36. Kapitel – Neue Verhandlungen

Kapitel 36: Neue Verhandlungen

›Sie stillt noch nicht‹, warf Jamie ein, klang aber nicht sonderlich überzeugt.

»Noch nicht«, sagte Glenna während sie unruhig in der Küche auf und ab ging. »Sie wird aber bald. Erst recht für die Zeitrechnung des Feenvolks.«

Sie raufte sich die Haare.

Deshalb hatte der Cusith auf dem Fest gelauert. Er war immer aufgetaucht, wenn Janet in der Nähe war. Und sie war stets mit viel zu vielen Leuten unterwegs gewesen, als dass er nicht hatte zuschlagen können.

Nicht so wie jetzt.

Sie starrte erneut nach draußen auf die Straße, als erwartete sie, dass der Cusith dort entlangspaziert kam, wie ein Straßenhund auf der Suche nach Futter.

BONNIE BAHOOKIE, knurrte eine tiefe Stimme hinter ihr, die Glenna erstarren ließ.

Ihr Kopf sagte ihr, dass sie sich umdrehen sollte, aber ihr Körper gehorchte ihr nicht. Sie konnte den fauligen Atem förmlich spüren.

»Was willst du?«, fragte sie und war stolz darauf, dass sie das Zittern aus ihrer Stimme bannen konnte.

MICH MIT DIR UNTERHALTEN, sagte der Cusith und sie hörte das Klackern seiner Krallen auf dem Plattenboden.

Sie atmete einmal tief durch, dann wandte sie sich in seine Richtung.

Der Feenhund hatte die Ohren aufgestellt, und der Schwanz bewegte sich nur sachte hin und her.

»Worüber?«, fragte sie.

ÜBER DEIN ANGEBOT.

Seine grün leuchtenden Augen liesen sie nicht eine Sekunde aus dem Blick.

ICH WEISS NUN, WER DU BIST, BONNIE BAHOOKIE.

Sie straffte die Schultern.

ES IST NICHT ÜBLICH, DASS SICH EINE MISCHKREATUR FÜR EINEN MENSCHEN OPFERN WÜRDE. NEIN, zischte er und schickte etwas hinterher, das sich wie ein kehliges Lachen anhörte. NICHT EINFACH NUR OPFERN. DEINE SEELE HÄTTEST DU DER WILDEN JAGD VERSCHRIEBEN. EIN UNSÄGLICH TRÜBSELIGES SCHICKSAL, BONNIE BAHOOKIE.

Glenna spürte, wie ihre Knie weich wurden und sie machte so unauffällig wie möglich einen Schritt an den Küchentresen heran, wo sie sich mit einer Hand abstützte.

Die Erinnerung an dieses Angebot ließ sie schwindeln. Beinahe hätte sie ihre Seele an die Schlimmsten verkauft, um einen Jungen zu retten, der nie in Gefahr gewesen war. Wie hatte sie so blind sein können? So verzweifelt?

EIN OPFER, DAS DIR NICHT ÄHNLICH SIEHT, BONNIE BAHOOKIE.

Sie runzelte die Stirn. Was wollte er ihr damit sagen? Jamie bewegte sich unruhig über ihren Rücken, sagte aber nichts.

ICH BIN HIER, UM DEIN ANGEBOT ANZUNEHMEN, BONNIE BAHOOKIE, sagte der Hund und seine Augen blitzten.

Glenna beugte sich leicht vor, obschon sie wusste, dass sie ihn richtig verstanden hatte.

»Wie bitte?«, fragte sie.

Er hob den Kopf an, zog aber die Lefzen hoch, was das Bild nicht viel vertrauenserweckender machte.

ICH LASSE DIE MENSCHENFRAU GEHEN, sagt er und seine Ohren zuckten. INZWISCHEN HAST DU BESTIMMT ERKANNT, DASS ICH IHRETWEGEN HIER BIN.

Glenna nickte.

