15. Kapitel – Wilde Jagd

Kapitel 15: Wilde Jagd

Sie empfand gar nichts, außer der Eiseskälte und der Hand, die ihre Brust zusammenquetschte.

Der Reiter trug einen Helm, der nur die Augen offenließ und diese waren auf sie gerichtet.

Erst als sich ihre Lungen schmerzhaft zusammenzogen, bemerkte Glenna, dass sie aufgehört hatte, zu atmen.

Rasselnd sog sie Luft ein.

»Geh weiter«, presste sie hervor. »Hier gibt es nichts für dich zu holen.«

Der Reiter legte den Kopf in den Nacken und betrachtete das Haus hinter ihr. Dann blickte er sie wieder an.

EINE NIEDERE KREATUR WIE DU WAGT ZU BEURTEILEN, WAS UNS ALS BEUTE WÜRDIG IST?

Glenna schluckte leer und zwang ihre Beine einen Schritt nach vorn zu machen.

»Diese Seele ist nicht für euch.«

Ohne Mitwirken des Reiters wandte sich das Pferd und kam von der Straße ab. Den Zaun komplett ignorierend, schritt es voran, bis es direkt vor Glenna zu stehen kam.

Aus dem Maul tropfte schwarzer Teer, aus den Nüstern stob der Gestank von Schwefel und Glenna wurde schwindlig.

ALTE WEIBER SOLLTEN SICH IN DER NACHT DER JAGD NICHT AUS DEM HAUS WAGEN, hisste der Jäger.

Die Worte drangen ihr durch Mark und Bein.

Seit sie zum ersten Mal von der Wilden Jagd gehört hatte, steckte die Furcht davor in ihren Gliedern.

Aber nein. Er durfte Dorothy nicht holen. Nicht die Seele ihrer Tochter.

Ein dunkler Schatten näherte sich plötzlich hinter dem Reiter und auf dem Zaun landete die Saatkrähe. Sie war weiter gewachsen und größer, als jeder Vogel, den sie bislang gesehen hatte. Glenna konnte in der Dunkelheit nicht mehr als ein Schemen ausmachen, aber sie sah das Glänzen der Knopfaugen, die ihr zugewandt waren.

Natürlich, ausgerechnet jetzt musste sich das Federvieh blicken lassen. Als hätte sie keine anderen Probleme. Als wüsste sie gerade jetzt nicht um die Vergänglichkeit der Menschen.

Und dennoch.

Die glühenden Augen des Jägers waren auf sie fixiert.

Nicht auf das Haus. Nicht auf Dorothys Seele. Auf Glenna.

Sie kniff die Augen zusammen.

»Dieses alte Weib wusste es noch nie besser«, sagte sie und es gelang ihr, die Stimme erstaunlich ruhig zu halten.

Die Zähne des Pferdes knirschten auf dem Mundstück und der Jäger stieß ein heißeres Lachen aus, das ihre Knochen wie Klangstäbe erbeben ließ.

Das Pferd machte einen weiteren kleinen Schritt auf sie zu, so dass die Dämpfe seiner Nüstern auf ihrer Wange kondensierten und ekelhafte Tropfen über das Gesicht fließen ließen.

DU WILLST MIT UNS JAGEN, MENSCH?

Die Stimme des Reiters war unmenschlich und nicht von dieser Welt und trotzdem glaubte Glenna, so etwas wie Hohn darin zu erkennen.

Nein. Sie wollte nicht zum Opfer der Jagd werden und bis in alle Ewigkeit als ihre Entourage über den Himmel ziehen.

Die Krähe schlug mit den Flügeln und Glenna spürte den Lufthauch bis zu ihr herüber.

»Dorothy«, dachte sie.

Sie tat das hier für Dorothy, die trotz ihres hohen Alters vor ihr gestorben war. Für die Tochter, die sie überlebt hatte und zu Grabe tragen würde.

Sie wollte etwas erwidern, wollte ihm zustimmen, ihm anbieten, ihre Seele mitzunehmen anstelle Dorothys. Doch ihr Kiefer verkrampfte so stark, dass es schmerzte.

