26. Kapitel – Erinnerungshauch

Kapitel 26: Erinnerungshauch

Glenna klappte den Toiletten-Deckel nach unten und füllte die Schüssel mit Wasser aus dem Hahn. Dann setzte sie sich auf den Sitz und hielt die Schüssel mit beiden Händen im Schoss.

›Bonnie, was machst du?‹, flüsterte Jamie skeptisch.

»Du warst oft genug dabei, dass du das weißt«, murmelte Glenna und schloss die Augen, um sich zu konzentrieren.

›Das ist mir schon klar, aber warum tust du es? Ich dachte, du hättest mit der Magie abgeschlossen?‹

Sie schnaufte durch Nase ein und aus.

»Wenn ich Aidan damit helfen kann, werde ich es tun.«

Jamie schwieg.

»Wenn meine Erinnerungen sein Leben retten, sind sie gut investiert.«

Jamie schwieg, aber der wärmende Fleck auf ihrem Rücken sagte ihr alles, was sie wissen musste.

»Rück schon raus damit.«

›Womit?‹

»Sag es einfach, dann haben wir es hinter uns.«

›Ich habe es dir gesagt?‹

Immerhin war er so höflich, es als Frage zu formulieren.

Glenna streckte den Rücken durch und legte dann die Finger einer Hand in das Wasser.

›Wie willst du ihm mit deiner Magie helfen?‹

Glenna verharrte und schürzte die Lippen.

»Aidan sagt, dass sein Vater ihm nichts Böses will«, sagte sie. »Aber es ist doch reichlich seltsam, dass er auf einmal wieder hier auftaucht, oder?«

›Vermutlich. Und welche Erinnerung wird es sein?‹

Das war die Frage, die sich stellte. Sie hatte ihre Tagebücher nicht dabei, das hieß, sie konnte sich nicht eine Erinnerung heraussuchen, die sie dann auf die Liste mit Daten setzen konnte, damit sie den Überblick hatte, welche Erinnerungen sie bereits destilliert hatte.

Es musste eine Erinnerung her, die ihr einfach so präsent genug war.

»Jamie«, sagte sie leise. »Merkst du dir bitte den 14. September 1910?«

›Warum?‹

»Merk es dir einfach bitte.«

›Was ist an diesem Tag geschehen?‹

Sie presste die Lippen aufeinander und überlegte, ob sie ihm wirklich davon erzählen sollte. Es war eine ihrer frühsten Erinnerungen und sie stand in keinem ihrer Tagebücher. Wenn sie sie destillierte und verwendete, wäre sie unwiderruflich fort.

»Ich muss mich konzentrieren«, sagte sie leise und Jamie fragte nicht weiter.

Glenna rief sich den Tag in Erinnerung und ignorierte das schnelle Schlagen ihres Herzens dabei und das ungute Ziehen in ihrer Magengegend.

Sie führte die Wasserschale an ihren Mund und trank, dann setzte sie die Schale in ihren Schoss und legte die Finger hinein.

Während sie die Erinnerung mehrere Male durchlebte in all ihren hässlichen Facetten, ließ sie ihre Finger am Rande der Schale entlanggleiten und beugte sich so tief über die Schale, wie es ihr Rücken zuließ. Normalerweise benutzte sie für den Destillationsprozess direkt eine leere Flasche, deren Hals sie sich an die Stirn setzen konnte, doch es ging auch so. Es war durchaus schon eine Weile her, seit sie so improvisiert destilliert hatte, aber das verlernte man so schnell nicht.

Sie durchlebte die Szene immer wieder vor ihrem geistigen Auge, atmete dabei mit tiefen Zügen ein und aus und ließ zu, dass die Gefühle, die sie damit verband durch sie hindurchpulsierten.

Hitze kroch von ihrer Bauchregion aus in jede Ecke ihres Körpers und Schweißperlen sammelten sich auf ihrer Stirn, bis sie über ihre Wange kullerten.

Ihr Herzschlag beschleunigte sich und ihr Brustkorb zog sich zusammen und sie konnte nicht verhindern, dass ein leises Wimmern über ihre Lippen kam. Sie spürte, wie ihre Hand zu zittern begann, aber sie hielt sie strikt in der Schale.

Ihre Finger wurden feucht und sie wusste, dass es kein Schweiß war, der sich an ihren Spitzen sammelte.

Die Anstrengung zehrte an ihr, aber sie zwang ihre Gedanken zurück zu der Erinnerung an diesen Tag, der sie ihr ganzes Leben lang schon verfolgte.

Warme Flüssigkeit erreichte ihre Fingerspitzen und sie biss noch einmal durch, bis sie glaubte, dass sie genug beisammen hatte, um ihre Magie auf eine einzelne Person zu wirken. Sie hielt die Augen noch einen Moment geschlossen, um das Gefühl, dass das Mantra ihrer Erinnerung in ihr geweckt hatte abflauen zu lassen. Sobald sie die Augen öffnen und den Destillierprozess beenden würde, wäre die Erinnerung, die sie sich immer und immer wieder durch den Kopf hatte gehen lassen, zwar noch da war, aber sie wäre dünner und weniger fassbar. Glenna fragte sich, wie sich das anfühlen würde.

Sie sog stockend Luft ein und schluckte schwer. Dann öffnete sie die Augen und blickte in ihren Schoss.

Sie nahm die Finger aus der Schale und hielt sie damit fest, während sie die andere Hand dazu benutzte, sich über die Augen zu streichen.

›Und?‹

Sie blickte auf die goldfarbene Flüssigkeit in der Schale und atmete den Geruch des Whiskys ein. Ein Hauch der Erinnerung berührte sie und ließ sie schaudern.

»Es hat geklappt«, sagte sie.

›Was wirst du jetzt damit anstellen?‹

»Ich werde dafür sorgen, dass der Cusith die Finger von Aidans Seele lassen wird«, sagte sie fest und stand vorsichtig auf, damit die wertvolle Flüssigkeit nicht überschwappte.

›Und dafür wirst du deine Magie einsetzen?‹

Sie stellte die Schale auf den heruntergeklappten Deckel und wusch sich die Hände.

»Ich weiß, was du denkst«, sagte sie. »Ich darf meine Magie nicht gegen den Cusith einsetzen. Aber wenn ich dafür sorge, dass Aidans Vater ihn in Ruhe lässt, dann habe ich die Magie nicht gegen den Cusith gewirkt, nicht wahr? Nicht direkt.«

Sie hoffte, dass das auch stimmte. Was wenn nicht? War sie bereit, die Regeln zu brechen, um ihn zu retten? Brach sie die Regeln nur schon damit, dass sie ein ausgewähltes Opfer eines Cusiths retten wollte?

Der Gedanke alleine jagte einen eisigen Schauer durch ihren Körper. Sie schüttelte den Kopf.

Sie kannte die Antwort auf diese Fragen nicht. Also brachte es auch nichts, sich darüber den Kopf zu zerbrechen.

›Du denkst, sein Vater hat damit zu tun‹, sagte Jamie hilfreich. ›Er ist ein Mensch und nicht von den Regeln betroffen.‹

Glenna nickte und starrte weiterhin auf sie Schale.

»Die Frage, die jetzt noch offen ist, wäre, wie ich diesen Whisky transportieren soll, ohne ihn zu verschütten.«


Vorschau auf das Kapitel „Offene Fragen“ von nächster Woche:

›Ich hasse es wirklich, derjenige zu sein, der dir das sagt, aber Bonnie … du bist keine zwanzig mehr.‹

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