16. Kapitel – Schwarze Ziege

Kapitel 16: Schwarze Ziege

»Haben Sie es gehört?«, fragte Aidan als erstes, als Glenna am nächsten Tag mit ihm auf dem Markt ankam.

»Was gehört?«, fragte sie schleppend.

Sie hatte überlegt, den heutigen Tag abzusagen, aber sie konnte Janet nicht so hängen lassen.

»Ein Mann ist gestorben letzte Nacht.«

Glenna presste die Augenlider aufeinander. »Auf dem Fest?«

Aidan schüttelte den Kopf. »Nein, in Marlfield. Irgendwann am Abend. Mum weiß es, weil sie seine Tochter kennt.«

Glenna nickte und warf der inzwischen hundegroßen Krähe, die sich auf dem großen Speisezelt niedergelassen hatte, nur einen müden Blick zu. Für einen Moment hatte sie so etwas wie die Hoffnung aufrecht gespürt, dass ein solches Ereignis das Fest frühzeitig beenden würde. Sofort schaltete sich aber ihr schlechtes Gewissen ein, dass sie den Tod eines Menschen zu einem für sie freudigen Ereignis verschandeln wollte. Nicht nur einfach ein Tod, sondern ein Tod ausgerechnet, wenn die Wilde Jagd ihr Unwesen trieb.

Sie hoffte für ihn, dass seine Seele ihnen hatte entwischen können.

Deswegen war die Wilde Jagd also durch Southbank geritten. Marlfield lag direkt auf der anderen Seite des Flusses und eine Brücke verband die zwei Dörfer. Nicht dass die Reiter auf Brücken angewiesen wären.

Erleichterung wogte über sie hinweg. Der Cusith hatte den Mann aus Marlfield aufgespürt. Es hatte nichts mit Dorothys Seele zu tun.

Kurz auf die Erleichterung herab, kam die Erschöpfung.

Ihr Rücken brannte wie Feuer und die Muskeln, die sie noch hatte, waren steinhart, so dass sie Mühe gehabt hatte, sich am Morgen anzuziehen. Sie hatte auf ein Unterleibchen verzichtet und trug stattdessen nur eine Bluse und ein Jackett, die sie beide vorne zuknöpfen konnte. Dazu ein weites Seidentuch um ihren Nacken und Schultern, damit auch wirklich keine der Krusten zu sehen war, die sich bereits über die Wunden gebildet hatten.

Sie hoffte einfach nur innig, dass die Krähe sie für den Moment genügen traktiert hatte und es ihr genug war, als das düstere Mahnmal, was sie war, über ihr zu schweben.

Sie hatte den Mann nicht einmal gekannt. Warum war sie überhaupt hier?

»Haben Sie gestern noch die Twitter-Posts gemacht, von denen wir gesprochen haben?«, plapperte Aidan weiter.

Glenna versuchte, sich auf den Jungen zu konzentrieren.

»Haben Sie?«, fragte er nach.

Sie atmete tief durch, dann versuchte sie, ein Lächeln zu Stande zu bringen. »Ich war gestern sehr müde und habe es vergessen. Ich hole es nach.«

Er zuckte mit den Schultern und tippte auf seinem Telefon herum.

Das war ungerecht. Der Junge gab sich wirklich Mühe, die beiden Tage an der Seite einer alten Schachtel durchzustehen und sogar Konversation zu betreiben und sie ließ ihn auflaufen.

Sie setzte ein ehrliches Lächeln auf.

»Worauf hast du denn Lust zum Mittag? Nochmal ein Barbarenspieß?«

»Zuerst will ich die Stände anschauen«, sagte er und deutete auf den kleinen Platz, um den herum die Verkaufsstände aufgestellt waren.

Während Aidan die ausgestellte Ware ansah, machte Glenna ein paar Fotos von den Leuten und den Marktständen. Als sie die Kamera sinken ließ, bemerkte sie eine Ziege, die am Ende des Platzes neben einem der Zelte angebunden war.

Sie kaute langsam, fast schon hypnotisch an ihrem Heu und ihr Blick war fix auf Glenna gerichtet.

Was sie aber stutzen ließ, war das pechschwarze Fell.

Ein Schaudern überkam sie.

Nein, das war nicht möglich.

Sie hob das Mobiltelefon und schoss ein Foto, dann betrachtete es sie sich auf dem Display. Die Ziege war da, genauso wie es eine Ziege zu sein hatte.

Glenna atmete tief durch.

Jetzt begann sie sich bereits Dinge vorzustellen.

»Aidan, bist du fertig?«, fragte sie den Jungen, doch er war schon längst einen Stand weitergezogen. Sie folgte ihm, den Blick weiter auf die Ziege geheftet, die wiederum ihren Bewegungen mit den Augen folgte. Sie näherten sich dem Tier und als sie schließlich die halbe Runde um den Platz beendet hatten und vor dem Tier standen, räusperte sich Glenna.

