«

›Externe Festplatte?‹

»Dabei, Jamie. Dabei.«

Die letzten Wochen hatte sie damit verbracht, all ihre Tagebücher zu digitalisieren. Sie waren jetzt in der Cloud gespeichert, hatte sie gelernt. Trotzdem hatte sie sämtliche Daten zusätzlich auf einen persönlichen Datenträger gespeichert. Sicher war sicher.

Die Wochen nach dem Samhain-Fest war in Southbank die Hölle losgewesen. Die Geschichte über den vermeintlichen Wolf hatte schnell die Runde gemacht und sowohl die Schaukampfgruppe wie auch Janet und Aidan waren geradezu belagert worden. Als Janet der Trubel zu viel wurde, war sie vorübergehend mit Aidan in Sebastians Wohnung in Galway gezogen.

Das hatte der Vorteil, dass sie noch keine Zeit gefunden hatte, Glenna mit irgendwas zu konfrontieren. Es hieß aber auch, dass Glenna sich nicht von ihr oder Aidan verabschieden konnte. Der Junge war ihr durchaus ans Herz gewachsen.

Im Erdgeschoss angekommen, verschnaufte sie erstmal. Die Einrichtung sah so aus wie immer und sie hatte dafür gesorgt, dass es das auch würde, wenn sie zurückkam. Gute Leute kümmerten sich um das B&B, während sie weg war.

Mit einem tiefen Seufzer trat sie durch die Haustür und schloss zum ersten Mal seit langer Zeit richtig ab.

Auf der Straße stand bereits das Taxi, welches sie bestellt hatte.

»Warten Sie, ich helfe Ihnen«, sagte der Chauffeur rasch und nahm ihr den Koffer ab.

Sie drehte sich noch einmal zu dem Haus um und versuchte sich an den Tag zu erinnern, als sie zum ersten Mal davor gestanden hatte.

Ein Zwitschern ließ sie aufhorchen. Direkt neben ihr auf dem abgeschabten Zaun saß ein kleiner Vogel.

»Ein Grünfink«, stieß Glenna überrascht aus und der Vogel stob davon.

Sie blickte ihm nach und tastete nach der Motten-Brosche auf ihrer Brust, die sie am Markt so an Dorothy erinnert hatte.

»Auf Wiedersehen auch dir. Irgendwann«, flüsterte sie und tupfte die Träne aus ihrem Augenwinkel.

Dann räusperte sie sich und kramte ihr Mobiltelefon aus der Handtasche.

Sie öffnete die Foto-Applikation und richtete das Gerät auf das Häuschen, um eine letzte Aufnahme zu machen.

»Sind Sie bereit?«, fragte der Fahrer, der bereits wieder im Fahrersitz saß.

»Natürlich«, sagte sie und nahm auf der hinteren Bank Platz.

Während sie das Dorf verließen, öffnete Glenna Twitter und lud das Foto auf ihr frisch angelegtes Profil hoch.


@gainingmemories: Auf Wiedersehen, Southbank. Hier komme ich, Welt!

ENDE

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