Flash Fiction: Das Jahr der leeren Strassen

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»Hast du das Ziel schon im Blick, Hotdog?«, fragte Arrabiata.

»Negativ«, erklang es durch das Headset.

Arrabiata kniff ein Auge zusammen und spähte erneut durch den Sucher seines Scharfschützengewehrs.

Unter ihm breitete sich die menschenleere Hauptstraße aus. Die Gebäude links und rechts davon hatten alle verschlossene Türen und Fenster und auf der Straße standen alte Autos, ein letztes Mal parkiert für die Ewigkeit. Alles mögliche Verstecke für Hotdog, aber auch für den Feind.

Arrabiata schwenkte das Gewehr auf den alten PickUp, unter dem sich sein Partner versteckt halten sollte. Er konnte ihn nicht ausfindig machen. Aber Hotdog war auch darauf trainiert, sich zu tarnen. Der Feind hingegen war es nicht. Sie waren weder Soldaten, noch versuchten sie sich wie welche zu verhalten. Trotzdem waren sie hoch gefährlich. Sie waren zäh. Vor allem besaßen sie nicht die Vernunft der Menschen, die sie vorsichtig und bedacht handeln liessen. Sie hatten keine Furcht und das machte sie unberechenbar.

Arrabiata schwenkte den Gewehrlauf weiter der Straße entlang, doch er erkannte keine verdächtige Bewegung.

»Das Jahr der leeren Straßen, wohl wahr«, murmelte er.

»Was sagst du?«, fragte Hotdog.

 »Das Jahr der leeren Strassen«, wiederholte Arrabiata. »Green nannte es so, kurz bevor er die Basis verliess.«

»Treffend. Eine Schande, dass er sich nun bei ihnen da draussen infiziert hat.«

Arrabiata wollte bereits antworten, als er eine Bewegung auf dem Pflaster auszumachen glaubte. Er hielt den Atem an und suchte besagte Stelle sorgfältig ab. Aber da war nichts.

»Wir müssen uns damit abfinden«, sagte er dann langsam. »Er hat die Basis verlassen, als alle sagten, es sei zu gefählich. Er wollte die Quarantäne nicht ernst nehmen.«

»Nun ist er einer von ihnen«, knurrte Hotdog und machte seinem Codenamen alle Ehre.

»Das sind die Tragödien, die solche Zeiten schreiben«, sagte Arrabiata bitter. »Wir, seine alten Kameraden sind ausgerechnet die, die ihn nun ausser Gefecht setzen müssen. Für das Wohl der Gemeinschaft.«

»Es ist nicht unsere Schuld, Arrabiata. Wir haben getan, was wir konnten.« Aber auch Hotdogs Stimme klang belegt.

Es würde nicht einfach werden. Aber sie hatten keine Wahl. Würden sie Green nicht ausschalten, brachte er die ganze Basis, sogar die ganze Menschheit in Gefahr.

»Meine Sensoren geben an«, sagte Hotdog plötzlich. »Ich werte Schallwellen aus, die sich nähern.«

Arrabiatas Muskeln spannten sich. Er beugte einmal probeweise den Zeigefinger, dann legte er ihn an den Abzug.

»Bist du sicher, es handelt sich um Green?«

»Noch nicht«, antwortete Hotdog, aber seine Stimme war leiser geworden.

Nun zeichneten auch Arrabiatas Radar die Schallwellen auf.

»Die Götter stehen uns bei«, murmelte er noch zu sich selbst.

»Sichtkontakt«, hisste Hotdog. »Green nähert sich deiner Position.«

Es dauerte nur eine weitere Sekunde, da erkannte Arrabiata seinen alten Gefährten.

Er überlegte nicht weiter, sondern ließ seine Reflexe überhandnehmen. Sein Finger krümmte sich um den Abzug.

»Was zum…«, rief Green, kurz bevor der nasse Waschlappen ihn mitten ins Gesicht traf.

Arrabiata sprang auf die Beine und rannte durch den Hausflur auf ihn zu. Doch Hotdog war bereits aus seinem Versteck hinter dem Sofa vorgeprescht und hatte Green von hinten in einen Klammergriff genommen.

»Spinnt ihr?«, rief Green, als sich der feuchte Waschlappen von seinem Gesicht löste.

Arrabiata war schnell genug, um ihn aufzufangen, bevor er zu Boden glitt. Er presste ihn Green erneut ins Gesicht und rieb heftig, bevor er seine Deodose aus dem Hosenbund zog und die beiden Männer einnebelte.

Hotdog löste sich sofort von Green und stieß ein würgendes Geräusch aus.

»Das war nicht abgemacht, Andreas!«

Arrabiata hob die Schultern. »Wir haben ja sonst nichts zum Desinfiziren.«

Gian hatte sich inzwischen vom Lappen befreit und schleuderte ihn nach Andreas, der gekonnt auswich. Gians Gesicht war feuerrot, ob von der Abreibung oder vor Zorn war schwer zu sagen.

»Spinnt ihr denn völlig!«, rief er aus und Andreas und Hugo konnten ihr Lachen nicht zurückhalten.

»Du bist selber Schuld«, sagte Hugo dann tadelnd. »Du hättest die Quarantäne nicht verlassen sollen.«

Gian deutete auf die beiden Papiertragetaschen auf dem Boden. »Ich war nur einkaufen, ihr Hornochsen. Der Inhalt unseres Kühlschranks – ja, der ganzen Küche – ist inexistent, oder habt ihr das vergessen?«

»Überhaupt nicht«, sagte Andreas schnell. »Hast du Pasta gekauft?«

»Und Würstchen?«, fragte Hugo.

»Nein«, sagte Gian trotzig. »Gemüse und Früchte habe ich gekauft. Ihr könnt euch nicht nur von Spaghetti und Hot Dogs ernähren.«

»Und ob ich das kann«, murmelte Hugo trotzig.

»Tja«, sagte Gian und trug die Taschen in die Küche. »Dann müsst ihr das nächste Mal eben selber einkaufen gehen. Das ist noch nicht verboten, wisst ihr? Auch das Sonnenlicht bringt euch Stubenhocker nicht um.«

Andreas schnaubte. Er hatte tatsächlich kurz mit dem Gedanken gespielt, nach draußen zu gehen, nachdem das Internet bei ihnen ausgefallen war. Aber dann war Hugo auf die Idee gekommen, Gian aufzulauern. Das zählte mindestens genauso als Sport.

»Wir haben wieder Netz!«, rief Hugo, der gerade sein Handy gezückt hatte.

»Endlich!«, jammerte Andreas und die beiden waren mit einem Sprung in ihrem jeweiligen Zimmer verschwunden.

Doch bevor Andreas die Türe hinter sich schloss, flötete er noch in Richtung Küche:

»Hände waschen nicht vergessen!«

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