29. Kapitel – Gequälte Schreie

Kapitel 29: Gequälte Schreie

***

Glenna saß in der Ecke des schlecht ausgeleuchteten Zimmers und presste den Teddybären an ihre Brust. Er roch nach ihrem Bruder Thomas und Glenna atmete den Geruch tief ein.

Sie hatte die nackten Beine unter ihrem Nachthemd dicht an sich gezogen und beobachtete die Tür, die in das Schlafzimmerchen führte. Die Tür, hinter der ihre Mutter und der fremde Mann zusammen mit Thomas verschwunden waren. Sie hatte ihn nicht gesehen, aber der Mann hatte Thomas auf seinen Armen getragen. Als Glenna nach ihm gefragt hatte, hatte ihre Mutter sie angeschrien. Daraufhin hatte sie Thomas Bären gepackt und war in die Ecke gesessen.

Jetzt starrte sie die Tür an und wartete darauf, dass etwas passierte. Etwas, dass ihr erklärte, was los war. Warum der fremde Mann Thomas getragen hatte. Warum ihre Mutter sie angeschrien hatte.

Ein plötzlicher Aufschrei aus dem Zimmer ließ Glenna zusammenzucken. Sie zog die Beine noch enger an ihren Körper und presste das Gesicht in das raue Fell des Bären.

Da wurde die Haustür aufgerissen und ihr Vater stürmte herein. Seine Hose war schmutzig von der Arbeit auf dem Feld und sein Gesicht war schweißüberströmt, wie immer, wenn er nach Hause kam.

Aber er war früher zu Hause als sonst. Er hatte die Fäuste geballt und das Gesicht war seltsam verzerrt.

»Aileen!«, rief er und kurz darauf wurde die Tür zum Schlafzimmer geöffnet und der fremde Mann trat heraus.

Er trug Thomas nicht mehr auf den Armen, sondern hatte einen ledernen Koffer dabei und knetete seine Mütze in den Händen.

»Es tut mir sehr leid, Herr Alexander«, sagte er.

Aus dem Zimmer drang das Schluchzen ihrer Mutter.

Glenna verstand nicht, was vor sich ging, aber es war nichts Gutes. Ein Wimmern drang aus ihrer Kehle. Niemand nahm von ihr Notiz.

»Leid?«, polterte ihr Vater.

Das Wehklagen ihrer Mutter wurde lauter.

Der fremde Mann wollte etwas sagen, aber ihr Vater stieß ihn zur Seite und stürmte in das Zimmer.

Der Mann blieb kurz stehen, dann setzte er die Mütze auf und verließ das Haus mit langen Schritten.

»Was ist passiert, Aileen?«, hörte sie ihren Vater schreien.

»Ein Unfall. Glenna hat das Bein geschürft.«, wimmerte ihre Mutter und Glenna zuckte zusammen, als ihr Name fiel. »Ich hab ihn allein gelassen. Er ging zu den Pferden. Etwas hat sie erschreckt.«

Sie sprach abgehakt und konnte nicht folgen, was das eine mit dem anderen zu tun hatte.

Ein undeutliches, erstickendes Geräusch drang aus dem Raum. Stammte es von ihrem Vater?

Mit zitternden Knien kam Glenna auf die Beine. Den Bären nach wie vor an sich gedrückt durchquerte sie den Raum und spähte in das Zimmer.

Ihre Mutter kniete am Boden, die Hände auf ihr Gesicht gepresst, ihr Vater saß auf dem Bett und hielt Thomas in seinen Armen.

Aber Thomas schlief und reagierte nicht auf die Umarmung.

Tränen flossen über das Gesicht ihres Vaters. Glenna hatte ihn noch nie weinen gesehen und es machte ihr Angst. Ihr Herz klopfte so schnell, dass es weh tat.

»Wie konntest du das zulassen, Aileen?«, sagte ihr Vater gequält. »Wie konnte das passieren?«

Ihre Mutter zitterte am ganzen Körper.

Ihr Vater entließ Thomas aus seiner Umarmung und ihr Bruder fiel zurück auf das Bett. Sein Kopf kippte zur Seite und sein Gesicht war voller Blut.

Glenna japste auf und stolperte rückwärts.

Als ihr Vater begann, ihre Mutter anzuschreien, ließ Glenna den Bären fallen und eile zur Haustür. Sie riss sie auf und rannte barfuß über das Feld vor ihrem Haus, bis zum Stall, wo die beiden Arbeitspferde untergebracht waren.

Sie quetschte sich zwischen zwei Holzkisten an der Fassade hindurch und wickelte sich in die Decke, die dort lag.

Es war ihr Versteck. Thomas und ihres. Wenn sie nicht wollten, dass ihre Mutter sie fand kamen sie hierher. Glenna wünschte so sehr, dass Thomas herkommen würde. Dann konnten sie zusammen warten, bis ihr Vater mit dem Schreien aufhörte, wie sie es sonst taten. Sie würde seine Hand nehmen und er hätte seinen Bären dabei und Glenna würde ihm Geschichten erzählen, bis er aufhörte zu weinen. Thomas hatte immer Angst, wenn ihr Vater anfing zu schreien. Und jetzt lag er dort im Bett und ihr Vater schrie und Thomas konnte nicht weggehen.

Die Haustür wurde mit einem Knall aufgeschlagen und Glenna spähte zwischen den Holzkisten hindurch in Richtung Haus.

Ihr Vater kam mit festem Schritt auf den Stall zu. In seiner Hand trug er das Gewehr.

Er riss das Tor auf und trat ein.

Glenna drehte sich zur Holzwand des Stalles um und suchte das Astloch, durch welches sie ins Innere sehen konnte. Sie konnte nur die Beine ihres Vaters erkennen und hören, wie die beiden Pferde unruhig schnaubten.

Als plötzlich ein Schuss fiel, presste Glenna sich die Hände auf die Ohren und schrie. Sie schrie so laut, dass es ihr im Hals schmerzte.

Die Pferde wieherten panisch und etwas Schweres prallte auf den Boden.

Glenna drängte sich zurück durch den Spalt und aus ihrem Versteck. Sie atmete schwer und Tränen flossen in Strömen über ihr Gesicht.

Das war ihre Schuld. Sie hatte ihr Bein geschürft und irgendwie war das alles ihre Schuld.

Der Schuss hatte die Saatkrähen auf dem Feld erschreckt und der Himmel war überzogen von schwarzen flatternden Flecken und dem Krähen duzender Kehlen.

 Auf der anderen Seite des Stalls trat ihr Vater auf das Feld, das Gewehr im Anschlag. Er richtete den Lauf in die Luft und schoss. Einmal, zweimal, dreimal. Immer wieder lud er nach und schoss in die Luft und nach jedem Fall stieß er einen erschütternden Schrei aus.

»Warum?«, schrie er. »Warum mein Junge?«

Etwas landete direkt vor Glennas Füssen und sie machte einen erschrockenen Satz zur Seite. Ein Bündel aus schwarzen und grauen, blutgetränkte Federn mit leblosen Knopfaugen, die sie vorwurfsvoll anstarrten.

Glenna schrie.

***


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