20. Kapitel – Schlechtes Angebot

Kapitel 20: Schlechtes Angebot

›Bonnie, zum letzten Mal. Das ist eine bescheuerte Idee!‹

»Zum letzten Mal. Es ist die Einzige, die ich habe!«

Sie tigerte in ihrer kleinen Bibliothek auf und ab und rang die Hände.

›Du willst es selber doch gar nicht tun.‹

»Natürlich will ich es nicht tun«, sagte Glenna entnervt. »Aber das spielt keine Rolle. Ich rufe jetzt die Wilde Jagd und werd…«

›Wirst parallel dafür sorgen, dass sie nicht das ganze Dorf niedermachen?‹, warf Jamie hilfreich ein.

Glenna atmete tief durch.

»Sie haben letzte Nacht nichts angerichtet, also werden sie sich schon benehmen.«

Jamie schnarrte. ›Klar. Weil die Wilde Jagd dafür bekannt ist, sich gerne herumkommandieren zu lassen, und sicher ganz gelassen herkommen wird.‹

»Du bist keine große Hilfe«, sagte sie matt und faltete die Hände vor ihrer Stirn, während sie fieberhaft nachdachte, ob ihr nicht doch eine andere Idee kam. Aber ihr lief die Zeit davon.

Sie hatte vorher eine SMS an Aidan geschrieben mit einer belanglosen Frage zu Twitter und er hatte prompt geantwortet. Das hieß aber nicht, dass es nicht in jedem Moment zu spät sein konnte.

»Ich werde es jetzt tun«, sagte sie fest und kniff die Augen zusammen.

Jamie schwieg mit stummer Missgunst.

Noch einmal sog sie tief Luft ein, dann begann sie laut und deutlich:

»Sluagh.«

Gerade vorhin noch hatte ihr der Name nichts ausgemacht. Aber sie konnte nicht abstreiten, dass der Respekt des Kobolds sie verunsicherte.

»Sluagh«, wiederholte sie.

Neun mal hatte er gesagt.

»Sluagh. Sluagh. Sluagh.«

›Bonnie‹, flüsterte Jamie.

»Sluagh.«

›Bonnie, hör auf.‹

»Sluagh«, sagte sie lauter, um die nervende Stimme an ihrem Ohr zu übertönen.

»Sluagh.«

BIST DU DIR GANZ SICHER?

Ein eisiger Hauch umwehte Glenna auf einmal und ihr Herz drohte stehen zu bleiben, wie in der Nacht zuvor, als ihr der Jäger begegnet war.

Sie brachte es beinahe nicht über sich, die Augen zu öffnen, aber sie ließ die Hände bis vor ihre Brust sinken und zwang die Lider auseinander.

›Auf mich willst du nicht hören‹, hisste Jamie in ihr Ohr. ›Auf ihn aber schon, was?‹

Der Cusith füllte die Tür zu ihrer Bibliothek nahezu komplett aus.

ICH RATE DIR AN, ES BEI DEN ACHTMAL ZU BELASSEN.

Die faulige Zunge hing aus dem giftgrün leuchtenden Rachen und die Lefzen entblößten seine Reißzähne, aber das Maul bewegte sich nicht weiter. Die Stimme erschallte direkt in Glennas Kopf.

Der Feenhund stand breitbeinig, die Ohren waren jedoch nicht nach hinten gelegt, sondern aufmerksam in ihre Richtung gedreht und die Augen flackerten gleichmäßig.

DU RUFST NACH DER WILDEN JAGD, MENSCH. WARUM?

Glennas Eingeweiden verkrampfen sich bei dem Anblick des Feenhundes und sie spürte, wie sich ihre Kiefer bereits wieder gegen ihren Willen stellten.

Aber sie konnte es sich nicht leisten, zu versagen.

Nicht schon wieder.

Sie hatte Dorothy verraten in der Nacht, als sie den Reiter getroffen hatte. Sie würde Aidan nicht dasselbe antun.

»Ich will einen Tausch anbieten.«

Ihre Stimme war fester, als sie erwartet hätte.

SO?

Er setzte seine Tatze, die so groß war, wie die Hand eines ausgewachsenen Mannes, einen Schritt nach vorn und schob den massigen Körper hintendrein. Noch immer stand er nicht ganz in der Bibliothek, sondern blockierte den Durchgang. Trotzdem konnte Glenna seinen heißen Atem durch ihre Kleider spüren.

WAS SOLLTE JEMAND WIE DU, MIR ZUM TAUSCH ANBIETEN KÖNNEN?

»Beantworte mir zuerst eine Frage. Du hast den Jungen ausgewählt. Warum?«

Der Flecken auf ihrem Rücken brannte heiß, als wolle er sie warnen.

Die Lefzen des Cusith zogen sich nach hinten und es wirkte beinahe, als würde er lachen.

WARUM GLAUBST DU WERTLOSER MENSCH, DASS ICH DIR IRGENDWELCHE FRAGEN BEANTWORTE?

Er senkte den Kopf und ließ ein bedrohliches Knurren erklingen.

SAG MIR, WAS DU WILLST ODER ICH SORGE DAFÜR, DASS DIE WILDE JAGD DIESES DORF DOCH NOCH HEIMSUCHT.

Glenna hob beschwichtigend die Hände, auch wenn sie nicht recht wusste, ob sie der Drohung Glauben schenken sollte. Es würde einen Grund geben, warum der Cusith in dem Moment aufgetaucht war, bevor sie die Wilde Jagd hatte rufen können.

