17. Kapitel – Fremde Hände

Kapitel 17: Fremde Hände

Glenna ließ Aidan nicht aus den Augen, als dieser beim Eis-Stand in der Schlange stand.

»Jamie, Aidan kann den Cusith sehen«, flüsterte sie, doch eigentlich war ihr gerade egal, ob jemand sie hören konnte.

Sie erhielt keine Antwort.

»Jamie!«

›Bist du sicher?‹, fragte er zaghaft.

»Er hat ihn mir gezeigt, Herrgott nochmal. Die Wilde Jagd war nicht hinter dem Mann von letzter Nacht her. Nicht nur. Der Cusith ist immer noch hier. Und zwar wegen Aidan. Die Wilde Jagd wird ihn holen, falls er noch heute stirbt. Und der Cusith …«

Glenna kriegte keine Luft. Sie presste die Hand auf ihre Brust und keuchte.

›Bonnie, beruhige dich‹, sagte Jamie dicht an ihrem Ohr. ›Atme erst mal durch.‹

Sie hätte ihm gerne gesagt, was sie von seinem Tipp hielt, konnte schlussendlich aber nicht anders, als ihm Folge zu leisten.

›Lass uns das durchdenken. Aidan kann den Cusith sehen.‹

»Das heißt, er wird sterben«, sagte Glenna matt.

Jamie schwieg.

Es gab nicht viel mehr dazu zu sagen.

Es war wie der Schrei einer Banshee, einer Todesfee, zu hören. Die Menschen erkannten meist gar nicht erst, worum es sich handelte, wie auch Aidan, der den Hund zwar gesehen hatte, aber sich nicht bewusst war, dass es sich dabei um ein Wesen der Anderswelt handelte. Es spielte auch keine Rolle.

Der Tod würde kommen, egal ob er erwartet wurde oder nicht.

›Was wirst du jetzt tun?‹, fragte Jamie dann doch ähnlich zögerlich wie zuvor.

Glenna blinzelte, während sie Aidan anstarrte, ohne ihre Umgebung wirklich wahrzunehmen.

»Ich weiß es nicht.«

Sie atmete noch einmal tief durch und versuchte, ihre Gedanken zu sortieren.

Die Wilde Jagd war weitergezogen. Falls Aidan jedoch während Samhain starb, bestand die Wahrscheinlichkeit, dass sie seinetwegen zurückkommen würden. Insbesondere, da der Cusith noch hier war. Vielleicht wartete er. Lauerte er, bis das Unvermeidbare geschah und er seinen Herren Bericht erstatten konnte.

Das Unvermeidbare.

Glenna schnürte es die Kehle zu.

Der Junge war zehn.

Aber es spielte keine Rolle, ob er zehn war, zwanzig oder neunundneunzig. Es gab nichts, was sie tun konnte.

Ein Cusith war nicht für den Tod seiner Opfer verantwortlich. Er spürte sie nur auf. Oder war es seine Wahl, die die Menschen, die ihn sehen konnten, ins Verderben stürzte?

›Worüber denkst du nach?‹

Glenna presste die Augen zusammen und massierte ihre Schläfen mit ihren Fingern.

Es war unerträglich.

Warum in aller Welt musste ein Zehnjähriger sterben, während eine über hundertjährige Frau bereit und gewillt war zu sterben und trotzdem lebte?

Sie hob ihre Augenbrauen und ein Gedanke forme sich hinter ihrer Stirn. Sie öffnete ihre Augen wieder und starrte auf die Schlammspritzer auf ihren Schuhen, ohne ihnen wirklich Beachtung zu schenken.

Vielleicht …

Sie hob den Kopf und blickte zum Eisstand, um zu sehen, wie lange Aidan noch brauchte.

Doch er war nicht mehr dort.

Ihr Herz sank ihr in den Magen. Sie trat auf die Schlange zu und blickte sich um.

»Aidan?«, fragte sie in die Menge hinein, aber erhielt keine Antwort.

»Aidan!«, rief sie lauter und machte etwas ungeplante Ausfallschritte in der Hoffnung, dass sich der Racker einfach nur zwischen zwei größeren Menschen versteckt hielt.

Aber auch als die Leute erkannten, dass sie nach jemandem suchte und sich selber suchend umblickten, kam der Junge nicht zum Vorschein.

»Oh Gott, bitte nicht«, flehte Glenna atemlos und legte die Hand über den Mund, während sie sich um sich selbst drehte.

Sie hatte doch nur einen Moment weggesehen. Was konnte in so kurzer Zeit geschehen? Es hatte so viele Leute hier, da wäre doch sicherlich jemandem aufgefallen, wenn ihm etwas passiert wäre. Oder hatte jemand ihn mitgenommen?

»Jamie, er ist fort«, keuchte sie.

Der Fleck auf ihrer Brust verschob sich höher und höher, bis es unmöglich war, dass er noch unter ihrem Kragen und Halstuch verborgen blieb.