»Aidan, siehst du die Ziege dort?«

Der Junge hob überrascht eine Augenbraue und nickte.

»Was ist damit?«

Seine Aufmerksamkeit galt aber bereits wieder dem Telefon in seinen Händen, mit dem er die Ware fotografierte.

»Nichts«, murmelte Glenna und schlussendlich drehte sich die Ziege endlich ab.

Später als Aidan für einen Moment auf einer der mobilen Toiletten war, stellte sich Glenna etwas abseits der Menschenmasse hin.

»Die Ziege«, sagte sie nachdenklich.

›Was ist damit?‹

»Sie war schwarz.«

Jamie schwieg.

Janet hastete auf einmal aus Richtung des Speisezeltes direkt an ihr vorbei, das Telefon am Ohr und wild gestikulierend. Sie sah Glenna nicht und Glenna ließ sie sich um ihre Probleme kümmern. Arme Janet.

»In all den Jahren, während ich hier bin, habe ich keinen Púca an Samhain getroffen.«

Jamie schwieg weiterhin.

»Warum denkst du, ist das so?«

Der warme Fleck bewegte sich über ihren Rücken. Die Wunden waren noch nicht gänzlich verheilt und Glenna sog scharf Luft ein, als der Fleck einen tiefergehenden Einschnitt passierte.

›Eine schwarze Ziege macht noch keinen Púca, Bonnie.‹

»Ich weiß«, sagte sie. »Aber übermorgen ist der Tag der Púcas.«

Am Tag nach Samhain, so sagte man, erschienen die Púcas auf den Feldern und nahmen alles mit, was die Menschen zurückgelassen hatten.

Púcas waren die Unruhestifter des Feenvolks. Sie waren bekannt dafür genau so viel Gutes zu tun, wie auch Schlechtes. Sie waren nicht bösartig, machten sich aber einen Spaß daraus, naive Menschen hereinzulegen. Entweder indem sie sie zu vermeidlich harmlosen Aktionen überredeten oder indem sie sie dazu brachten, auf Händel einzugehen, die sich nicht immer als das entpuppten, was sie zu sein schienen. Auch Glenna war einst naiv gewesen und hatte sich einlullen lassen.

Wesen wie die Púca gab es auf der ganzen Welt, hatte sie auf ihren Reisen gelernt. Einen Hang zum Handel hatten fast alle von ihnen, aber dieser war den Wesen der Anderswelt generell gegeben, egal wie genau sie wo genannt wurden.

Normalerweise verlängerte Glenna ihren Samhain-Aufenthalt in ihren vier Wänden um diesen einen Tag, um ganz sicher zu gehen, keinem von ihnen zu begegnen. Insbesondere einem ganz bestimmten.

›Würdest du dich freuen, ihn wiederzusehen?‹

Glenna runzelte die Stirn.

Zugegeben, Jamie kannte nicht alle Details über diese Nacht in London 1923, sonst würde er das vielleicht nicht fragen.

»Ich würde ihn fragen wollen, ob ich sterben kann«, sagte sie ehrlich.

›Das war nicht meine Frage.‹

»Haben Sie den Hund gesehen«, sagte Aidan, der auf einmal neben ihr stand.

Glennas sog scharf Luft ein und die presste die Hand auf ihre Brust.

»Sorry«, sagte Aidan und verzog das Gesicht. »Ich wollte Sie nicht erschrecken.«

Sie legte die Hand auf seine Schulter.

»Nicht schlimm. Welchen Hund meinst du?«

Sie hatte ja eigentlich genug von Hunden, egal welcher Art. Aber Aidan schien sich wirklich einen zu wünschen.

»Ich glaub, ich hab ihn gestern schon gesehen. Jemand hat ihn grün angemalt, das arme Tier.«

Glennas Herz machte einen Satz und sie starrte Aidan mit großen Augen an.

»Wie?«

Er deutete in eine Richtung. »Der große da drüben.«

Glenna folgte dem Fingerzeig und ihre Knie wurden schwach, als sie das zottelige Fell des Cusith entdeckte. Er saß dort, die lange graue Zunge hing ihm aus dem Schlund und er blicke in eine andere Richtung, aber Glenna konnte den Schein seiner glühenden Augen trotzdem erkennen.

Sie streckte ihren zitternden Arm aus.

»Den da drüben meinst du? Der da sitzt?«

Aidan nickte. »Was ist das für eine Rasse? Wissen Sie das?«

Glenna starrte den Jungen an und das Blut rauschte in ihren Ohren.


Interessante Lektüre und Infos zum Kapitel:

Vorschau auf das Kapitel „Fremde Hände“ von nächster Woche:

»Oh Gott, bitte nicht«, flehte Glenna atemlos und legte die Hand über den Mund, während sie sich um sich selbst drehte.

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