40. Kapitel – Wahre Helden

Kapitel 40: Wahre Helden

Für einen kurzen Moment war Glenna wie gebannt, dann stolperte sie rückwärts, wandte sich um und hastete zu der Gruppe zurück.

»Hilfe!«, rief sie und fuchtelte mit den Armen. »Hilfe!«

Die Männer und Frauen sprangen sofort auf die Beine, einige von ihnen langten tatsächlich nach ihren Waffen, die meisten schienen aber nur verwirrt.

Glenna deutete hinter sich in die Nacht, in die Richtung woher Janet gestampft kam mit dem Cusith dicht auf den Fersen.

»Da drüben«, sagte sie außer Atem und fasste sich ans Herz. Der kurze Sprint hatte es durchaus in sich gehabt. »Da drüben ist ein Wolf.«

Die Verwirrung schlug um in Skepsis und einige warfen einen Blick zu dem jungen Mann, der so was wie der Kopf der Gruppe zu sein schien.

»Hast du das organisiert, Thogar?«, fragte eine der Frauen belustigt. »Mit der passenden alten Frau dazu?«

Glenna starrte sie nur an.

Organisiert?

Doch der Mann mit dem Namen Thogar schüttelte den Kopf und runzelte die Stirn.

»Nein, sonst wer?«

Sie alle schüttelten den Kopf.

»Was ist los mit euch?«, fragte Glenna und brauchte nichts dabei zu schauspielern. »Da ist ein Wolf. Und er verfolg eine junge Frau.«

Nun wichen einige der Leute vorsichtig zurück.

»Ein Wolf? So in echt?«

»Bitte, ihr müsst ihr helfen«, flehte Glenna.

Vielleicht hatte sie sich das etwas zu einfach vorgestellt.

Thogar war der Erste, der nach seiner Axt griff und sich etwas zögerlich in die Richtung bewegte.

»Was machst du da?«, zischte eine der Frauen und hielt ihm am Arm fest.

Er zuckte mit den Achseln. »Entweder es ist eine Überraschung und da drüben kommt gleich irgendeiner mit einem alten Fell übergeworfen angerannt. Oder …« Er suchte nach Worten, fand aber offenbar keine. »In beiden Fällen bleib ich hier nicht auf meinem Hintern sitzen.«

Erleichtert beobachtete Glenna, wie auch besagte Frau zu ihrem Schwert griff und sich auch die meisten anderen anschlossen. Nur drei blieben zurück und grinsten dümmlich.

Glenna ignorierte sie und konzentrierte sich stattdessen auf die Teilnehmer der Gruppe, die durch das Lager marschierten. Sie alle hatten das sanfte Leuchten auf der Haut, das Glenna sagte, dass sie von ihrem Whisky getrunken hatten und offen waren für ihre Manipulation.

Sie schloss erneut die Augen und begann, das Bild des Cusith vor sich zu formen. Die versuchte sich an die kleinen Details zu erinnern, machte sich damit aber nicht wahnsinnig. Sollten sich mehrere Cusith hier herumtreiben, sollte die Magie doch sie alle betreffen.

Als sie das Bild deutlich vor sich hatte, begann sie den Hund zu formen. Sie gab ihm eine längere Schnauze, spitzere Ohren und tauschte sein grünes Zottelfell gegen ein gleichmäßiges, kurzes graues Fell ein. Zum Schluss verwandelte sie den geflochtenen Schwanz in die gebogene Rute eines Wolfes.

›Du denkst, das funktioniert?‹, flüsterte Jamie.

Glenna raufte ihren Rock und eilte den Waffenmännern und -frauen hinterher.

»Ich weiß es nicht. Ich weiß nicht, ob sie den Cusith überhaupt erst sehen können müssen, damit sie ihn als Wolf wahrnehmen. Falls ja, war alles umsonst.«

›Nicht ganz‹, meinte Jamie. ›Du hast die Leute ja auch hergeholt, damit der Cusith fernbleibt, oder? Wenn er zuschlagen will, dann muss er sich den Menschen zeigen. Darum jagt er nicht in Menschenmengen.‹

 »Hoffen wir, du hast recht.«

Sie war überrascht, dass sie Schritt halten konnte mit den jungen Männern und Frauen, aber andererseits trug sie auch keine Rüstung oder hatte sich schon zwei Bier und einen Whisky hinter die Binde gekippt.

 Es dauerte nicht lange, da hatten sie das Ende des Festgeländes erreicht. Glenna spähte in die Dunkelheit und ihr Herz sprintete los, als sie weder Janet noch den Cusith entdecken konnte.

»Wo soll dieser Wolf sein?«, fragte ein dicklicher, Bärtiger, aber er klang nicht nur skeptisch, sondern ein leiser Anflug der Sorge konnte er nicht unterdrücken.

Glenna drehte sich in die eine und andere Richtung. Schließlich formte sie die Hände wie einen Trichter um ihren Mund und rief: »Janet!«

Ein Schrei ließ sie alle herumfahren.

Glenna konnte nicht entscheiden, ob er menschlich war oder tierisch, aber er drang durch Mark und Bein.

»Was war das?«, fragte eine der Frauen.

»Da drüben«, sagte Thogar harsch und Glenna war beinahe beeindruckt, wie der Ton seiner Stimme sich verändert hatte. Er klang, als dulde er keinen Widerspruch und die Leute um ihn herum folgten ihm sofort auf dem Fuß, Glenna hintendrein.

