35. Kapitel – Leere Gläser

Kapitel 35: Leere Gläser

Glenna summte vor sich hin, während sie die Pfanne schrubbte. Zwischendurch wischte sie sich die Hand an der Schürze ab und nahm einen Schluck von ihrem Rotwein und blickte nach draußen.

Aidan war in Sicherheit, Janets kleine Familie wieder glücklich beisammen und in Sachen Dorothy war nur noch der Termin mit dem Notar offen, der in zwei Tagen stattfinden würde.

Sie ließ den gut temperierten Rotwein durch ihre Kehle rinnen und stieß geräuschvoll Luft aus.

›Was ist?‹

Sie dachte über die Frage nach.

»Nichts«, sagte sie schließlich.

Und es stimmte. Irgendwie fühlte sie nichts.

Ja, die Anspannung der letzten Tage war von ihr abgefallen, aber die innere Ruhe, die man nach den Ereignissen erwarten konnte, stellte sich irgendwie nicht ein.

Schön, sie hatte eingesehen, dass sterben vielleicht noch nicht das war, was sie suchte. Gleichzeitig fühlte sie sich trotzdem noch nicht wieder zu Hause in ihrer Haut. Sie würde sich irgendwie arrangieren müssen und noch wusste sie nicht, wie sie das genau bewerkstelligen sollte.

Sie dachte an die Schwanenfamilie zurück, mit dem verlorenen Küken.

In der Ferne erklang das Bellen eines Hundes und Glenna verharrte in ihrer Bewegung.

Es erklang von weither, war aber angsteinflößender, als jedes Bellen, das sie bislang gehört hatte. Es fuhr durch Mark und Bein und hatte etwas Ausswerweltliches an sich, das ihr die Nackenhaare aufstellen ließ.

Sie ließ den Teller in das Waschbecken gleiten und wischte sich die Hände an der Schürze ab.

Ein zweites Bellen schallte durch die Nacht. Näher dieses Mal.

»Jamie«, flüsterte sie und starrte aus dem Fenster auf die spärlich beleuchtete Straße.

›Ich höre es.‹

»Der Cusith.«

Er hatte sich nicht zurückgezogen. Er streifte noch immer durch ihre Welt.

Sie lauschte, hörte aber kein Jagdhorn schallen. Natürlich nicht. Samhain war auch vorbei. Warum war der Hund dann noch hier?

Ein drittes Bellen erklang und es war nah.

Ein Kribbeln in ihrer Magengegend sagte ihr, dass dies ein genauso schlechtes Zeichen war.

Der Fleck bewegte sich über die Schulter auf ihre Brust.

›Der Cusith hat gebellt‹, sagte Jamie ernst.

»Das habe ich gehört.« Es ratterte in Glennas Schädel, denn sie wusste, dass ihr das etwas sagen musste.

›Dreimal. Die Jagdhunde der Wilden Jagd bellen nicht, Bonnie.‹

Sie runzelte die Stirn, dann dämmerte ihr.

»Der Cusith ist alleine hier. Er ist kein Spürhund.«

Sie dachte angestrengt nach, was das zu bedeuten hatte.

»Also jagt er stillende Frauen, Jamie?«, wiederholte sie das, was Jamie ihr vor einigen Tagen über die Cusith erzählt hatte.

›Das heißt, er ist nicht der Todesbote, von dem du glaubtest, dass er es ist. Er ist kein Seelensammler.‹

Sie runzelte die Stirn.

»Moment«, sagte sie. »Was hat das alles dann mit Aidan zu tun?«

›Ich …‹ Jamie zögerte. ›Ich schätze gar nichts.‹

Glennas Augen weiteten sich. »Du willst sagen, dass Aidan nie in Gefahr schwebte?«

›Ich weiß nicht, was das bedeutet, Bonnie. Aber wir haben den Hund falsch eingeschätzt.‹

Es gab Menschen, denen es einfacher fiel, die Wesen der Anderswelt zu sehen. Menschen, die irgendwann einmal von einem Wesen berührt worden waren, oder sonst ein feineres Gespür hatten.

Vielleicht war Aidan nicht vom Cusith auserkoren.

»Aber das macht keinen Sinn«, murmelte Glenna. »Warum hat er sich dann um uns herum aufgehalten? Ich habe gesehen, wie er Aidan aufgelauert hat auf dem Festgelände. Zweimal.« Sie riss die Augen auf, als ihr ein Gedanke kam. »Oh nein.«

›Bonnie?‹

»Nein, nein, nein.«

Sie blickte auf das schmutzige Geschirr, das neben dem Waschbecken aufgetürmt war.

Zwei benutzte Rotweingläser standen dort und sie erinnerte sich daran, mit Sebastian angestoßen zu haben. Nicht aber mit Janet.

»Oh, ich Ochse«, hauchte Glenna.

›Was ist?‹

»Janet«, sagte sie und legte die Hand auf ihren Mund. »Janet ist schwanger, Jamie.«

Er schwieg und fasste damit stumm zusammen, was ihnen beiden auf einen Schlag klar wurde.

Der Cusith war nicht hinter Aidan her. Er war hier, um Janet zu holen.


Vorschau auf das Kapitel „Neue Verhandlungen“ von nächster Woche:

ICH WEISS NUN, WER DU BIST, BONNIE BAHOOKIE.

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