19. Kapitel – Harte Verhandlungen

Kapitel 19: Harte Verhandlungen

›Du redest also nicht mit mir, was? Schön. Wir werden sehen, wie weit dich das bringt.‹

Glenna ging nicht auf die Stichelei ein.

Sie saß an dem runden Tisch im leeren Essraum ihres B&Bs und wippte unruhig mit dem Fuß.

›Es ist eine bescheuerte Idee.‹

Glenna verdrehte die Augen, knetete aber ihre Hände in Ungeduld. Es vergingen vielleicht zehn Minuten, da glaubte Glenna, feine, tapsende Schritte zu vernehmen.

»Das ist eine Falle, oder?«, erklang eine skeptische, leicht lallende Stimme.

»Keine Falle. Ein Angebot«, sagte Glenna.

Mit zwei Sätzen war der Kobold vom Boden auf den Stuhl und von dort auf den Tisch gesprungen, wo er das Whiskyglas misstrauisch beäugte.

Glenna beugte sich vor, umfasste das Glas mit zwei Finger und zog es an sich heran.

Sofort veränderte sich der Gesichtsausdruck des Cluricauns von Misstrauen in Enttäuschung und er streckte seine kleinen Hände nach dem Glas aus. Als Glenna es nicht hergeben wollte, funkelte er sie böse an.

»Du willst uns nicht erzürnen, oder?«, fragte er mit einer trotzigen Stimme.

Nein, das wollte sie tatsächlich nicht. Aber sie wusste, dass es etwas mehr brauchte, bis sie es wirklich mit ihm verscherzte.

»Ich mach dir ein Angebot«, wiederholte sie und ließ ihre manikürten Finger der freien Hand gegen den Flaschenhals des Whiskys klackern. »Wenn du mir eine Frage beantwortest, kriegst du die ganze Flasche.«

Der Kobold legte den Kopf schräg und Glenna fragte sich, ob es sich bei ihm um denselben Kerl handelte, der sie damals auf der Treppe überrascht hatte.

»Die Haustür ist immer noch offen«, sagte der Kobold und seine Augen blitzten schelmisch. »Wenn ich meine Brüder rufe, wären sie mir nichts dir nichts hier.«

»Ich weiß«, sagte Glenna und schob ihm das Glas vor die Nase. »Aber dann müsstest du das alles teilen, nicht wahr?«

Die Trunkenbolde waren vielleicht nicht ganz so dumm, wie man sie einschätzen mochte, aber sie waren auch nicht sonderlich unberechenbar.

Mit einem Glucksen ließ sich der Kobold auf den Hintern plumpsen und stützte das Glas an.

»Was willst du wissen, Schönarsch?«, fragte der er und kicherte dümmlich.

Es war wirklich derselbe.

Glenna seufzte. Es war nicht das erste Mal, dass sie ihren schottischen Bühnennamen plump übersetzt hörte und es war ja nicht so, dass sie ihn sich nicht genau aufgrund dieser Bedeutung gegeben hatte damals.

Dennoch konnte sie sich Charmanteres vorstellen, insbesondere da ihr Hinterteil seine besten Zeiten definitiv schon gesehen hatte. Aber es war der Name gewesen, unter dem man sie gekannt hatte damals, als sie Teil der Anderswelt wurde. Alle Feenwesen und andere Wesen nannten sie so.

Sie wartete bis der Cluricaun das Glas geleert hatte, dann schenkte sie ihm nach, dieses Mal etwas mehr als vorhin.

»Die Wilde Jagd war gestern hier, hast du das bemerkt?«

Der Kobold hielt mitten in der Bewegung inne und drehte ihr den Kopf zu.

»So betrunken kann man gar nicht sein, dass man so etwas nicht mitkriegt.«

Glenna nickte und beugte sich verschwörerisch zu ihm vor.

»Du gehörst zum Feenvolk, genauso wie die Sluagh.«

Bei dem Namen zuckte der Kobold zusammen, nur um danach einen umso größeren Schluck Whisky zu nehmen.

»Sie sind nicht so wie wir«, sagte er ernst und strich sich den feuchten Mund am Ärmel ab.

