25. Kapitel – Alte Bekannte

Kapitel 25: Alte Bekannte

Sie drehte sich nicht noch einmal um, wusste aber auch, dass es keine Rolle spielte. Mit größter Wahrscheinlichkeit war der Púca bereits wieder verschwunden, entweder übergangen in die Anderswelt oder er hatte sich in eine Ameise verwandelt oder sich womöglich einfach in Luft aufgelöst.

Sie nahm sich Zeit auf dem Weg zurück zum Trampelpfad, auch wenn das Gespräch lange genug gedauert hat, dass die Dämmerung kurz bevorstand. Sobald die Sonne untergegangen war, wäre Samhain vorüber.

Aber ihr war klar, dass das egal war. Sie hatte getan, was sie tun konnte. Zumindest was den Cusith anging. Ob er noch hier war oder nicht spielte keine Rolle, außer dass das bedeutete, dass immerhin seine Seele sicher war vor der wilden Jagd.

Nun hieß es, selber herauszufinden, was Aidan zustoßen würde und wie es zu verhindern wäre.

Jamie äußerte sich nicht zu dem Gespräch mit dem Púca. Glenna wusste nicht, ob es ihn womöglich eingeschüchtert hatte oder ob er immer noch eingeschnappt war. Vielleicht auch zu Recht gab sie zu, aber sie hatte jetzt keine Nerven, sich darum zu kümmern.

Zurück auf dem Trampelpfad holte sie ihr Mobiltelefon hervor und wählte Aidans Nummer.

Es läutete ein paar Mal, dann nahm er ab und die Anspannung fiel von Glenna ab.

»Hallo?«, fragte er.

»Hallo Aidan, hier ist Glenna Alexander.«

»Ich weiß. Hallo.«

Natürlich wusste er das. Heutzutage wusste man immer, wer gerade anrief.

»Seid ihr zuhause?«, fragte sie.

»Ich bin zuhause, ja«, antwortete er und Glenna hörte so etwas wie Stolz in seiner Stimme mitschwingen.

»Alleine?«, fragte sie überrascht.

»Ja. Weil alles funktioniert hat, hat Mum mir erlaubt, alleine zu Hause zu bleiben.«

»Oh. Den ganzen Abend lang?«, sagte Glenna und eine plötzliche Woge aus Kälte und Wärme gleichzeitig schwappte über sie hinweg. »Hast du die Tür auch abgeschlossen.«

»Ja«, sagte er bestimmt. »Gleich nachdem Mama gegangen ist.«

»In Ordnung«, sagte Glenna und dachte angestrengt nach, wie sie ihre nächste Frage formulieren sollte. »Hör mal, Aidan. Wäre es möglich, wenn ich kurz vorbeikommen könnte? Du müsstest mir noch ein paar Kniffe zeigen mit diesem Twitter.«

Für einen Moment herrschte Schweigen am anderen Ende der Leitung.

»Aidan?«, fragte Glenna sofort alarmiert.

»Hat Mama gesagt, dass Sie vorbeikommen sollen?«, fragte er und die triefende Enttäuschung war deutlich zu herauszuhören.

»Nein«, sagte Glenna rasch. »Nein, gar nicht. Aber …« Ihr kam nichts in den Sinn, was sie sagen sollte.

›Sag ihm du bringst Pizza mit.‹

»Ich würde Pizza mitbringen«, sagte sie, ohne zu überlegen. »Zum Abendessen. Wenn du willst.«

»Klar«, sagte er, die Enttäuschung war ihm aber immer noch anzuhören. »Kommen Sie einfach.«

»Danke. Ich zahl dir auch was für die Nachhilfestunden, die du der alten Frau geben musst, ja?«

»Okay«, sagte er und klang nun tatsächlich etwas motivierter. »Bis gleich.«

»Gut«, sagte Glenna zu sich selber, als sie aufgehängt hatte. »Gut. Gut. Gut.«

›Und was ist jetzt dein Plan?‹

»Willkommen zurück«, sagte Glenna, verbiss sich aber einen weiteren Kommentar. »Jetzt setz ich mich zu dem Jungen und lasse ihn keine Sekunde lang aus den Augen.«

›Und du glaubst, das hilft?‹

»Es muss«, sagte sie bestimmt und schlug den Pfad in Richtung Dorf ein.