»Du kannst seinen Tod verhindern, oder?«, fragte sie. »Du kannst deine Wahl rückgängig machen. Verhindern, dass er sterben muss?«

Das Knurren schwoll an und die spitzen Ohren, aus denen dichte grüne Wolle quoll, legten sich flach an den Kopf des Hundes.

Glenna machte automatisch einen Schritt zurück und ertappte sich dabei, wie sie mit denen Händen eine Geste machte, die für unartige Hunde reserviert war. Sofort ließ sie die Arme sinken.

»Keine Fragen. Verstanden«, sagte sie schnell. »Ich biete dir meine Seele für das Leben des Jungen.«

Der Hund lockerte seine angriffslustige Haltung und trat endgültig in das Zimmer. Er machte ein paar Schritte um Glenna herum, so dass er neben dem Bücherregal zu stehen kam.

Er leckte sich über die Schnauze und warf einen Blick auf die Bücher.

WARUM SOLLTE ICH AUF SO EINEN HANDEL EINGEHEN?

»Warum nicht?«, fragte sie gerade heraus und hoffte, dass er sie für die erneute Frage nicht in Stücke riss.

Andererseits wusste sie, dass die Cusith niemanden töteten. Das war nicht ihr Auftrag. Wobei sich Glenna wunderte, warum in aller Welt die Biester dann dermaßen angsteinflößend daher kommen mussten.

Seine Lefzen zogen sich wieder nach hinten und dieses Mal erschütterte tatsächlich ein kehliges Lachen die Luft um sie herum.

DU FRAGST MICH, WESHALB ICH DAS LEBEN EINES JUNGEN, DER VOLL LEBEN STROTZT, DER SEELE EINES ALTERSSCHWACHEN WEIBES VORZIEHE?

»Nein«, sagte Glenna fest. »Ich will wissen, warum du das Leben eines sterblichen Menschenkindes, der Seele einer unsterblichen Mischkreatur vorziehst.«

Das Lachen verstummte abrupt und die Augen des Cusith verengten sich.

AH. DAS IST ALSO DER GRUND, WARUM DU MICH PROBLEMLOS SEHEN KANNST. WARUM DU GLAUBST, MIR EINEN KUHHANDEL VORSCHLAGEN ZU KÖNNEN.

Glenna runzelte die Stirn.

»Das ist kein Kuhhandel. Ich meine es ernst. Ist der Wilden Jagd eine Seele wie meine nicht mehr wert, als die eines unschuldigen Jungen?«

WIE KOMMST DU DARAUF?

Die Antwort traf Glenna unerwartet. Das hatte sie sich so nicht überlegt, aber irgendwie war sie stets der Meinung gewesen, dass die Seele eines unsterblichen Wesens – ob sie nun selber eines war oder nicht – mehr Wert für das Feenvolk hatte als das eines Sterblichen.

Der Cusith lachte leise und begann, sie zu umkreisen, wobei das Zimmerchen dafür schon fast zu klein war. Er ließ sie nicht aus den grün leuchtenden Augen und leckte sich erneut über die Schnauze.

DU WEISST NICHT, WAS DIE WILDE JAGD MIT WESEN DES FEENREICHS ANSTELLT, WENN SIE SIE IN DIE FINGER BEKOMMEN, ODER?

Glenna schluckte einmal schwer und schüttelte den Kopf.

›Ich habe dich gewarnt, Bonnie‹, raunte es gepresst an ihr Ohr.

DIE PFERDE JAGEN SIE BIS ZUR ERSCHÖPFUNG UND KURZ BEVOR SIE DEM TODE NAHE ZUSAMMENBRECHEN, HETZEN DIE SLUAGH DIE HUNDE AUF SIE UND LASSEN SIE IN TAUSENDE KLEINE STÜCKE REISSEN.

Bevor sie realisierte, was geschah, hatte sich der Cusith vom Boden abgestoßen. Es gelang ihr nur noch, den Kopf einzuziehen, aber das genügte auch, damit der Feenhund über sie hinweg segelte und in der Tür der Bibliothek landete. Der Boden bebte.

Er warf einen verächtlichen Blick über seine Schulter.

DEINE SEELE INTERESSIERT MICH NICHT, HALBBLUT.

Mit langsamen Schritten verließ er die Bibliothek und als er um die Ecke gebogen war, verhallte auch das Kratzen seiner Krallen auf dem Boden.

»Warte!«, rief ihm Glenna hinterher. »Sag mir, wie er sterben wird.«

Mit einigen Schritten stand sie im Gang, aber vom Cusith war nichts mehr zu sehen.


Vorschau auf das Kapitel „Dünnes Eis“ von nächster Woche:

»Ich hör dir immer zu«, sagte sie und ließ sich mit einem Seufzer in den Ohrensessel fallen. »Ich ignoriere es einfach häufig.«

Zur Kapitelübersicht

Series Navigation<< 19. Kapitel – Harte Verhandlungen21. Kapitel – Dünnes Eis >>
20. Kapitel – Schlechtes Angebot
Markiert in:         

1
Hinterlasse einen Kommentar

avatar
1 Kommentar Themen
0 Themen Antworten
0 Follower
 
Kommentar, auf das am meisten reagiert wurde
Beliebtestes Kommentar Thema
1 Kommentatoren
Sabrina Siebert Letzte Kommentartoren
  Abonnieren  
neueste älteste meiste Bewertungen
Benachrichtige mich bei
Sabrina Siebert
Gast
Sabrina Siebert

Puh das war spannend! Und gruselig 🙊 ich bin sehr gespannt wie es weitergeht! Wie viel Episoden willst du eigentlich schreiben? Lg Sabrina