»Sind sie nicht«, stimmte Glenna zu. »Aber sie waren einst wie du. Oder wie andere Vertreter des Feenvolks.« Sie blickte ihn vielsagend an und er kniff die Augen zusammen.

»Was willst du damit sagen?«

Sie schenkte ihm noch einmal nach, dieses Mal, ohne zu warten, bis er ausgetrunken hatte.

»Du weißt, wie man die Wilde Jagd rufen kann, oder?«

Der Cluricaun prustete in das Glas, so dass der Whisky an den Wänden entlang schwappte und sich ihm in einer braungoldenen Welle direkt ins Gesicht ergoss.

Er holte tief Luft und starrte Glenna entgeistert an.

»Warum solltest du das wissen wollen?«

»Das ist meine Sache.« Sie tätschelte wieder die Flasche Whisky. »Nun?«

Er musterte sie skeptisch, konnte aber nicht unterdrücken, dass seine graue Zunge die Whiskyperlen auffing, die von seiner Nase tropften.

»Ich bin doch nicht verrückt«, sagte er schließlich und verschränkte die Arme vor der Brust.

»Verrückt wäre es, mein Angebot abzulehnen«, meinte Glenna.

»Schwachsinn. Für eine Flasche Whisky riskier ich nicht Kopf und Kragen.«

Sie seufzte. »Was hast du zu verlieren? Die Sluagh jagen kein Feenvolk, oder?«

Er zuckte wieder zusammen.

»Sag nicht dieses Wort«, zischte er und fuchtelte mit den Händen.

»Hm«, meinte Glenna und lehnte sich zurück im Stuhl. »Ihr Name macht dir Angst. Warum?«

Er rümpfte die Nase und zog das Glas wieder an sich heran.

»Warum sollte ich dir das sagen, Bonnie Bahookie? Mit der Wilden Jagd ist nicht zu spaßen. Du solltest nicht nach solchen Dingen fragen.«

Der warme Fleck auf ihrem Rücken kroch zu ihrer Schulter.

»Sag mir, wie ich sie rufen kann und du brauchst dich nicht zu sorgen.«

»Pah«, schnaubte er. »Das sagst du so leicht.«

»Also gut«, sagte Glenna mit einem Seufzer. »Ich habe deinesgleichen letzte Nacht Unterschlupf gewährt hier drin. Ich bin mir sicher, dass sich das herumgesprochen hat.«

Er zuckte mit der Nase, sagte aber nichts, was Glenna als Antwort genügte.

»Wann immer die Wilde Jagd nach Southbridge kommen sollte, finden du und deine Brüder und Schwestern hier drin Zuflucht. Dieses Jahr und jedes Jahr, das folgen wird.«

Er linste sie von schräg unten an.

»Ich weiß, wie man ein Haus sichert«, fügte sie hinzu. »Sie werden euch hier drin nichts anhaben können.«

Er trank einen großen Schluck und schielte dann auf die beinahe zu Neige gegangene Whiskyflasche.

Mit einer großen Geste schenkte sie ihm den Rest des Whiskys ein und er leerte das Glas mit einem Zug.

Wenn sie nicht schon wusste, dass er ein Wesen der Anderswelt war, hätte sie spätestens ab jetzt gewusst, dass etwas an ihm nicht stimmen konnte. Er hatte mindestens das doppelte seines eigenen Volumens in Whisky getrunken, seit er hier war.

»Jetzt ist die Flasche leer«, sagte er und Glenna fragte sich, ob sie sich das stärkere Lallen nur einbildete.

Sie schürzte die Lippen, dann seufzte sie.

»Na schön, alles oder nichts, kleiner Freund«, sagte sie verschwörerisch. »Du sagst mir, wie man die Wilde Jagd ruft und ich lasse dich hinter den Whiskyschrank. Du kannst behaupten, du alleine hättest Bonnie Bahookie ausgetrickst, um an ihren Vorrat zu kommen. Wie klingt das?«

Die Augen des Kobolds leuchteten wie Sterne.


Vorschau auf das Kapitel „Schlechtes Angebot“ von nächster Woche:

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