»Ich habe mich geirrt«, gab sie zu. »Du gehörst nicht zur Wilden Jagd.«

NICHT JEDER CUSITH LÄSST SICH VON IHNEN EINFANGEN UND VERSKLAVEN, hisste er.

Sie verstand nun auch, warum er aufgetaucht war, um sie daran zu hindern, die Wilde Jagd herbei zu rufen. Und warum er Janet nicht in der Nacht holen gegangen war, als die Jagd durch Southbridge ritt.

»Du lässt Janet gehen?«, fragte sie.

ICH LASSE SIE GEHEN UND KANN STATTDESSEN MIT DIR TUN, WIE MIR BELIEBT, bestätigte der Cusith.

Ein Schaudern überkam Glenna bei der Vorstellung.

Glenna reckte das Kinn. »Warum solltest du das tun? Ich bin zu alt, um eure Feenbrut zu nähren.«

Der Cusith leckte sich über die Zähne.

DAS WÄRE NICHT DEIN SCHICKSAL.

»Sondern?«

DAS IST NICHT DEINE SACHE.

»Und ob das meine Sache ist«, erwiderte Glenna. »Ich will wissen, was mit mir geschieht, wenn ich auf den Handel eingehe.«

Der warme Flecken kroch in Richtung ihres Nackens.

BETRACHTE ES ALS RESTRISIKO DIESES HANDELS, sagte der Cusith mit einem wölfischen Grinsen. NUN?

Es wäre eine einfache Lösung, musste Glenna eingestehen.

DU ZÖGERST? WARUM AUF EINMAL?

Sie schwieg und er lachte bösartig.

AH, ICH SEHE. DIE ANGST DER STERBLICHEN HAT DICH EINGEHOLT, BONNIE BAHOOKIE. DU FÜRCHTEST DICH VOR DEM TOD.

Glenna kniff die Augen zusammen. »Ich fürchte mich nicht vor dem Tod. Ich weiß nur, dass der Tod nicht das schlimmste ist, was du mir antun kannst.«

WOHL WAHR, WOHL WAHR, sinnierte der Cusith. UND ICH KANN DIR NICHTS VERSPRECHEN. Er lachte kehlig. IHR MENSCHEN SEID EIN SO RÜHRSELIGES PACK.

Glennas Gedanken rasten. Sie konnte Janet retten. Aber dafür würde sie sich in die Gefangenschaft der Feenwelt begeben und der Gedanke daran lähmte sie. Seit sie ihre Fähigkeiten erhalten hatte, war dies die größte Angst, die ihr je innegewohnt hatte. Doch der Cusith hatte nicht vor, sie als Sklavin in die Feenwelt zu holen. Womöglich würde er sie einfach töten? Aber was hinderte ihn daran, dies einfach so zu tun?

Der Gedanke weckte ein mulmiges Gefühl in ihrem Magen und etwas überraschend wurde ihr klar, dass sie nicht bereit war, auf so einen schwammigen Handel einzugehen.

Sie zog die Augenbrauen zusammen und verschränkte die Arme vor ihrer Brust.

»Verschwinde aus diesem Haus.«

Ihre Stimme war fest und ernst und für einen ganz kurzen Moment trat ein Ausdruck der Verwirrung auf das Gesicht des Hundes. Sofort flackerten die grünen Augen jedoch auf und die Muskeln in seinem Körper spannten sich.

DU WAGST ES?, knurrte er und senkte angriffslustig den Kopf. ICH FINDE DIE MENSCHENFRAU. DENK NICHT, DASS ICH GNADE WALLTEN LASSE.

»Verschwinde«, sagte Glenna eindringlich und trat neben die Tür der Küche.

Sie erwiderte den Blick des Cusith mit eiserner Miene, war aber froh, dass er ihm nicht allzu lange standhielt, sondre er in Richtung der Tür sich bewegte. Er kam neben ihr zu stehen und seine Schultern reichten Glenna bis über ihre Hüftknochen.

