verstummt

Das Thema für den Monat Januar 2018 lautete „stumm“. Alle weiteren Informationen zu Flash Fictions und viele weitere Geschichten sind hier zu finden: https://flashfiction.ch/ueber-uns/ 


Konzentriert starrte Michelle auf die Codezeilen, kompilierte sie und lauschte der generierten Sprachnachricht.

»Du glaubst, das zieht, Shelly?«, fragte Kai, der neben ihr saß.

Im Gegensatz zu ihrer fassbaren Uralttechnologie existierten seine Tastatur und Monitor nur virtuell vor seinen implantierten AR-Linsen, sodass Michelle nicht ganz genau wusste, woran er arbeitete. Ihre eigenen Linsen hatte sie vor Jahren deaktivieren lassen.

»Ja«, sagte sie knapp.

Auch wenn nicht. Sie würde das durchziehen und wenn es das Letzte war, was sie tat.

»Sag Ja zum schönsten Tag deines Lebens«, säuselte eine Stimme in ihr Ohr und übertönte damit knapp das unaufhörliche Gebrabbel aller anderen Stimmen. »Mit Fankhauser und Partner, deine Hochzeitsplaner-Profis.«

Michelles Auge zuckte.

Sie kompilierte ihren Code erneut, wartete, bis alle ihre Tests mit einem grünen Status beendet wurden, und lehnte ich dann zurück in ihrem abgewetzten Bürostuhl.

Ein Tisch, zwei Stühle und eine Menge Dreck, ansonsten war der Raum leer. Leer und unverdächtig, so hoffte Michelle. Es hatte Monate und eine Stange Geld gekostet, bis sie so etwas gefunden hatte. Ein Gebäude ganz ohne digitales Zutrittsystem mit dem großen, blau-rot-gelb-grünen G darauf.

»Ich bin fertig«, sagte Michelle tonlos.

»1, 2, 3 und fertig! So schnell ist das Essen auf dem Tisch mit den selbstkochenden Gerichten von Eishaus. Für mehr Zeit für Sie und Ihre liebsten«, tönte es in Michelles Ohr.

Sie ballte die Faust.

»Ich frag dich nicht noch mal«, sagte Kai, klang aber nicht überzeugt.

»Es ist der einzige Weg rein«, beharrte Michelle und bereute es sofort.

»Wir bereiten den Weg für Sie und Ihre Zukunft. Ihre Bürgerbank.«

»Psst!«, herrschte sie Kai an, der bereits etwas hatte sagen wollen.

Er klappte den Mund zu und nickte nur verbissen.

Er hatte die genau gleichen, mühsamen Stimmen im Ohr wie sie und jeder andere Mensch. Aber es gelang ihm ein wenig besser, sie zu ignorieren.

Sie atmete einmal tief durch und steckte sich den einzelnen Ohrstöpsel ins Ohr. Dann betätigte sie die Enter-Taste und lauschte dem Klingelton eines Telefons.

»Vorobev«, erklang es rau am anderen Ende.

»Guten Tag, Herr Vorobev. Ich melde mich bei Ihnen bezüglich …«, antwortete eine überaus echt klingende Damenstimme und Michelle zog den Ohrstöpsel raus.

Ihre KI würde sich selber durch das, und die zwei Dutzend parallellaufenden Telefongespräche angeln, bis es erreichte, was sie wollte.

Es dauerte keine Minute, da erschien ein Eintrag in der geöffneten Konsole vor Michelle.

Sie biss sich auf die Zähne und puffte Kai in die Schulter. Er blickte auf ihren Bildschirm und hob beeindruckt eine Augenbraue.

Menschen waren gutgläubig. Jemand rief an, erzählte etwas von einer dringenden Sicherheitsprüfung und Schwups, führten die Leute jeglichen Code aus, den sie erhielten. Social Engineering, Phishing, Enkeltrick … das Vorgehen hatte viele Namen und befasste sich immer mit demselben: der Manipulation des Menschen, dem einfachsten Einfallstor in jedes System.

Michelle sicherte die Verbindung, die einer der Mitarbeiter unwissentlich zu ihr aufgebaut hatte.

