18. Kapitel – Dumme Ideen

Kapitel 18: Dumme Ideen

›Was hast du jetzt schon wieder vor?‹, fragte Jamie, als Glenna über den Trampelpfad in Richtung Dorf stapfte.

»Ich muss etwas unternehmen«, sagte sie fest.

›Soweit bin ich bereits‹, sagte er trocken. ›Ich fragte nach dem Was.‹

Sie presste ihre Lippen zusammen und sortierte ihre Gedanken ein weiteres Mal, in der Hoffnung, auf irgendeine neue Lösung zu kommen.

»Der Cusith lauert so lange, bis Aidan stirbt. Erst dann wird die Wilde Jagd zurückkommen.«

›Falls sie zurückkommen für ihn. Falls er während Samhain stirbt.‹

Allein der Gedanke daran ließ sie schwindeln.

»Was weißt du noch über die Wilde Jagd?«

Der warme Fleck verschob sich, aber nicht an eine bestimmte Stelle. Vielmehr bewegte er sich quer über ihren Rücken und zurück, als würde der Drachen auf ihrer Haut hin und her wandern.

»Jamie, die Wunden«, erinnerte sie ihn verbissen, obschon die Schmerzen bereits wieder nachgelassen hatten.

›Entschuldigung. Die Wilde Jagd besteht aus den Sluagh mit ihren Pferden und Jagdhunden. Sie gelten als die düstersten und widerwärtigsten Kreaturen des Sidhe. Sie werden begleitet von den Seelen der Menschen, die sie gestohlen haben und die gezwungen sind für alle Ewigkeit Teil der Jagd zu sein. Ihre Opfer sind Leute, die bald sterben werden oder kürzlich gestorben sind. Sie dringen von Westen in ihre Häuser ein und tragen die Seelen der Sterbenden durch die geöffneten Fenster fort.‹

Beinahe mechanisch trug er die Fakten vor.

»Das sind die Dinge, die ich weiß. Was gibt es noch? Wer ist ihr Anführer?«, fragte Glenna ungeduldig, als sie auf die Hauptstraße einbog.

›Es ist unklar, wer die Jagdgemeinschaft anführt. Man erzählt sich viele Dinge, aber wer ihn oder sie gesehen hat, lebt meist nicht länger, um davon zu berichten. Auch in der Zwischenwelt lassen sich diese Seelen nie blicken, tragischerweise.‹

Glenna rümpfte die Nase. Das würde die Sache eventuell verkomplizieren. Obschon es vermutlich keine große Rolle spielte, da sie so oder so keine Zeit mit Recherche vergeuden konnte.

»Weiter?«

›Bonnie, worauf willst du hinaus?‹

»Was weißt du noch, Jamie?«

Das Tattoo schwieg und erneut war es diese schwere Stille, von der Glenna wusste, dass etwas darunter brodelte.

›Oh‹, hauchte er schließlich. ›Nein. Nein, nein, nein, nein. Bonnie!‹

Sie strafte die Schultern und verlangsamte ihren Schritt etwas, als sie einigen Leuten begegnete, die sie kannte.

Sie setzte ein freundliches Lächeln auf und nickte ihnen beim Vorbeigehen zu. Dann beschleunigte sie wieder, bis sie beim Stewart-Haus angekommen war.

›Bonnie, sag mir, dass du nicht an das denkst, woran ich glaube, dass du denkst.‹

Sie schloss die Haustür hinter sich und horchte, ob sie einen ihrer Gäste im oberen Stock hörte. Alles war still.

›Bonnie, sprich mit mir!‹, forderte Jamie.

»Ich weiß nicht, was du glaubst, dass ich denke«, wich sie aus.

›Du willst die Wilde Jagd rufen. Du willst sie absichtlich hierher bringen. Du willst mit ihnen verhandeln.‹

Nun war es Glenna, die schwieg.

›Das ist nicht dein Ernst! Das ist das Dümmste, was du dir je vorgenommen hast und ich hab dich während Woodstock erlebt.‹

»Schwachkopf«, sagte Glenna, aber ein leises Lächeln trat auf ihre Lippen.

Das war eine aufregende Zeit gewesen, zugegeben.

»Sag mir besser, ob du weißt, ob ich die Wilde Jagd rufen kann oder nicht.«

›Ich weiß gar nichts‹, sagte Jamie trotzig und zur Abwechslung fiel es Glenna gar nicht mal so einfach, einzuschätzen, ob er die Wahrheit sagte, oder es ihr nicht sagen wollte.