WARUM AUF EINMAL, BONNIE BAHOOKIE? WARUM HAST DU DICH UMENTSCHIEDEN?

Glenna spürte seinen heißen Atem an ihrer Hand, aber sie ließ sie herunterhängen, wie sie war.

»Warum willst du das wissen?«

Der Cusith drehte den Kopf von einer Seite auf die andere.

WIR SIND NEUGIERIGE KREATUREN, BONNIE BAHOOKIE. WIR WOLLEN DIE MENSCHEN VERSTEHEN.

Glenna studierte einen Moment an einer Antwort herum, hatte aber nicht wirklich die Intention sie mit dem Feenhund zu teilen.

»Warum hast du dich unentschieden?«, erwiderte sie stattdessen.

EINE ANTWORT FÜR EINE ANTWORT, sagte der Cusith und klang sogar ein kleines Bisschen amüsiert. ICH HABE EIN GUTES ANGEBOT ERHALTEN FÜR DICH. ICH DACHTE, DAS SEI EINEN VERSUCH WERT.

»Ein Angebot?«, fragte Glenna erstaunt. »Von wem? Wofür?«

Der Cusith leckte sich über die Zähne.

EINE ANTWORT FÜR EINE ANTWORT, grollte er.

Glenna hatte nicht erwartete, dass er ihr wirklich auf die Frage antworten würde und sie war nicht dumm genug, dass sie das Feenvolk in einem Handel betrog.

Sie schluckte und sah dem Hund direkt in die Augen.

»Ich habe noch einige Dinge zu erledigen auf dieser Welt«, sagte sie fest. »Und ich werde auch so einen Weg finden, wie du dich mit leeren Pfoten in die Anderswelt zurücktrollen kannst.«

Der Cusith knurrte ein letztes Mal, lauter als zuvor, dann wandte er sich wortlos ab und trottete davon in ihrem Eingangsbereich. Glenna blickte ihm nicht nach, hörte aber, wie das Klackern der Krallen auf dem Boden plötzlich verstummte.

»Wovon hat er gesprochen, Jamie?«, fragte sie alarmiert.

›Du meinst das Angebot, das ihm gemacht wurde? Ich habe nicht den blassesten Schimmer.‹

Glenna verstand nicht. Wer hatte ihm ein Angebot gemacht? Und was sollte die Aussage, dass so ein Opfer ihr nicht ähnlichsehen würde?

Sie streifte den Gedanken ab.

»Wir müssen Janet finden, bevor der Cusith es tut.«

›Und was dann?‹, fragte Jamie und er klang überaus skeptisch.

Glenna wusste auch weshalb.

Sie rieb ihre Handflächen aneinander.

»Ich muss irgendetwas unternehmen, Jamie«, sagte sie beinahe entschuldigend.

›Die Situation hat sich verändert, Bonnie‹, sagte er ernst. ›Der Cusith ist nicht einfach nur ein Vorbote. Er ist die direkte Gefahr.‹

»Das ist mir bewusst«, antwortete sie matt.

›Stell dich nicht dümmer, als du bist, Bonnie. Du weißt, worauf ich hinaus will.‹

Glenna war fast etwas überrumpelt von den harschen Worten, aber sie wusste, dass er recht hatte.

»Ich weiß. Ich darf ihm durch meine Magie keinen Schaden zufügen.«

›Ganz genau.‹

Wenn sie das würde, wäre ihre Bestrafung durch das Hohe Gericht sicher. Und sie würde allen Endes doch als Sklavin der Anderswelt enden.

Sie rümpfte die Nase und fasste nach ihrer Handtasche.

»Das heißt aber nicht, dass ich tatenlos zusehen muss.«


Vorschau auf das Kapitel „Virale Neuigkeiten“ von nächster Woche:

Als sie die Zelttücher teilte und nach draußen trat, stand eine kleine Armee vor ihr.

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