41. Kapitel – Schwere Schritte

Kapitel 41: Schwere Schritte

»Glenna, mein Gott, ist alles in Ordnung?«

Glenna nickte hastig und riss den Blick von den Kämpfern los.

»Was ist mit dir? Geht es dir gut?«

Janets Gesicht war aschfahl und schweißnass, außerdem atmete sie heftig und unkontrolliert, aber auch sie nickte.

»Was war das für ein Biest?«, fragte sie und klang den Tränen nah.

»Ich weiß es nicht«, log Glenna. »Ein Wolf, glaube ich.«

»Ein Wolf?«, Janets Stimme klang schrill. »Hier gibt es doch längst keine Wölfe mehr.«

Glenna schüttelte nur den Kopf, drehte sich auf die Knie und stemmte sich dann gemeinsam mit Janet hoch auf die Beine.

»Und was in aller Welt ist das?«, fragte Janet dann und ihr ihrer Stimme schwang eine Mischung aus Lachen und Verzweiflung mit.

»Das sind die Schaukämpfer von deinem Fest«, erklärte Glenna. »Sie betrinken sich da hinten im Speisezelt.«

Ein plötzliches Kichern schwoll über Janets Lippen. »Sie sollen sich betrinken so viel sie wollen.«

Glenna konnte nicht anders als in ihr Kichern einzusteigen. Sie ließ sich bereitwillig von Janet stützen, als sie in Richtung Lager wanderten, denn ihre Waden fühlten sich an wie Stein und ihre Arme brannten.

Irgendwo stießen die Krieger zu ihnen und nahmen Janet ihre Last ab.

»Das ist wirklich lieb von euch«, sagte Glenna und war tatsächlich froh um die Unterstützung. Sie wusste nicht, wann sie sich zum letzten Mal so verausgabt hatte.

»Was zur Hölle war denn da los?«, fragten die drei zurückgebliebenen.

»Wolf«, knurrte Thogar und machte dem Cusith damit beinahe Konkurrenz.

Die drei starrten sie an und man konnte die Rädchen förmlich sehen, die hinter ihren Stirnen drehten.

Dann übernahm das angestaute Adrenalin der Kämpfer und Kämpferinnen die Kontrolle und jeder begann gleichzeitig damit, zu erzählen, was sie gesehen hatten.

Einen Wolf, ganz deutlich. Ein großer Wolf, aber so richtig wusste ja niemand, wie groß Wölfe in Wirklichkeit wurden.

Es war ein Wolf gewesen. Keine übernatürliche Kreatur der Anderswelt, die eventuell nur die Hälfte der Leute hätte sehen können.

Glennas Herz raste nach wie vor, aber sich hinzusetzen war schon mal besser.

»Glenna, du zitterst. Wir sollten zurück ins Dorf.«

Tatsächlich. Ihre Kleider waren durchnässt vom Matsch und das Zittern flaute auch nicht ab, als sich ihre Nerven langsam beruhigten.

»Ja, Liebes, das ist eine gute Idee«, sagte sie und ließ sich bereitwillig auf die Beine helfen.

»Warten Sie, wir begleiten Sie zurück«, sagte einer der Jungs, die zurückgeblieben waren. »Nicht, dass der Wolf Sie dann noch holt.«

Es war als Scherz gemeint. Er hatte die Geschichte noch nicht abgekauft. Aber es spielte keine Rolle. Entweder der Cusith war so stark verletzt, dass er sich bereits in die Anderswelt zurückgezogen hatte, oder aber er würde sich hüten, die Leute mit den Stahlwaffen noch einmal anzugreifen.

»Sehr gerne«, lenkte Glenna ein und so machten sie sich auf den Weg, eskortiert von vier mittelalterlichen Kriegern.

Als sie den halben Weg über den Trampelpfad zurückgelegt hatten, schallte plötzlich ein Schrei über das Feld.

Ihre Begleiter gingen sofort in Abwehrhaltung und Glenna umfasste Janets Arm.

Aber es war nicht der Schrei eines Wolfes oder des Cusiths. Der Schrei war menschlich.

Der eines Kindes.

»Aidan?«, rief Janet schrill und machte einen großen Schritt in die Richtung, woher das Geräusch gekommen war.

Glenna versuchte, den Schrei einzuordnen, und es quetschte ihr das Herz, als sie auf dieselbe Antwort kam wie Janet.

»Aidan!«, rief Janet erneut und wand sich aus Glennas Griff, um in die Richtung zu laufen.

Da zeichneten sich zwei Schemen im Dunkel ab. Einer war Aidan. Er hielt die Arme um seinen Oberkörper geklammert und Tränen liefen über sein Gesicht.

Etwas versetzt hinter ihm trottete der Cusith.

Er humpelte, seine Augen blitzten wütend und er hatte die Schnauze bedrohlich verzogen.

»Bei Odin«, hauchte einer der Männer, der vorhin gekniffen hatte und ging neben Glenna zu Boden.

