21. Kapitel – Dünnes Eis

Kapitel 21: Dünnes Eis

›Das ging verdammt knapp an einer Katastrophe vorbei.‹

»Papperlapapp«, murmelte Glenna, konnte aber nicht abstreiten, dass ihr Herz nach wie vor raste und das, obschon der Cusith schon seit einer guten halben Stunde ihr Haus verlassen hatte.

Sie hatte nach unten gehen und sicherheitshalber die Tür verriegeln wollen, doch schon im Treppenhaus hatte die das Gejohle der Kobolde vernommen. Und der Sinn stand ihr gar nicht danach, sich das Chaos anzusehen, dass das Pack in ihrer Küche angerichtet hatte.

Also schloss sie die Tür zu ihrer Wohnung und zog sich wieder in die Bibliothek zurück.

›Kannst du mir ausnahmsweise für fünf Minuten zuhören, Bonnie‹, sagte Jamie eindringlich und Glenna unterbrach ihr auf und abgehen.

»Ich hör dir immer zu«, sagte sie und ließ sich mit einem Seufzer in den Ohrensessel fallen. »Ich ignoriere es einfach häufig. Genauso wie du mich übrigens.«

›Meinetwegen, aber ich habe das Gefühl, dass wir uns gerade auf sehr dünnem Eis bewegen und es nichts bringt, jetzt auch noch den Vorschlaghammer hervorzuholen, verstanden?‹

Glenna rümpfte die Nase, nickte dann aber.

Jamie seufzte. ›Anstatt kopflos in die nächste Idee zu rennen, sollten wir uns vielleicht mal überlegen, was wir an der Hand haben.‹

»Wir haben ein Kind an der Hand, das sterben wird, wenn wir nichts tun«, sagte Glenna matt und schielte auf das Mobiltelefon auf dem Beistelltischchen.

Sie rechnete jeden Moment mit dem Tragik überbringenden Anruf.

›Ja, das bringt uns jetzt weiter‹, sagte Jamie sarkastisch.

Glenna seufzte. »Tut mir leid. Du hast recht, also, was haben wir an der Hand?«

›Jamie hat den Cusith gesehen. Was auch immer das bedeutet. Wir wissen nicht, ob der Cusith die Entscheidung über seinen Tod getroffen hat oder ob er wirklich nur der Bote ist, der ihn ausfindig gemacht hat.‹

Glenna nickte. »Er hat nicht abgestritten, dass er Aidan theoretisch retten könnte.«

›Er hat es auch nicht bejaht.‹

»Es gibt meiner Meinung nach zwei Dinge, die wir tun können«, sagte Bonnie nachdenklich. »Entweder wir bringen den Cusith dazu, seine Entscheidung rückgängig zu machen. Oder wir finden heraus, wie Aidan sterben soll. Beides wollte uns der Köter nicht sagen.«

Sie stemmte sich aus dem Sessel.

»Der Plan wäre perfekt gewesen, so ein Mist aber auch.«

Jamie lachte spitz.

›Dein Plan wäre auch eine Katastrophe gewesen, wenn er funktioniert hätte, Bonnie. Du hättest die Wilde Jagd ins Dorf geholt und sie hätten dich in Stücke gerissen.‹

»Das wäre egal.«

›Du lügst. Du glaubst immer noch, dass du sterben willst, schön. Aber das ist etwas anderes, als vom Tross zu Tode gehetzt zu werden.‹

Glenna schürzte die Lippen und sagte nichts.

›Gut interessieren sie sich nicht für die Seelen von Mischkreaturen. Du kannst glücklich sein, dass der Cusith dich nicht gleich zerfleischt hat. Aidans Seele würde er trotzdem holen.‹

»Du hast Recht«, sagte Glenna überrascht.

›Natürlich habe ich recht.‹

»Ich meine es ernst. Sie sind nicht an meiner Seele interessiert, weil ich ein Mischwesen bin. Aber vielleicht sähe es anders aus, wenn ich sterblich wäre, verstehst du?«

Sie trat ans Fenster und blickte in Richtung Festgelände. Noch hatte die Dämmerung nicht eingesetzt, aber lange würde es nicht mehr dauern und dann wäre Samhain offiziell beendet.

›Bonnie, verdammt noch mal, das ist nicht dein Ernst!‹, rief Jamie aus und er klang so erregt wie selten.

Glenna legte die Finger auf ihre Lippen und überlegte.

Wenn Samhain vorüber war und Aidan lebte, dann wäre er sicher vor der Wilden Jagd, der Cusith hatte ihn aber trotzdem als Opfer gewählt und er würde dennoch sterben. Und wer wusste schon, wie lange sich der Cusith noch hier herumtrieb, wenn der Tross der Wilden Jagd wieder zurückkehrte in seine Höhlen?

Sie hatte also nicht mehr viel Zeit.

›Bonnie!‹

»Was ist dein Problem?«, fragte sie hitzig und wandte sich zur Treppe.

›Wie kann man es sich derart in den Kopf setzen, sterben zu wollen?‹

Sie verdrehte die Augen.

»Du glaubst, meine Versuche, den Jungen zu retten sind nur dazu da, dass ich selber sterben kann?«

Der warme Fleck wanderte rasant über ihren Körper, aber Glenna versuchte, sich nicht zu sehr darauf zu konzentrieren.

