32. Kapitel – Leiser Abschied

Kapitel 32: Leiser Abschied

Der Sarg lag auf den Stühlen vor dem Eingang des B&Bs. Nach und nach gingen die versammelten Leute daran vorbei, blicken in die geöffnete Klappe und nahm Abschied. Einige beugten sich über Dorothys Gesicht und küssten ihre Wangen.

Glenna stand in der Nähe und fühlte sich so entspannt, wie seit langem nicht mehr.

Als sie am Vortag zurück in das Stewart-Haus gekommen war, hatte Sebastian seine Sachen gepackt gehabt und war abgereist. Niemand hatte etwas davon mitgekriegt, aber zugegebenermaßen waren ihre Gäste auch nicht sonderlich mitteilsam gewesen, nachdem sie sich selber hatten verpflegen müssen.

Trotzdem hatten die meisten von ihnen mit einem Lächeln ausgecheckt, als sie von der Preisreduktion erfuhren. Die letzten Gäste reisten heute ab, dann war das Stewart-Haus wieder leer für eine Weile, bis auf Glenna und Jamie und die Kartenspielrunde jeweils am Donnerstagnachmittag.

Als sich jeder persönlich von Dorothy hatte verabschieden können, wurde die Abdeckung geschlossen. Sechs junge Männer traten daraufhin an den Sarg heran und hievten ihn sich auf die Schultern.

Zwei von ihnen waren Gäste, die jedes Jahr für das Samhain-Fest bei im Stewart-Haus einquartiert waren und die Dorothy über die Jahre lieben gelernt hatten. Sie hatten sich sofort bereit erklärt. Die anderen waren Männer aus dem Dorf, die entweder mit Dorothy selber und mit ihrem Mann über irgendwelche Ecken verbandelt gewesen waren.

Ihre Kartenspielrunde reihte sich direkt hinter den Sargträgern ein. Eigentlich wäre es an den nächsten Verwandten und Freunden, den Sarg zu tragen, aber niemand erwartete von ihrem Seniorinnengrüppchen, diesen Auftrag zu übernehmen.

Glenna hatte sich überlegt, Whisky anzubieten bei der Verabschiedung, hatte sich aber dagegen entschieden. Jeder sollte die Abdankung durch seine eigenen Sinne erleben. Außerdem hatte sie noch keine Zeit gefunden, neue Erinnerungen zu destillieren.

Die Gruppe zog langsam durch die Straßen in Richtung des Friedhofs, der auf der anderen Seite des Ufers lag. Von Southbridge hatte sich fast das ganze Dorf angeschlossen, auf der anderen Seite begegneten sie einigen Leuten, die Dorothy nicht gekannt hatten.

Traditionsgemäß blieben sie stehen oder wandten sich sogar um und marschierten einige Meter mit der Prozession, um ihren Respekt zu zollen, bevor sie mit ihrem Leben weitermachten.

Die sechs Männer wurden in der Mitte des Wegs von sechs weiteren abgelöst, bis sie die kleine Kapelle von Marlfield erreicht hatten.

Glenna hatte sich die ganze Prozession über aufmerksam umgeschaut, aber kein Anzeichen des Cusiths oder anderen Wesen der Anderswelt ausmachen können. Samhain war vorüber und alles nahm seinen gewohnten Lauf.

Glenna setzte sich neben Janet und es gelang ihr sogar, den Worten des Pfarrers zu folgen und sie auf sich wirken zu lassen.

Der Gottesdienst war kurz und es wurde alles gesagt, was es über Dorothy Stewart zu sagen gab.

1928 wurde sie in Paris geboren und von ihrer Mutter aufgrund unbekannter Gründe weggeben. Sie wurde schließlich von einem irischen Paar adoptiert, das sie geliebt hatte, als wäre sie ihr eigenes Fleisch und Blut.

Glenna hatte sich damals überlegt, das Mädchen Aurelie zu nennen, nach Létoiles Taufnamen, hatte es sich dann aber anders überlegt. Létoile war immer schnell peinlich berührt gewesen und die Ehre hätte sie mehr verwirrt als gerührt.

Das wurde heute natürlich nicht gesagt.

Als der Gottesdienst vorüber war, zog die ganze Gemeinschaft zum Grab, wo der Sarg hinabgelassen wurde. Zwei Männer schaufelten die Tonerde darüber, womit der offizielle Teil abgeschlossen war.

