31. Kapitel – Simple Pläne

Kapitel 31: Simple Pläne

›Was ist dein Plan, Bonnie?‹, fragte Jamie, als sie Aidans Vater Sebastian bis auf das Gelände gefolgt war.

»Ich werde mit ihm reden«, sagte sie. »Und ich werde ihn glauben lassen, dass ich Beweise habe für seine Pläne und dass diese bei der Polizei landen, sollte er nicht unverzüglich aus Southbank verschwinden.«

Auf dem Gelände waren tatsächlich einige Leute unterwegs. Dem Anschein nach vor allem Händler, die die letzten Überbleibsel ihrer Stände abholten. Sowohl die Infrastruktur wie auch das große Speisezelt blieben unangetastet.

Trotzdem hielt Glenna die Augen und Ohren offen, ob sich Janet nicht doch irgendwo herumtrieb.

Sie fragte sich, wie Sebastians Plan aussehen mochte. Wollte er Aidan weglocken, in den Wald hinter dem Festgelände vielleicht?

Ihr schauderte bei dem Gedanken und versuchte abzuschätzen, wie weit entfernt die ersten Bäume standen. Irgendwem würde auf jeden Fall auffallen, wenn ein erwachsener Mann mit einem Zehnjährigen im Wald verschwand, oder?

Sie schüttelte den Gedanken ab. Es spielte keine Rolle. Sie würde ihn früher abfassen und er würde ihre Lüge glauben und Aidan in Ruhe lassen.

Der Plan klang so simpel und geradlinig, dass es Glenna Sorgen bereitete. Aber er hatte ihre Kekse gegessen und die Wirkung würde irgendwann nachlassen, also musste sie jetzt agieren.

Sie straffte ihre Schultern und fokussierte sich auf Sebastian.

Nur, dass dieser verschwunden war.

Glenna hielt im Schritt inne und wurde dabei von einem Mann angerempelt, der eine Kiste mit sich trug.

»Aufpassen!«, schnauzte er sie an, aber sie ignorierte ihn.

»Er ist weg«, zischte sie.

›Wie weg?‹

Sie ging weiter und beschleunigte ihren Schritt.

»Ich habe ihn aus den Augen verloren.«

Sie bog vor dem Speisezelt ab, dort wo sie ihn als Letztes gesehen hatte, aber da war niemand.

»Ich dumme Kuh«, sagte sie zu sich selber und stützte die Hände in die Hüfte.

Da plötzlich packte sie jemand am Arm und zog sie grob durch den Zelteingang.

Sie japste auf vor Schreck und als sie im Innern des Speisezeltes stand, presste sie ihre freie Hand auf ihre Brust.

Sie stand Auge in Auge mit Sebastian, der ihren Arm schmerzhaft hart umklammert hielt. Der magische Schein lag auf seinem südländisch wirkenden Gesicht, mehr konnte sie nicht erkennen, da er sie losließ und sich wieder unter Kragen und Hut versteckte.

»Also«, sagte er und klang bitter. »Du hast mich erkannt, wie?«

Glenna schluckte schwer, straffte dann aber wieder die Schultern und umklammerte ihre Handtasche, als würde sie ihr Halt geben.

»Richtig«, sagte sie fest. »Und ich weiß, was Ihre Pläne sind. Sebastian.«

Er versteifte sich für einen kurzen Moment.

»Und ich habe Beweise dafür«, ergänzte sie.

Noch wusste sie nicht, wie genau sie ihre Magie dazu verwenden sollte, ihn ihre Worte glauben zu lassen, aber das wäre abhängig von seiner Reaktion.

»Ist das so?«, murmelte er und schien nachzudenken.

Sie wollte ihm keine Zeit geben. Sie musste ihn überrumpeln, so dass er es mit der Angst zu tun kriegte.

Sie schloss die Augen und versuchte, ein Bild vor sich zu beschwören. Doch noch bevor das Bild seine ersten Züge annehmen konnte, spürte sie einen Schmerz in ihrer Schulter, als Sebastian sie hart anfasste und seine Finger in ihr Fleisch bohrte.

Sie riss die Augen auf und ihr entfuhr ein kurzer Schrei, als sie das Messer in seiner anderen Hand liegen sah.

»Das ist nicht, wie es hätte passieren sollen«, zischte er. »Aber du lässt mir keine Wahl.«

Ihre Handtasche glitt aus ihren Händen, sie selbst war wie festgefroren.

›Lass sie los!‹, rief Jamie und ein überraschter Ausdruck trat in Sebastians Gesicht.

Jamies Ruf und Sebastians Moment des Zögerns reichten, damit Glenna sich wieder fasste. Sie hob ihren Arm und presste Sebastians Hand auf ihrer Schulter mit ihrem Unterarm zur Seite. Bevor er darauf reagieren konnte, war sie einen halben Schritt an ihn herangetreten und rammte ihm das Knie zwischen die Beine.