›Ich glaube, die Krähe ist schuld. Ich glaube, die Krähe macht dir mehr Angst, als die Wilde Jagd und das ist völlig absurd. Du hast das Gefühl, dass dein eigener Tod das Einzige ist, was die Krähe vertreiben kann.‹

Glenna japste empört auf, aber die Hitze, die ihr sofort ins Gesicht schoss, verriet, dass er der Wahrheit näher war, als sie eingestehen wollte.

Als sie den ersten Stock mit den Gästezimmern passierte, erkannte sie aus dem Augenwinkel, wie sich zwei Gäste im Gang unterhielten, aber sie hielt sich nicht damit auf, mit ihnen zu reden. Die meisten hatte sie beim Frühstück schon gesehen, als sie noch gedacht hatte, dass alles in Ordnung war. Bis auf ihren mysteriösen Gast, der immer lange schlief.

»Warum kannst du nicht verstehen, dass irgendwann halt die Zeit gekommen ist?«, sagte sie verbissen. »Du benimmst dich wie das Feenvolk, das das ganze Konzept von Sterblichkeit nicht verstehen will. Dabei solltest du es gerade wissen. Du bist lange genug in der Zwischendämmerung festgesessen. Hättest du dir da nicht gewünscht, endlich richtig sterben zu können?«

›Nein‹, sagte er trotzig. ›Ich habe es mir nicht gewünscht, habe es nicht versucht und wurde schlussendlich wiedergeboren und damit bin wunderbar zufrieden mit der Situation.‹

»Wiedergeboren?«, schnaubte Glenna. »Deine Seele wurde aus Versehen in mein Tattoo verfrachtet. Das ist nicht, was ich Wiedergeburt nennen würde.«

›Ansichtssache.‹

Glenna verdrehte die Augen und setzte sich auf den Schemel, um ihre Schuhe anzuziehen.

»Ich meine es ernst. Es ist okay, wenn ich gehen kann. Und wenn ich damit noch ein Leben rette, ist es umso besser.«

›Und denkst du nicht, dass das alles nur eine Entschuldigung ist?‹

Glenna stutzte.

»Eine Entschuldigung wofür?«

›Vergiss es.‹

»Auf keinen Fall. Spucks aus.«

Das schwierige an der Tatsache, dass ihr häufigster Gesprächspartner ein paar Farbkleckse auf ihrem Rücken waren, war, dass sie ihm nie so richtig von Auge zu Auge begegnen konnte. Das was dem am nächsten kam, war der Blick in ihr Dekolletee, wenn er es sich dort bequem machte und dabei schwindelte ihr immer schon nach einigen Sekunden.

Heute hätte sie ihm gerne in die Augen gesehen, um seine Mimik zu lesen.

›Ich meine nur …‹, begann er zögerlich. ›Du willst sterben. Schön. Also nein. Schön finde ich es nach wie vor nicht. Ich finde es sogar gelinde gesagt bescheuert.‹

»Komm auf den Punkt, Jamie.«

Sie kramte in ihrer Handtasche, um zu sehen, ob sie alles dabei hatte.

›Ich weiß, dass du Aidan helfen willst. Natürlich willst du das. Aber könnte es sein, dass du dich etwas zu sehr darauf versteifst, wie du währenddessen abnibbeln kannst, anstatt an einer vernünftigen Lösung zu arbeiten?‹

Die Tasche rutschte ihr aus den Fingern und landete auf dem Boden.

»Bitte was?«

›Vielleicht gibt es einen anderen Weg, aber du bist blind dafür. Vielleicht kann deine Magie …‹

»Das ist Bockmist, Jamie«, sagte sie wütend und bückte sich, um ihre Tasche hochzuheben. »Absoluter vermaledeiter Bockmist. Wenn das die Wahrheit wäre, hätte ich mich letzte Nacht schon dem Reiter an den Hals werfen können. Habe ich aber nicht getan, weil ich die Hosen voll hatte. Zuerst musste ein unschuldiger, zehnjähriger Junge ins Bild kommen. Ein Zehnjähriger, der sterben wird, Herrgott nochmal.«

Jamie schwieg und es machte Glenna rasend.

»Du führst dich auf, als wüsstest du ganz genau Bescheid, was?«, fuhr sie ihn an. »Als hättest du während deiner Zeit in der Zwischenwelt so viel mehr gemacht als einfach nur Däumchen gedreht. Als kennst du mich in- und auswendig. Du magst mich schon eine Weile begleiten, aber es gab mich schon, bevor ich das Tattoo stechen ließ. Du verstehst nicht, was ich zuvor alles durchgemacht habe und wie ich dahin gekommen bin wo ich jetzt bin. Also verschone mich mit deinem Gerede.«

Er erwiderte nichts daraufhin und sie stampfte wütend aus dem Haus und warf die Tür ins Schloss.

»Du kennst nicht die Hälfte von dem, was ich bin.«


Vorschau auf das Kapitel „Bekannte Stimmen“ von nächster Woche:

Sie spürte ein leises Kitzeln an ihrer Handfläche, als fremde Finger sie berührten. Fingernägel schabten über die sensitive Hautpartie, krochen weiter über ihr Handgelenk und ihren Unterarm.

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