Flügel schlugen und die Krähe stieß einen Schrei aus, als sie hoch stob.

Glenna riss die Arme hoch und legte sie schützend über ihr Gesicht. Aber der erwartete Angriff blieb aus.

Als sie zwischen den gekreuzten Armen hervor spähte, schwenkte das Pferd herum, setzte mit einem gewaltigen Sprung über den ganzen Vorgarten hinweg und landete auf der Straße, wo er in einen rasanten Galopp verfiel.

Glenna ließ die Arme sinken.

Sie war dermaßen von der Erscheinung und der Krähe gebannt gewesen, dass ihr nicht aufgefallen war, wie sich eine ganzer Reiterschar gesammelt hatte, die mit immer lauter werdendem Gejohle durch die Straßen von Southbridge preschte.

Sie fasste sich ans Herz und lehnte gegen die Fassade des Hauses.

›Bonnie, ist alles in Ordnung?‹

Jamie klang aufgeregt und erst da erkannte Glenna, dass er vermutlich schon seit einer Weile auf sie eingeredet hatte.

Als die Reiterschar vorüber war, wog eine Welle der Erleichterung über sie hinweg.

Und nur einen Moment später die Scham.

Bevor sie sich jedoch mit Vorwürfen eindecken konnte, erfüllte das Kreischen der Krähe die Nacht, und scharfe Krallen drangen in ihre Schulter.

Glenna wollte schreien, aber der Schmerz schnitt ihr die Luft ab.

Sie stolperte voran, trampelte durch die wilden Blumen, deren Dornen sich in ihrem Rock verfingen. Sie riss sich los und hetzte weiter.

Krallen gruben sich in ihr Fleisch und kräftige Flügel versetzten ihr Schläge, bis ihr Körper schmerze und sie die einzelnen Angriffe nicht mehr unterscheiden konnte.

Sie hörte eine Stimme schreien und wusste nicht, ob es ihre eigene war, die von Jamie oder von sonst jemanden, der ihre irre Flucht vor dem Unsichtbaren beobachtete.

Als sie den Treppenabsatz vor ihrer Haustür erreichte, ließ der Vogel von ihr ab und stob davon.

Sie entriegelte die Tür mit steifen Fingern und schlug sie hinter sich zu. Ihr ganzer Körper bebte und sie sank an Ort und Stelle zu Boden.

›Bonnie! Sprich mit mir, Himmel Arsch!‹

Sie atmete stoßweise, die Hand auf die schmerzende Brust gepresst.

»Ja«, sagte sie nur.

›Was ist passiert?‹

»Die Krähe«, presste sie hervor und stemmte sich in die Höhe.

Sie ignorierte ihre schmerzenden Füße und zog sich langsam am Geländer in den obersten Stock.

Es fühlte sich wie eine Ewigkeit an und alles an und in ihr brüllte ihr ihr Alter förmlich ins Gesicht.

In ihrer Wohnung angekommen setzte sie sich auf das Bett und starrte in den Spiegel, der davor hing.

Eine Mischung aus Schweiß, Tränen und Rotz hatte Bahnen in das Rouge und ihren Lippenstift gezeichnet, doch ansonsten hatte die Krähe ihr Gesicht verschont.

Sie begann damit, die Knöpfe ihrer zerfledderten Seidenbluse zu öffnen, auch wenn sie sich wohl auch einfach so aus ihr herausschälen hätte können. Ihre Arme waren übersäht von roten Flecken, die in wenigen Stunden auswuchernde Blutergüsse werden würden. Etwas Blut klebte an ihren Schultern und Oberarmen. Als sie sachte das Unterhemd über ihren Oberkörper streife, biss sie die Zähne zusammen. Es klebte an ihrem Rücken und als es in ihrem Schoss lag, wusste sie auch weshalb.

Es war rot gefärbt von ihrem Blut.