Glücklicherweise machte sie nach wie vor regelmäßige Dehnübungen und ihre Beweglichkeit ließ jede andere Seniorin vor Neid erblassen.

Sebastian krümmte sich zusammen und sog scharf Luft ein.

Glenna warf einen Blick auf das Messer, das er noch immer in der Hand hielt und ihre Gedanken arbeiteten in Sekundenbruchteilen alle möglichen Varianten durch, wie sich die Situation jetzt entwickeln mochte.

Da kam ihr eine Idee.

Sie brachte etwas Distanz zwischen sich und Sebastian, gab ihm aber Zeit, um sich zu erholen.

Als er sie wieder in den Blick fasste, waren seine Pupillen geweitet vor Zorn und etwas, das darin lag, jagte einen Schauer über ihren Rücken. Wie konnte ein Mann, den sie nicht einmal richtig kannte, einen so tiefgehenden Hass gegen sie richten? Was hatte Janet ihm damals angetan, was ihn derart verbitterte?

Glenna schüttelte den Gedanken ab, als Sebastian sich aufrichtete und auf sie zukam. Sie hielt den Blick auf das Messer gerichtet und ging vorsichtig rückwärts. Ihre Idee konnte funktionieren, aber wenn sie unvorsichtig war, konnte sie genauso gut von ihm aufgeschlitzt werden.

Ihr Herz raste und ein Zittern fuhr durch ihren ganzen Körper.

Ihre Ferse schlug irgendwo an und sie wusste, dass das ihre Gelegenheit war. Sie riss die Arme vor ihr Gesicht und spannte ihre Muskeln, während sie sich rückwärts fallen ließ.

Der Aufschlag auf dem Boden jagte ihr die Luft aus der Lunge, aber trotzdem schaffte sie es, die Augen zusammenzupressen und ein Bild in ihrer Vorstellung Form annehmen zu lassen.

Sie malte sich selber am Boden liegend. Blut besudelte ihren Schal und den Mantel. In wellenartigen Schüben trat es aus ihrer Halsschlagader, die von einem nur halb in den Boden getriebenen Hering durchtrennt worden war. Ihre Augen waren aufgerissen vor Schock und das Gesicht schmerzverzerrt, aber eingefroren und blass. Sie atmete nicht mehr.

Das Bild war brachial und unordentlich aber sie hoffte, es war schockieren genug, dass Sebastian es nicht anzweifelte.

Sie öffnete die Augen und entließ die Vorstellung. Sie konnte nicht anders, als heftig zu atmen, denn der Sturz und die Magie hatten ihre Anstrengung gekostet. Das Bild musste stark genug sein, dass es ihren bebenden Körper zu überzeichnen vermochte.

Sebastian stand über ihr, das Messer erhoben, aber seine Stirn war in tiefe Furchen gelegt. Langsam ließ er das Messer sinken und seine Schultern sackten ab. Er starrte auf sie herab und vollkommene Ungläubigkeit trat auf sein Gesicht.

Dann schüttelte er den Kopf.

»Das war nicht mein Plan gewesen«, sagte er und klang reumütig. »Mein Ziel vielleicht, aber nicht mein Plan.«

Er steckte das Messer zurück in die Scheide, die er unter dem Mantel trug und wandte sich ab. Schnelle Schritte verließen das Zelt.

Glenna blieb für mehrere Minuten liegen. Sie wollte sichergehen, dass er nicht wiederkam, aber sie brauchte die Zeit auch, um sich zu erholen.

Als sie sich aufsetzte, schmerzten ihre Knochen und sie rieb sich ihr Kreuz.

›Ist alles in Ordnung?‹, fragte Jamie besorgt.

»Ich hoffe es.«

›Was hast du ihn glauben lassen?‹

Sie stemmte sich in die Höhe und sammelte ihre Handtasche ein.

»Dass er mit getötet hat. Ich hoffe das und meine Aussage nach Beweisen genügt, dass er kalte Füße bekommt und verschwindet.«

Er wäre verrückt, wenn er jetzt noch hier bleiben würde. Er musste davon ausgehen, dass ihre vermeintliche Leiche sehr schnell entdeckt werden würde und dann wäre hier die Hölle los.

›Das war ganz schön mutig. Und verrückt.‹

Glenna lächelte leise und versuchte, die Grasflecken von ihren Kleidern zu reiben. Sie gab es schnell auf und atmete noch einmal durch.

»Das hätten wir also erledigt.«


Vorschau auf das Kapitel „Leiser Abschied“ von nächster Woche:

»Keine Angst«, meinte Priscilla. »Wenn du stirbst, werden wir das größte Trara veranstalten, das Southbank gesehen hat. Versprochen.«

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