Glenna hatte nichts weiter vorbereitet und sie hoffte, dass ihr das niemand übelnahm. Aber sie hatte die alte Dame-Karte gespielt und geklagt, dass die letzten Tage allesamt zu anstrengend gewesen seien. Außerdem hatten die Leute genug gefeiert, gegessen und getrunken, so dass sich niemand darum riss, schon wieder sozialisieren zu müssen, so hoffte sie.

»Das war eine schöne Beisetzung«, sagte Eileen versonnen, als sich ihre Gruppe etwas abseits vom Grab zueinandergesellte.

Janet und Aidan standen noch mit ein paar anderen beim Grab und Glenna beobachtete die beiden von Weitem.

»Es hätte etwas persönlicher sein können«, meinte Lisbeth.

Priscilla hob gleichmütig die Schultern. »Sie war eine alte Frau, da erzählt man nun mal nicht mehr sehr viel über die Person.«

»Ja«, sagte Lisbeth und verzog das Gesicht. »Wir alte Frauen werden überall nur übergangen, nicht wahr? Als mein alter Seamus gestorben ist, wurde viel mehr Trara gemacht, als es um mich jemals gemacht werden wird. Ich sag das nur so.«

Eileen nickte zustimmend.

»Keine Angst«, meinte Priscilla. »Wenn du stirbst, werden wir das größte Trara veranstalten, das Southbank gesehen hat. Versprochen.«

Sie alle kicherten leise, nur Glenna war nur mit einem Ohr dabei. Janet und Aidan hatten dem Grab den Rücken gekehrt und gingen gemeinsam den Pfad zum Dorf zurück. Als sie bei ihnen vorbeikamen, nickte Janet freundlich in ihre Richtung, gesellte sich aber nicht zu ihnen.

Glenna schaute zurück zum Grab, um zu sehen, ob es schon angemessen war für sie zu gehen. Nur noch wenige Leute standen dort in einer kleinen Gruppe und unterhielten sich ebenfalls leise.

Glenna wollte sich schon an die Damen wenden, als ihr etwas am Rande des Friedhofs ins Auge stach. Ein Mann stand dort und beobachtete die übriggebliebene Gesellschaft.

Er trug eine Wollmütze und eine getönte Sonnenbrille und Glenna blieb im ersten Moment das Herz stehen.

Nein, redete sie sich gut zu.

Als sie ein paar Mal blinzelte und noch einmal genau hinsah, wandte sich der Mann ab und ging davon. Dabei passierte er Janet und Aidan und die drei nickten sich höflich zu.

Glenna ließ die angehaltene Luft entweichen. Es war nicht Sebastian. Ihre Nerven mussten sich einfach erstmal daran gewöhnen, dass wieder alles in Ordnung war.

Sie verabschiedete sich von den Damen und machte sich ihrerseits auf den Rückweg.

Als sie alleine war, bewegte sich der warme Fleck von ihrem Rücken zu ihrer Schulter.

›Hast du etwas bemerkt, Bonnie?‹

Sie runzelte die Stirn.

»Was bemerkt.«

›An der Beerdigung. Als die Leute vom Sterben sprachen.‹

Glenna ging die Messe des Pfarrers durch und die Gespräche, die sie danach geführt hatte. Aber sie kam nicht dahinter, was Jamie ihr sagen wollte.

›Die Krähe, Bonnie‹, enthüllte er schließlich.

Sie verlangsamte ihren Schritt ein wenig.

»Da war keine Krähe«, sagte sie nachdenklich.

›Genau.‹

Glenna versuchte, sich daran zu erinnern, wann die Krähe sie zum letzten Mal heimgesucht hatte. War es gewesen, als sie dem Reiter in ihrem Garten begegnet war? Oder später auf dem Fest?

Es war einerlei. Jamie hatte recht.

Sie lächelte grimmig. Vielleicht war nicht alles, was er ihr hatte sagen wollen, kompletter Schwachsinn gewesen.

Der Fleck wärmte ihren Nacken, sagte aber nichts weiter.


Vorschau auf das Kapitel „Vier Stühle“ von nächster Woche:

»Es gibt da etwas, was ich dir sagen muss.«

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