›Oh, Bonnie‹, hauchte Jamie und sie hisste, als der warme Fleck sich von ihrer geschundenen Schulter zu ihrer Brust wanderte. ›Jemand muss sich darum kümmern.‹

»Nein«, sagte Glenna und schleppte sich ins Bad, wo sie das verwischte Make-up mit Feuchttüchern wegzuwischen begann. »Die Wunden heilen von selbst.«

Das taten sie immer, wenn die Krähe sie anfiel. Sie wusste nicht einmal, wie es möglich war, dass sie sie physisch verletzen konnte, obschon sie nur ein Produkt ihrer eigenen Vorstellung war.

»Die Krähe will mich nicht töten«, sagte Glenna weiter, mehr zu sich selbst.

›Das sieht aber anders aus‹, schnaubte Jamie.

Glenna schüttelte den Kopf und setzte sich auf die zugeklappte Toilette, wo sie ihre durchgescheuerten Strümpfe auszog. All die kaputten Kleider warf sie ein den Eimer.

Dann nahm sie ein Tuch zur Hand, nässte es und begann, so gut es ging, das Blut von ihrem Körper zu tupfen.

›Warum hat sie dich angegriffen, Bonnie? Warum so brutal? Das hat sie noch nie getan.‹

Sie hatte es ihm schon einmal zu erklären versucht, aber sie wusste selber nicht ganz genau, was es mit der Krähe wirklich auf sich hatte.

›Sie erinnert dich an die Sterblichkeit der Menschen. Schön. Warum die Aggressivität?‹

Jamie ereiferte sich. Er schlich kreuz und quer über die Vorderseite ihres Oberkörpers, was sie ihm selten erlaubte, aber im Moment war es ihr lieber als ihr Rücken.

Sie wrang das blutige Tuch im Waschbecken aus und stütze sich an dessen Rand ab.

»Es ist nicht nur das, Jamie.«

›Was dann?‹

»Sie wird umso größer und aggressiver, je mehr Schuldgefühle der Tod anderer Leute in mir weckt.«

Sie drehte den Wasserhahn auf und sah zu, wie der Wasserstrudel die roten Flecken nach und nach wegwusch.

›Schuldgefühle?‹, fragte Jamie überrascht, doch er bracht ab und Glenna spürte sein bedeutungsschweres Schweigen förmlich.

Sie hätte die Möglichkeit gehabt, mit dem Reiter um Dorothys Seele zu feilschen. Und sie hatte es nicht einmal geschafft, einen Ton herauszubringen.

»Egal«, sagte Glenna wirsch, wischte das Waschbecken mit der flachen Hand einigermaßen sauber und ging dann zurück ins Schlafzimmer.

›Geht es um Létoile?‹

Sie zog den Rest ihrer Sachen aus, darauf bedacht, sich dabei nicht im Spiegel anzusehen.

»Vergiss es, Jamie.«

›Bonnie, ihr Tod ist 75 Jahre her.‹

Sie hob das Nachthemd über ihren Kopf und versuchte die brennenden und steifen Muskeln zu ignorieren.

Herrgott nochmal, war sie schon so weit, dass sie zu alt war, ihr Nachthemd anzuziehen?

›Du trägst keine Schuld an ihrem Tod‹, sagte Jamie, aber seine Stimme klang seltsam entrückt.

Glenna presste ihre flatternden Lider zusammen und kroch in ihr Bett.

Sie wusste das.

Und trotzdem.

Die Krähe war an ihrer Seite seit Létoiles Tod. Und ein jedes Mal, wenn jemand starb, der ihr nahe gestanden war, fühlte sie diese Schwere im Magen, als würde sie eine Missetat damit begehen, weiterzuleben.

›Etwas ist anders, Bonnie‹, sagte Jamie, aber sie tat so, als würde sie bereits schlafen. ›Die Krähe ist anders als sonst.‹


Interessante Lektüre und Infos zum Kapitel:

Vorschau auf das Kapitel „Schwarze Ziege“ von nächster Woche:

»Haben Sie es gehört?«, fragte Aidan als erstes, als Glenna am nächsten Tag mit ihm auf dem Markt ankam.

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