27. Kapitel – Offene Fragen

Kapitel 27: Offene Fragen

›Willst du ihn suchen?‹, fragte Jamie, während Glenna so leise wie möglich den unteren Stock des Hauses nach etwas durchsuchte, wo sie den Whisky reinschütten konnte.

Sie wollte nicht, dass Aidan mitkriegte, wie sie sein Zuhause auf den Kopf stelle. Schon gar nicht bei der Stimmung, in der er gerade war. Als allerletztes wollte sie, dass er Janet erzählte, dass sie sich seltsam verhielt.

»Ich will den Jungen eigentlich nicht alleine lassen«, sagte sie und durchsuchte die Küche nach dem PET-Abfall.

Sie fand ihn in Form einer Plastiktasche am Boden hinter der Küchentür. Sie wusch eine der verdrückten Flaschen aus und nahm sie sie mit ins Badezimmer.  Dort blies sie sie auf und schüttete vorsichtig den Whisky hinein. Sie merkte da, dass ihre Hände nicht so ruhig waren, wie sie es gehofft hatte. Entweder die Entbehrung des Destillieren-Prozesses waren dafür verantwortlich oder aber sie hatte schon lange nicht mehr versucht, etwas in einen dünnen Flaschenhals zu leeren.

Von Wohnzimmer her hörte sie, wie der Fernseher wieder angeschaltet wurde.

Glenna biss sich auf die Lippen und schaute auf ihr Mobiltelefon. Janet hatte sich auf keine Weise bei ihr gemeldet und langsam machte sie sich Sorgen. War sie mit der Nachricht zu weit gegangen und hatte sie sich zu sehr in Janets Privatleben eingemischt? Oder war ihr sogar etwas zugestoßen?

Wer sagte, dass Aidans Vater es nicht nur auf Aidan abgesehen hatte, sondern auch auf Janet?

Sie schüttelte energisch den Kopf.

»Brauchen Sie jetzt noch etwas?«, fragte Aidan sichtlich unmotiviert und ohne ihr einen Blick zuzuwerfen, als sie ins Wohnzimmer trat.

Glenna dachte fieberhaft nach, was sie als Vorwand bringen konnte, hier zu bleiben, aber es kam ihr nichts weiter in den Sinn, als die Twitter-Sache. Und wenn sie ehrlich war, müsste sie auch hier irgendetwas hanebüchen an den Haaren herbeiziehen. Und sie hatte nach wie vor das Gefühl, dass sie zu wenig davon verstand, als dass sie nur schon anständige Fragen dazu formulieren konnte.

Und dann war da noch Aidans niedergeschlagene Miene.

Er hatte endlich einen Abend allein zu Hause, etwas, worauf er sich stets gefreut hatte und nun klebte ihm diese alte Frau an der Backe. Das war nicht wirklich fair, musste sie eingestehen.

Sie versuchte sich an einem Lächeln.

»Nein, ich denke meine Fragen können alle warten.«

Sie strich ihren Rock glatt und legte die PET-Flasche vorsichtig in ihre Handtasche, bevor sie den Mantel zur Hand nahm. Sie kramte kurz in der Tasche und legte einige Euro auf den Tisch.

»Danke, dass du dir Zeit genommen hast.«

Aidan blickte weiter in den Fernseher und bemerkte gar nicht, was sie tat. Er nickte aber und Glenna fühlte sich entlassen.

Mit einem Seufzen verließ sie das Haus.

›Du lässt ihn allein?‹, fragte Jamie, als sie in der frischen Luft draußen den Mantel anzog.

»Ich muss nicht in seinem Wohnzimmer sitzen, um ein Auge auf ihn werfen zu können.«

Sie zog den Mantel eng um sich und drapierte ihr Foulard so, dass es bis zu ihren Ohren reichte.

›Du willst nicht wirklich hier draußen warten, oder?‹

»Genau das.«

›Und wie lange? Bis es morgen wird, oder wie?‹

Sie warf einen Blick zum Himmel. Samhain war bald vorüber.

»Wenn es sein muss.«

Jamie seufzte. ›Ich hasse es wirklich, derjenige zu sein, der dir das sagt, aber Bonnie … du bist keine zwanzig mehr.‹

Sie schnaubte und überquerte die Straße, wo sie sich nach einer Ecke umsah, die im Dunkeln genug lag, damit man sie aus den Fenstern der Häuser nicht sehen konnte.

›Bonnie, du hast keine Ahnung, was genau passieren wird. Willst du von jetzt an jede Nacht hier verbringen?‹

»Nein«, sagte sie. »Sobald Janet zurückkommt, werde ich mich auf die Suche nach ihrem Ex-Mann machen. Das Dorf ist nicht wirklich groß, nicht wahr? Irgendwo muss er sein.«

Damit schien Jamie für den Moment zufrieden.

Es dauerte eine halbe Stunde, da hörte sie Absätze über den Pflasterstein klackern. Sie spähte aus ihre, Versteck und erkannte eine Gestalt, die von der Hauptstraße her in ihre Richtung eilte. Als sie näher kam, erkannte Glenna Janets Umrisse.

Sie hielt ihr Telefon in der Hand und Glenna fragte sich, ob ihre Nachricht sie vielleicht verunsichert hatte und sie deshalb nach Hause gekommen war.

Sie wartete, bis Janet das Haus betrat, dann rollte sie mit den Schultern.

»In Ordnung«, sagte sie. »Suchen wir diesen Herrn.«

›Und wie willst du das anstellen?‹

»Das ist eine ausgezeichnete Frage«, seufzte sie und machte sich auf in Richtung Hauptstraße.

›Bonnie, mal eine ganz bescheuerte Idee.‹

»Ja?«

›wenn dieser Kerl tatsächlich hier ist, muss er irgendwo schlafen, oder?‹

»Ich schätze es.«

›Bonnie.‹

»Was?«

›Denk mal nach.‹

Sie runzelte die Stirn, dann hob sie die Hand vor den Mund.

»Oh.«

Sie wartete keine Antwort ab, sondern legte einen Zahn zu.

»Ich dumme Gans«, murmelte sie zu sich selber.

Natürlich musste er irgendwo Schlafen. Und in Southbridge selber gab es nicht sonderlich viele Übernachtungsmöglichkeiten.


Vorschau auf das Kapitel „Späte Gäste“ von nächster Woche:

»Kein Willkommenswhisky also. Wie unhöflich.«

Zur Kapitelübersicht

Series Navigation<< 26. Kapitel – Erinnerungshauch28. Kapitel – Späte Gäste >>
27. Kapitel – Offene Fragen
Markiert in:         

Hinterlasse einen Kommentar

avatar
  Abonnieren  
Benachrichtige mich bei