Beim Dorfeingang machte sie einen Abstecher bei der Pizzeria und bestellte zwei Margarita zum Mitnehmen. Es dauerte ewig, aber sie würde sich genieren, ohne die Pizzen aufzutauchen, also wartete sie und hastete danach so schnell sie konnte zu Janets Haus.

Sie klopfte an die Tür und rief: »Aidan? Ich bin es, Glenna Alexander.«

Es dauerte einen Moment, bis die Türe geöffnet wurde.

»Hallo«, sagte Aidan und ließ sie hinein.

»Danke, mein Lieber«, sagte sie und stellte die Pizzaschachteln auf den Esstisch, während Aidan im Wohnzimmer den Fernseher ausschaltete. Dann setzten sie sich beide an den Tisch und Aidan zog eine der Pizzen an sich heran.

Glenna tat dasselbe und verdrängte den Gedanken, dass sie ganz deutlich eine Grenze überschritt, indem sie ohne Janets Einverständnis hier einfiel.

»Aidan, ich muss dich etwas sehr Dringendes fragen«, sagte Glenna und biss sich auf die Lippen.

»Wegen Twitter?«, fragte er.

»Später. Dieser Mann, der mit dir gesprochen hat. Auf dem Markt. Erinnerst du dich?«

Er hörte auf zu kauen, blickte aber nicht auf und schüttelte den Kopf. Glenna legte ihr Stück Pizza vor sich auf den Teller und wischte sich die Hände ab.

Dann lehnte sie sich etwas nach vorn und legte die Finger auf Aidans Unterarm.

»Es ist in Ordnung, Aidan. Ich habe euch gesehen, du musst nicht lügen.«

Er verzog das Gesicht zu einer nicht zu deutenden Grimasse, gab aber keine weitere Antwort.

»Kanntest du den Mann? Ist es jemand aus dem Dorf?«

Aidan schüttelte den Kopf. »Er ist nicht aus dem Dorf«, sagte er. »Er ist nur für das Fest hier.«

Glenna nickte. »Aha. Und woher kennst du ihn?«

Aidan schürzte die Lippen und starrte auf das Stück Pizza.

»Du musst ehrlich sein mit mir, Aidan. Ich will nur zusehen, dass dir nichts passiert. Das willst du doch auch, damit du zukünftig weiter alleine zu Hause bleiben kannst, oder?«

Nun runzelte er die Stirn und wandte ihr das fragende Gesicht zu. »Warum sollte mir etwas passieren?«

Glenna seufzte. Wie sollte sie ihm das nur erklären?

»Ab und zu gibt es böse Leute, Aidan. Sie tun so, als wären sie nett, sind es aber gar nicht und locken dich dann weg, um dir weh zu tun.«

Aidans Gesicht verhärtete sich.

»Papa ist kein Pädo!«, rief er aus, doch kaum hatten die Worte seinen Mund verlassen, wurde er blass und seine Augen wurden groß.

Glenna runzelte die Stirn und suchte für einen Moment nach Worten.

»Der Mann … der war dein Papa?«, fragte sie, um sicher zu gehen, dass sie ihn richtig verstanden hatte.

Aidans Augen huschten unstetig hin und her und er presste die Lippen so fest aufeinander, dass sie weiß wurden.

»Aidan«, sagte Glenna nochmals eindringlich. »Du kannst mir alles sagen. War der Mann, mit dem ich dich gesehen habe, dein Vater?«

Aidan schloss die Augen, nickte dann aber.

Niemand wusste so recht, warum Aidans Vater damals ausgezogen war, aber natürlich hatte man sich die Mäuler zerrissen, wie es sich gehörte. Glenna konnte nicht behaupten, dass sie da drübergestanden hätte.

