38. Kapitel – Kaltes Eisen

Kapitel 38: Kaltes Eisen

Sie lehnte sich gegen einen der leeren Ausstellertische und lauschte den Geräuschen aus dem Speisezelt. Als sie in die entsprechende Richtung blickte, sah sie, wie die Gruppe ihre Waffen draußen deponiert hatten und Glenna wurde auf einmal klar, was das Geräusch von Metall auf Metall gewesen war, das sie bei ihrer Fahrt hierhin gehört hatte.

Sie kniff die Augen zusammen und stieß sich vom Tisch ab. Sie trat auf die Waffen zu und umgriff den Knauf eines der Schwerter. Sie waren schwer und es gelang ihr nicht, es hochzuheben, ohne in Gefahr zu laufen, sich eine Zerrung zuzuziehen. Sie fuhr mit der Hand über die flache Seite und befühlte die Beschaffenheit.

»Keine Angst, die sind nicht scharf«, sagte eine Stimme neben ihr.

Die Frau im Kettenhemd hatte ein Bier in der Hand und deutete damit auf die Schwerter.

»Ah, das hoffe ich doch«, sagte Glenna und ließ von der Waffe ab. »Das wäre auch zu gefährlich.«

»Wenn man sich dumm anstellt bestimmt«, sagte die Frau und wirkte etwas amüsiert.

Glenna rieb die Fingerkuppen aufeinander, die leise kribbelten.

»Sag mal, Liebes. Aus welchem Material sind die denn?«

Die Frau trank einen Schluck und zuckte mit den Achseln.

»Unterschiedlich glaube ich. Irgendwelche verschiedene Arten von Stahl und Eisen halt.«

»Eisen, hm?«, murmelte Glenna und spürte den warmen Flecken auf ihrem Rücken unruhig werden.

Sie ließ von der Waffe ab und schenkte der Frau ein Lächeln.

»In dem Fall wünsche ich euch allen noch viel Spaß heute Nacht. Ihr müsst euch nicht zurückhalten mit dem Lärm, hier draußen hört euch keiner.«

»Das ist wirklich sehr nett«, sagte sie und prostete ihr zu.

»Ah, ich glaube, ich habe irgendwo sogar noch eine Flasche Whisky gesehen«, säuselte Glenna. »Ich schaue gleich mal, ob ich die finde.«

»Sie sind echt cool«, rief die junge Frau ihr hinterher, als Glenna ihren Rock raufte und davon eilte.

›Eisen, hm?‹, flüsterte Jamie in ihr Ohr.

»Eisen«, sagte Glenna und ein etwas überschwänglicher Ton schwang in ihrer Stimme mit. »Warum bin ich nicht selber darauf gekommen?«

Ihre Finger kribbelten noch immer und fühlten sich etwas taub an, aber es war erträglich. Es hatte ein paar Jahre gedauert, bis sie auf einmal damit begonnen hatte, auf kaltes Eisen zu reagieren, aber es hatte sie ab dem Zeitpunkt auch nicht weiter verwundert.

Das Feenvolk hasste Eisen. Es fügte ihnen unsägliche Schmerzen zu und konnte sie töten. Bei Glenna äußerte es sich nicht ganz so schlimm, aber sie trug wohl immerhin zu einem gewissen Teil etwas Feenblut in sich, seit der Púca ihr die Fähigkeiten vermacht hatte.

›Vorsicht, Bonnie. Du bewegst dich auf sehr dünnem Eis.‹

»Ich werde meine Magie nicht gegen den Cusith verwenden. Genauso wenig werde ich eines dieser Schwerter nehmen und mich ihm damit in den Weg stellen.«

Jamie rutschte von einer Seite ihrer Schulter zur anderen.

›Mir ist bewusst, dass die Wesen der Anderswelt ganz vernarrt sind in die semantischen Details ihrer Regeln, dennoch weiß ich nicht, ob du hier nicht zu sehr mit dem Feuer spielst, Bonnie.‹

»Mischkreaturen dürfen einem echten Wesen der Anderswelt keinen Schaden durch ihre Magie zufügen«, zitierte Glenna. »Das habe ich auch nicht vor.«

›Ansichtssache‹, murmelte Jamie, aber nur ganz leise und Glenna tat so, als hätte sie es nicht gehört.

Sie fand irgendwo einen gut gefüllten Abfalleimer und durchsuchte ihn, bis sie eine leere Flasche gefunden hatte.

Sie schnupperte daran und es roch nach viel zu süßem Honigwein. Aber sie gab sich zufrieden.

Damit zog sie sich in eines der Zelte zurück, die ebenfalls noch nicht abgebaut worden waren.

»Halt die Ohren offen, Jamie«, sagte sie ächzend, als sie sich auf dem feuchten Boden niederließ. »Gib Bescheid, wenn du den Cusith oder Janet nahen hörst.«

Er schickte nur einen kurzen warmen Impuls durch ihren Körper zur Antwort.

Sie umfasste die Flasche mit beiden Händen, beugte sich vorüber und setzte den offenen Flaschenhals an ihre Stirn.

Sie atmete tief durch. Und hielt inne.

›Was ist?‹

Leicht überrascht hob sie den Kopf und blinzelte.

»Ich …«, begann sie. »Ich weiß nicht, welche Erinnerung ich nehmen soll.«

›Du meinst, du weißt nicht, wie stark sie sein muss?‹

Sie schüttelte den Kopf.

»Ich weiß nicht, welche sich überhaupt anbietet dafür. Die stärkste Erinnerung, an die ich mich ohne meine Tagebücher erinnere, habe ich beim letzten Mal benutzt.«

Und sie war für nichts und wieder nichts gewesen, wurde ihr bewusst.

Sie schüttelte den Kopf erneut, energischer, um den Gedanken zu verdrängen. Jetzt war ganz bestimmt der falsche Zeitpunkt, um über verlorene Erinnerungen nachzudenken.

Sie brauchte neue Erinnerungen.

›Bonnie, du solltest dich beeilen.‹

»Ich weiß, ich weiß«, sagte sie und presste wieder die Augen zusammen.

Es musste doch etwas geben. Etwas, das ihr nahe gegangen war und woran sie sich präzise erinnern konnte, ohne es in ihren Tagebüchern nachlesen zu müssen.

Ihr kamen Dinge in den Sinn. Aber es waren alles Dinge, die sie nicht gehen lassen wollte und es schnürte ihr die Kehle zu, überhaupt mit dem Gedanken zu spielen.

Aber was blieb ihr für eine Wahl?

»Okay«, sagte sie hastig und beugte sich so schnell herunter, dass ihre Stirn auf dem Glasrand der Flasche aufschlug.

»Merke dir den Frühling 1931.« Sie kontrollierte ihre Atmung und ließ den Destillierprozess von statten gehen.


Vorschau auf das Kapitel „Roter Wein“ von nächster Woche:

»Du kannst das so einfach sagen. Du bist DIE Bonnie Bahookie. Der Star des Cabarets.«

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