Die anderen zogen ihre Waffen, standen aber nur unentschlossen da. Eine der Frauen stellte sich immerhin so vor Janet, dass diese nicht gleich losstürmen konnte.

HALTE SIE ZURÜCK, BONNIE BAHOOKIE, bellte der Cusith zu ihr herüber. ODER ICH ZERFETZE DEN JUNGEN IN TAUSEND STÜCKE.

Glenna schluckte schwer.

»Was?«, rief Janet schrill. »Er spricht!«

Die Krieger warfen sich unschlüssige Blicke zu.

»Das war ein Knurren«, sagte einer von ihnen.

»Warum greift er den Jungen nicht an?«, flüsterte ein anderer.

»Bleibt zurück«, sagte Glenna. »Wenn er sich bedroht fühlt, wird er angreifen.«

GUT, sagte der Cusith und stieß Aidan mit seiner Schnauze an, was ihm einen spitzen Aufschrei der Überraschung entlockte.

»Aidan!«, rief Janet und machte einen Schritt voran, die Kämpferin hielt sie jedoch zurück.

»Sie hat recht«, sagte sie. »Wir dürfen ihn nicht provozieren, so lange er den Jungen in Ruhe lässt.«

AUF MEINEN HANDEL WOLLTEST DU NICHT EINGEHEN, BONNIE BAHOOKIE. VIELLEICHT ABER AUF DIESEN HIER. ICH LASSE DAS MENSCHENKIND GEHEN, WENN DIE TRÄCHTIGE FRAU MICH BEGLEITET.

»Begleiten? Wohin?«, keuchte Janet.

»Wir müssen angreifen«, sagte nun einer der Kämpfer. »Thogar hat ihn vorher verletzt. Wir müssen ihn vertreiben.«

SCHICK SIE WEG, grollte der Cusith. DIE MIT DEM EISEN.

Glenna warf einen Blick auf den Krieger. Er machte halbe Schritte vor und zurück und seine Finger verkrampften und lösten sich vom Griff der Waffe.

Glenna zweifelte keinen Moment daran, dass der Cusith ernst machen würde.

Sie riss sich von dem Anblick los und zwang sich, die Augen zu schließen. Um sie herum pulsierte die Präsenzen den vier.

Die Verwandlung des Cusith in einen Wolf hatte glücklicherweise nicht zu viel der magischen Energie verbraucht, aber allzu viel war auch nicht mehr übrig.

Glenna rief die Dunkelheit herbei, ließ aber zu, dass eine dünne Spur aus Licht zurück zu den Zelten führte.

»Was?«, keuchte der Krieger neben ihr auf und sein Schwert fiel in den Schlamm, als er die Hände zu seinem Gesicht hob.

»Ich kann nichts sehen!«, rief nun auch der andere.

»Ich … Ich auch nicht«, stammelte die Kämpferin und tastete in der Luft herum.

»Es ist alles in Ordnung«, sagte Glenna. »Folgt der silbernen Spur.«

Die drei sprachen wild durcheinander.

»Was ist mit dem Wolf?«

»Wo seid ihr?«

»Ich bin blind!«

Glenna legte den beiden Männern die Hände ins Kreuz und schob sie sachte in Richtung Zelte.

Zögernd setzten sie einen Fuß vor den anderen.

»Da vorn! Da ist Licht!«, rief die Frau und ging voran, nicht ohne Janet anzurempeln, die sie kurz auffing und dann ziehen ließ, ohne sich weiter um sie zu kümmern.

»Was ist hier los?«, wimmerte sie stattdessen und starrte weiter auf den Cusith. »Was ist das für ein Monster?«

»Mum«, schluchzte Aidan und Janet machte wieder einen Schritt auf die beiden zu.

Dieses Mal hielt sie niemand auf.

»Was willst du?«, fragte sie etwas hilflos.

DICH, knurrte der Cusith. DU KOMMST MIT MIR UND DAS MENSCHENKIND LEBT.

»Janet«, flüsterte Glenna und trat neben sie.

Doch sie zögerte, als das Tattoo sich auf ihrem Rücken erhitzte.

War es ihr erlaubt, Janet zu sagen, womit sie es zu tun hatte? Oder würde sie damit die Regeln brechen?

Sie schluckte schwer.

»Einverstanden«, sagte Janet, ohne auf sie zu achten. »Ich begleite dich, wohin auch immer du willst.«

Der Cusith leckte sich über die Schnauze. IN DIE ANDERSWELT, WIE IHR SIE NENNT. DU WIRST GEBÄREN UND DIE KINDER DER SIDHE MIT DEINER MILCH SÄUGEN.

Ein Schaudern fuhr über Glennas Körper und sie legte die Hand auf Janets Arm. Doch diese streifte sie fort und machte weitere Schritte auf den Cusith zu.


Vorschau auf das Kapitel „Ertappte Lügen“ von nächster Woche:

»Cusith!«, rief Glenna sofort und das Tier hielt im Schritt inne.

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