Aber das war ihr gerade egal.

»Kannst du ihn sehen?«, fragte sie bang.

Der Fleck verschob sich weiter um ihren Hals und Nacken, bis er einmal herum war.

Als keine Antwort kam, hastete Glenna auf die andere Seite des Pfades, hob ihren Rock an und stieg etwas schwerfällig auf einen der Strohballen, der dort lag.

›Da!‹, rief Jamie. ›Drüben bei der Schlange zu den Herrentoiletten.‹

Glenna wandte sich in die Richtung und tatsächlich, Aidan stand dort mit dem Rücken zu ihr und unterhielt sich mit jemandem, der sich auf seine Höhe hinunter gekauert hatte.

Der Mann trug einen Hut mit einer breiten Krempe, aber auch so war sich Glenna sicher, dass es sich um niemanden aus dem Dorf handelte. Als der Fremde seine Hand auf die Schulter des Jungen legte, machte Glenna einen kleinen Satz und landete glücklicherweise mit beiden Füssen wieder auf dem Pfad. Sofort eilte sie zu ihnen hinüber.

Dem Kerl würde sie die Meinung geigen.

Als sie auf die beiden zu stapfte und nur noch wenige Meter entfernt war, stach ihr auf einmal etwas im Hintergrund ins Auge.

Zwei leuchtend grüne Punkte starrten in ihre Richtung.

Der Cusith lauerte im Schatten einiger aufeinandergestapelten Kisten, das Maul halb geöffnet, so dass er die Reißzähne entblößte und den Kopf hielt er zwischen den Schultern gesenkt.

Glenna riss sich von dem Anblick des angriffslustigen Tieres ab und legte einen Zahn zu. Sie streckte die Hand nach Aidan aus, als er sich gerade zu ihr umgedrehte und einen fragenden Blick aufsetzte.

»Ist alles okay?«, fragte er mit einem verwirrten Ausdruck auf dem Gesicht.

Glenna legte die Hand auf seine Schulter und zog ihn leicht an sich heran, dann blickte sie sich um.

»Wo ist der Mann, der gerade noch hier war?«, fragte sie gehetzt.

Aidans Augen wurden für einen Moment groß, dann senkte er den Blick.

»Welcher Mann?«

»Der mit dem du geredet hast«, sagte Glenna eindringlich. »Lüg mich nicht an, junger Mann.«

»Hallo ihr beiden!«, erklang eine bekannte Stimme und Glenna wandte sich in ihre Richtung.

Janet sah noch übernächtigter aus als sonst, aber sie lächelte und schien für einen Moment gar nicht so gestresst.

Als sie Glennas Gesicht und ihre Hand auf Aidans Schulter sah, stutzte sie jedoch.

»Ich alles in Ordnung bei euch beiden?«

Für einen Moment war Glenna unsicher, was sie antworten sollte. Sollte sie ihr von dem Mann erzählen, den Aidan leugnete?

 Glenna lehnte sich etwas zur Seite, um einen Blick auf den Cusith zu werfen, doch auch dieser war wie auf einen Schlag verschwunden.

»Alles gut, Mum«, sagte Aidan an ihrer Stelle mit einem breiten Grinsen.

Es wirkte nicht aufgesetzt, soweit Glenna das beurteilen konnte. Trotzdem traute sie der Sache nicht gänzlich.

»Gut«, sagte Janet erleichtert. »Weißt du was, Aidan? Ich glaube, ich habe mir gerade ein paar Stunden frei schaufeln können. Hast du Lust mir deine Lieblingsstände auf dem Markt zu zeigen?«

Das Grinsen auf Aidans Gesicht wurde breiter und Glenna brachte es unmöglich über sich, jetzt ein unangenehmes Thema aufzubringen. Sie wüsste auch gar nicht, wie sie der allzeit besorgten Mutter erklären sollte, dass sie Aidan aus Versehen mit einem fremden Mann alleine gelassen hatte. Geschweige denn, dass sie glaubte, dass er bald sterben würde.

Janet streckte ihrem Sohn die Hand hin und er ergriff sie zwar etwas widerwillig, aber das Grinsen blieb.

Janet wandte sich an Glenna.

»Ich weiß gar nicht, wie ich dir danken soll. Du hast mir so viel geholfen diese Tage. Du kriegst es irgendwann zurück, versprochen.«

Glenna winkte ab, brachte aber keinen Ton heraus.

Der Knoten in ihrem Hals zog sich enger zusammen, als sie die beiden weggehen sah.


Vorschau auf das Kapitel „Dumme Ideen“ von nächster Woche:

›Das ist nicht dein Ernst! Das ist das Dümmste, was du dir je vorgenommen hast und ich hab dich während Woodstock erlebt.‹

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Dorothe
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Dorothe

Mein Gefühl sagt mir, dass Aidan gar nicht stirbt.
Der Seitenhieb auf Woodstock ist ja total lustig.