Flink bewegten sich ihre Finger über die Tastatur, dass es nur so klapperte. Sie hatte diesen Eingriff unzählige Male geübt, hatte monatelang Informationen gesammelt – auf legalem und weniger legalem Weg – und hatte ein Testsystem gebaut. Sie wusste, wo die Software lag, an die sie Hand legen musste.

Über die Verbindung befand sich Michelle im Netz der Firma, die offiziell zwar nicht dem Megakonzern mit dem farbenfrohen G gehörte, aber über einen Dienstleistervertrag ein Bein im Netz von G hatte. Und entlang dieses Beines würde Michelle hinter Gs Mauern krabbeln.

Mit wenigen Kommandos hatte sie das bereits installierte Programm für den Fernzugriff auf einen Server, der hinter Gs Perimeterschutz stand, ausgeführt.

»Jackpot!«, murmelte sie, als die Verbindung ohne Mucks aufgebaut wurde.

»Spielen Sie mit uns. Sie wollen es doch auch. Im Luxus-Casino Heartland.«

Ein frustriertes Schnauben entfuhr ihr.

»Shelly«, sagte Kai.

Sie hangelte sich weiter. Es ging glatt. Zu glatt, das war ihr bewusst.

»Irgendetwas stimmt hier nicht«, sagte Kai.

»Geh«, sagte Michelle.

»Müde Beine? Nicht mit Kaniobol!«

»Wie bitte?«, fragte Kai.

»Du sollst gehen. Du hast zwei Minuten«, erklärte Michelle ohne den Blick von ihrem Bildschirm zu nehmen.

»Nur zwei Minuten bis zu ihrer nächsten Lasertag-Arena.«

»Du wusstest, dass sie dich entdecken«, erkannte Kai nüchtern. »Du wusstest, dass das passiert.«

»Zwei Minuten, Kai«, sagte Michelle eindringlich.

»Die Geschichte von Kain und …«

»Oh, haltet die Fresse!«, rief Michelle und übertönte den Rest des Werbespruchs.

»Sorry Shelly. Ich mach das hier nicht, um zu sterben.«

Kai drückte ihre Schulter und rannte aus dem Raum.

Sie versuchte, über das Dauerrauschen in ihren Ohren zu hören, was außerhalb des Gebäudes vor sich ging. Sie hoffte, sie hatte sich mit den zwei Minuten nicht geirrt.

Sie hangelte sich weiter, von einem Server zum anderen. Von einer Privilegstufe in die nächsttiefere.

Sie benutzte die zuvor ausgelesenen und geknackten Zugangsdaten und verschaffte sich Zugriff auf eine Fileablage, wo eine einzelne Datei lag:

AdBlocker_Kader.bin

Michelle lud die Datei herunten und spielte sie sofort auf die Firmware ihres implantierten Controller-Chips.

Spätestens jetzt mussten beim farbenfrohen G sämtliche Alarmglocken läuten, aber das spielte keine Rolle mehr.

Sie hörte das Summen im Gang vor der Tür, das das ewige Rauschen in ihren Ohren übertönte.

Sie waren nah.

Sie betätigte die Installieren-Schaltfläche auf ihrem Bildschirm und merkte, wie ihre Hand dabei zitterte.

Würde es funktionieren?

Der Ladebalken füllte sich und erreichte seinen Höchststand, als hinter ihr die Tür aufgeschlagen wurde.

Und auf einmal war alles still.

Nicht wirklich still, denn sie hörte das Surren der kleinen Propeller hinter sich. Aber das Rauschen im Innern ihres Kopfes war verstummt.

»Ich bin frei«, hauchte Michelle.

Kein Werbespruch folgte.

Ein Schaudern fuhr durch ihren Körper und sie spürte, wie eine Träne über ihre Wange kullerte.

»Sie haben gegen Paragraph 5 der allgemeinen Benutzerbedingungen verstoßen., welchen Sie bei Ihrer Geburt zugestimmt haben«, erklang eine synthetische Stimme.

Ein Lächeln breitete sich auf ihren Lippen aus, als sie sich umdrehte und die vier bewaffneten Drohnen musterte.

»Ich bin endlich frei«, sagte sie noch einmal fester.

»Ein Verstoß wird mit der Terminierung ihres Benutzerkontos sanktioniert«, sprach die Drohne.

Das Einzige, was Michelle noch hörte, war das Mechanik der Waffe, die sich ausrichtete.

Flash Fiction: verstummt
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