»Jamie«, sagte Glenna tadelnd, aber die Tätowierung schwieg.

Sie stieg die Treppe hinauf in ihre Wohnung und öffnete die Tür zur Bibliothek. Seufzend bückte sie sich nach dem Buch, das am Boden lag und versorgte alle Tagebücher an ihrem angestammten Ort. Dann stützte sie eine Hand in die Hüfte, während sie mit der anderen über die Bücherrücken fuhr und angestrengt nachdachte.

Wann hatte sie zum ersten Mal von der Wilden Jagd gehört? Zum ersten Mal, seit sie die Tagebücher schrieb zumindest. Mit wem hatte sie darüber gesprochen und wann war das gewesen?

Mit den Lippen formte sie stumm die Jahreszahlen nach, aber nirgendwo klingelte ihr etwas. War es möglich, dass sie die Erinnerung daran bereits destilliert hatte? Oder gab es gar keinen solchen Zwischenfall?

»Jamie, ich brauch deine Hilfe.«

Er schwieg weiterhin.

»Jamie, ich werde es herausfinden, ob du mir hilfst oder nicht.«

›Nein‹, sagte er bestimmt. ›Weil nichts, was in deinen Tagebüchern steht, dir dabei helfen wird.‹

»Aha«, sagte Glenna, als hätte sie ihn ertappt. »Das heißt, du weißt mehr darüber.«

›Ich werde dir nicht dabei helfen, die Wilde Jagd herbeizurufen. Du weißt nicht, was du damit anrichten kannst. Leute werden sterben.‹

»Das werden sie so oder so.«

›Das kannst du nicht wissen.‹

»Du genau so wenig!«

Glenna ließ den Arm sinken und seufzte. Sie rieb sich den Nasenrücken, während sie angestrengt nachdachte.

»Es muss eine Möglichkeit geben, mit ihnen zu reden.«

Sie drehte sich ab und marschierte in ihre kleine Küche. Wie angewurzelt blieb sie stehen, als sie das Chaos darin erblickte.

»Nicht euer Ernst«, hauchte sie und hob die Hand vor den Mund.

Der Kühlschrank war halbgeöffnet und der Geruch von schlecht gewordenem Essen hing in der Luft. Er wurde aber beinahe überdeckt von dem Gestank abgestandenen Biers, das von all den leergetrunkenen Dosen herstammte, die kreuz und quer in der Küche verteilt lagen.

»Diese Elenden«, knurrte Glenna und schob die Dosen mit dem Fuß in einer Ecke zusammen. »Absolute Nichtsnu… hm.«

›Hm, was?‹

Glenna betrachtete sich die Sauerei, aber sie nahm sie nicht wirklich wahr, denn hinter ihrer Stirn arbeitete es.

»Es bleibt dabei, dass du mir nicht helfen willst?«

›Bonnie …‹

»Schon gut«, unterbrach sie ihn. »Gar kein Problem.«

Sie schloss die Tür des Kühlschranks, ließ das restliche Chaos aber, wie es war, und stieg wieder die Treppe hinab ins Erdgeschoss. In der Küche des B&Bs zückte sie den Schlüssel um ihren Hals und öffnete das Vorhängeschloss am Whiskyschrank. Sie holte eine beliebige Flasche heraus und verriegelte den Schrank wieder.

›Bonnie, was hast du vor?‹

Sie ignorierte ihn, stattdessen durchquerte sie den Speisesaal bis zur Haustür und öffnete sie weit. Sie ließ den Blick einmal die Straße auf und abgleiten, dann hielt sie die Whiskyflasche vor sich und entkorkte sie mit einem lauten Plopp.

›Wirklich, Bonnie? Das ist dein Plan?‹

Sie wartete einen Moment, dann ließ sie die Tür weiter offen, ging aber zurück in den Speisesaal, wo sie zwei Whiskygläser aus dem Schrank nahm und sich mit ihnen an einen der Tische setzte. Langsam schenkte sie beiden zwei Fingerbreit ein.

Dann lehnte sie sich zurück, nahm einen Schluck aus ihrem Glas und wartete.


Vorschau auf das Kapitel „Harte Verhandlungen“ von nächster Woche:

»Du willst uns nicht erzürnen, oder?«, fragte er mit einer trotzigen Stimme.

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