»Was hat er dir gesagt? Hat er dir weh getan?«, fragte sie vorsichtig.

Aidan schüttelte den Kopf. »Gar nicht. Wir haben nur miteinander geredet.«

Glenna atmete durch die Nase und dachte nach. Aidan war nicht dumm oder naiv. Zumindest nicht mehr, als man es von einem Kind erwarten musste. Aber ein Kind war trotzdem sehr beeinflussbar.

»Warum ist er hier, Aidan?«

Er rümpfte die Nase und fasste etwas trotzig nach der Pizza.

»Aidan, das ist wirklich wichtig.«

Er würgte die Pizza hinunter.

»Ich weiß nicht«, sagte er dann.

»Wirklich nicht?«

»Nein, ich weiß es nicht. Und es geht Sie nichts an«, sagte er forsch und wich ihrem Blick aus.

Glenna hob die Augenbrauen und lehnte sich zurück. Die Worte trafen sie, auch wenn er recht hatte.

Für ihn war sie die überbesorgte Dame, die vielleicht schon ein bisschen unheimlich war, so sehr wie sie sich für ihr interessierte. Eigentlich hätte er sie gar nicht reinlassen dürfen.

Sie kannten sich, ja, aber es war nicht so, als wäre sie seine Oma oder hätte sonst irgendwie das Recht, sich einzumischen.

Sie beschloss, die Sache soweit ruhen zu lassen, da sie nichts aus ihm herausbringen könnte. Aber sie musste sich überlegen, was sie tun sollte.

Sollte sie Janet informieren, dass ihr Ex-Mann hier war und dass er mit Aidan gesprochen hatte? Das wäre auf jeden Fall das Richtige, auch wenn sie es hasste, die Mutter jetzt zu verunsichern.

»Ich bin gleich wieder da, ja?«, sagte sie und zog sich in die Küche zurück, wo sie ihr Mobiltelefon hervorholte.

Sie wählte Janets Nummer und ließ es mehrere Male läuten, jedoch ohne Erfolg. Also die Mailbox dranging, war sie zuerst etwas überrumpelt, dann räusperte sie sich.

»Janet, Liebes. Ich hoffe, bei dir geht alles gut.« Sie überlegte sich, ob sie ihr sagen wollte, dass sie gerade bei ihr zu Hause war und mit Aidan gesprochen hatte. Sie wollte aber auch nicht so wirken, als würde sie ihre Entscheidung missbilligen, Aidan alleine zu lassen.

»Hör mal, ich muss dir noch etwas sagen. Ich glaube, ich habe heute deinen Ex-Mann gesehen. Das klingt seltsam, ich weiß, aber ich glaube, er war es wirklich.«

Sollte sie sagen, dass er mit Aidan gesprochen hatte? Dann müsste sie eingestehen, dass sie ihn für einen Moment aus den Augen gelassen hatte. Es war nicht wirklich wichtig, oder?

»Ich dachte einfach, dass du das vielleicht wissen solltest. Ich bin mir sicher, dass nicht viel dahinter steckt, aber man weiß ja nie, nicht wahr? Also. Ich häng dann jetzt auf, ja?«

Sie wartete einen Moment, unsicher, ob sie auf irgendein Signal warten sollte, dann legte sie auf.

Es war nicht das Beste, was sie tun konnte, aber es war alles, was ihr Gewissen diesbezüglich ein wenig beruhigen konnte.

»Na schön«, sagte sie seufzend und öffnete die Küchenschränke.

Schließlich wählte sie eine größere Schüssel, da sie keine leeren Flaschen fand, und nahm sie mit ins Badezimmer.


Vorschau auf das Kapitel „Erinnerungshauch“ von nächster Woche:

Die Anstrengung zehrte an ihr, aber sie zwang ihre Gedanken zurück zu der Erinnerung an diesen Tag, der sie ihr ganzes Leben lang schon verfolgte.

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