Tatsächlich, Janet war von ihrem direkten Pfad abgekommen und rannte nun über das Feld in Richtung Dorf, so schnell sie konnte. Hinter ihr sprintete der Cusith voran.

Er war ein großes Tier, vom Körperbau her aber eher gebaut wie ein Bulle, denn wie ein wirklicher Hund. Sprints waren nicht seine Art zu jagen. Vielleicht hatte er Glenna vorher gesehen und entschieden, dass er seine Chance packen musste, egal wie weit entfernt er von Janet noch war.

Es spielte keine Rolle.

»Wolf«, keuchte der Bärtige und ging neben Glenna in die Knie.

Seine Kumpanen ignorierten ihn, so dass niemand bemerkte, wie er bewusstlos seitlich umfiel und im Matsch liegen blieb.

Die jungen Leute waren wie aus Stein, die Augen fix auf den Cusith geheftet.

Glenna tänzelte von einem Bein auf das andere. Was standen sie nur so hier herum? Schlussendlich riss ihr der Geduldsfaden.

»Angriff!«, rief sie, so laut sie konnte und offenbar genügte das, um die Meute aus ihrer Starre zu reißen.

»Angriff«, fiel eine der Frauen mit ein, wenn auch ihr die Stimme beim ›i‹ versagte.

Thogar war der Erste, der mit einem Satz voran sprang und sofort an Tempo gewann. Die anderen rannten hinterher, die Waffen erhoben und zusammen stimmten sie zu einem fürchterlichen Gebrüll an. Glenna presste die Hände auf ihren Mund und wagte nicht zu atmen.

Sie hatte keine Ahnung, was der Cusith tun würde. Würde er fliehen? Wenn er die Gruppe angriff, so bräuchte er nur einen Schlag seiner Pranke, nur einen Biss seiner Reißzähne und sie waren verloren.

Der Gedanke quetschte Glenna das Herz, aber was sollte sie tun?

»Janet!«, entfuhr es ihr und sie selber rannte los.

Es dauerte nicht lange, da drohte ihre Lunge zu kollabieren, trotzdem kam sie nicht im Ansatz so schnell voran, wie sie es gern hätte. Sie hörte ein wildes Gebrüll und wandte den Kopf in Richtung der Krieger.

Thogar hatte den Cusith beinahe erreicht und dieser hatte tatsächlich von Janet abgelassen und sich seinem neuen Gegner zugewandt. Er hatte den Kopf tief zwischen die Schultern gezogen und spannte die Muskeln in seinen Hinterläufen.

Glenna konnte gleichzeitig nicht hinsehen und sich auch nicht abwenden.

Der Cusith setzte zum Sprung an, doch Thogar bremste ab, setzte einen Fuß vor den anderen und rutschte über den matschigen Untergrund. Er duckte sich tatsächlich unter dem Feenhund hindurch und führte zeitgleich einen Schlag mit seiner Axt.

Glenna klappte das Kinn hinunter und sie stolperte über ihre eigenen Füße. Sie wirbelte mit den Armen, versuchte sie nach vorne zu reißen, schaffte es aber nur knapp, den Fall abzubremsen. Ihr Gesicht landete im Matsch, Schmerz fuhr durch ihre Armen und Schultern und sie schrie auf.

»Glenna!«, hörte sie eine Stimme und spürte Hände an ihren Schultern.

Sie zerrten an ihr, verstärkten den Schmerz aber nur noch mehr.

»Es geht schon«, hisste sie und wimmelte die Hände ab. »Geht schon.«

Sie stemmte sich mit zittrigen Armen hoch und blickte in Janets angstverzerrtes Gesicht.

»Glenna«, presste diese heraus, aber Glenna wusste nicht, was sie ihr damit genau sagen wollte.

Ein ohrenbetäubendes Aufheulen ließ sie herumfahren. Janet packte sie am Arm und presste so fest, dass es erneute Schmerzschübe durch ihren Körper trieb.

Aber sie kümmerte sich nicht darum.

Etwas von ihnen entfernt standen sich der Cusith und Thogar gegenüber, aber nur für einen Moment, denn dann waren die anderen herangeeilt. Glenna erkannte die grün-rot schimmernde Wunde, die an der Seite des Feenhundes klaffte und mit Genugtuung sah sie die aufflackernde Angst in den Augen des Cusiths.

Mit einem lauten Knurren wandte er sich um und rannte in gigantischen Sätzen weg von der Meute, weg vom Dorf und insbesondere weg von Janet.

Für einen Moment war die Welt in tiefste Stille getaucht. Dann stieß irgendwer der Kämpfer einen Siegesruf aus und die anderen fielen mit ein. Sie drängten sich um Thogar, der etwas perplex auf seine ungeschärfte Axt starrte, dann machte ich aber ein großes Grinsen auf einem Gesicht breit und er ließ sich bejubeln. Als die Frau, die ihn vorhin zurückhalten wollte, ihm auf die Schulter klopfte, fasste er sie an der Taille, zog sie an sich heran und küsste sie innig. Sie wirbelte kurz mit den Armen, dann schlang sie sie um seine Schultern und zog ihn näher an sich.


Vorschau auf das Kapitel „Schwere Schritte“ von nächster Woche:

Er hielt die Arme um seinen Oberkörper geklammert und Tränen liefen über sein Gesicht.

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