14. Kapitel – Nächtlicher Besuch

Kapitel 14: Nächtlicher Besuch

Glenna schreckte von ihrer Lektüre aus und das Buch glitt von ihren Knien zu Boden.

Sie fasste sich schwer atmend ans Herz und blickte sich um. Was genau hatte sie soeben erschreckt?

Ihr Kopf pochte und sie hatte ein pelziges Gefühl im Mund. War sie etwa eingeschlafen?

Sofort stand sie auf und verließ die fensterlose Bibliothek. In der Küche trat sie ans offene Fenster und ein kalter Schauer fuhr ihr über den Rücken.

Die Straße unter ihr war wie leergefegt und karg ausgeleuchtet. Die Sonne war bereits unter gegangen.

Samhain war angebrochen.

»Jamie!«, zischte sie und lehnte sich aus dem Fenster, um die Fensterläden zu schließen.

›Was ist?‹

»Es ist bereits dunkel. Warum hast du mich nicht geweckt?«

Sie rüttelte an einem der eingerosteten Läden, die sie normalerweise nie schloss.

›Wie genau hätte ich merken können, dass es dunkel ist? Und wie hätte ich dich wecken sollen?‹

Er klang nüchtern und Glenna musste eingestehen, dass beide Fragen berechtigt waren.

Als Glenna den ersten Laden endlich losgebracht hatte, blieb ihr Blick an etwas am fernen Horizont hängen. Sie kniff die Augen zusammen und versuchte ausfindig zu machen, was dort silbern schimmerte. Im ersten Moment wirkte es wie Nebelschwaden, aber sie waren zu unruhig und Glenna glaubte nicht, dass sie solche in dieser Entfernung wahrnehmen könnte.

Auf einmal schien der Wind zu drehen, denn die ganze Wolke wandte sich ab und zog sich in die Länge.

Und dann erklang ein furchterregendes Horn.

Es war so weit weg, dass Glenna es nur knapp wahrnehmen konnte, aber es war definitiv ein Horn.

Sie stolperte zwei Schritte zurück, bis sie am Tresen anstieß.

Die Nebelschwaden schienen sich auf einmal zu formieren und preschten los, alsbald der Ruf des Horns verklungen war. Jetzt konnte Glenna auch ausmachen, worum es sich handelte. Ihre Knie drohten nachzugeben und sie hielt sich an der Küchenablage fest.

Sie konnte die einzelnen Gestalten nicht erkennen, aber sie wusste, dass es Männer und Frauen waren, die auf Pferden ritten.

Glenna beugte sich erneut aus dem Fenster und schaffte es, auch den zweiten Laden zu schließen. Dann verriegelte sie das Fenster und trat davon weg.

›Bonnie? Was ist los?‹

»Hast du es nicht gehört?«, flüsterte sie. »Das Horn?«

›Welches Horn?‹, fragte Jamie zaghaft, aber sein Tonfall verriet, dass er wusste, was sie meinte.

Mit einem Satz war sie im Treppenhaus und hastete die Treppe hinunter. Sie eile von Zimmer zu Zimmer, um die offenen Fenster zu schließen, bevor sie in die Küche trat.

Noch war die Jagd weit entfernt und hatte nicht die Richtung von Southbridge eingeschlagen. Das musste aber nicht bedeuten, dass sie nicht früher oder später herkommen würden. Samhain dauerte noch lange.

Glenna sammelte zusammen, was sie finden konnte. Milch, Früchte, etwas traditionelles Gebäck, das vom speziellen Frühstück übrig geblieben war, welches sie den Gästen bereitet hatte. Sie packte alles in einen Beutel.

›Es ist die Wilde Jagd, Bonnie‹, sagte Jamie vorsichtig. ›Kein normales Feenvolk.‹

»Ich muss es probieren«, sagte sie und beeilte sich, ihre Schuhe zu schnüren.

Sie versuchte es im Stehen, merkte aber, dass sie sich nicht bis zu ihren Füssen hinabbücken konnte. Frustriert griff nach dem Schuhlöffel.

Natürlich hatte sie gerade heute in ihrem Sessel einnicken müssen. Warum nur geschah ihr das immer häufiger und immer, wenn sie es sich eigentlich nicht leisten konnte?

Aber sie würde verhindern, dass die Bastarde Dorothys Seele kriegten. Sie würde nicht bis in alle Ewigkeiten an ihrer Seite reiten.

Als sie zu wanken begann, weil ihre Beine noch nicht ganz von ihrem Nickerchen erwacht waren, warf sie den Schuhlöffel hin und trat in ihren Strümpfen vor die Tür. Eisiger Wind umfasste ihre Glieder. Es war nicht der normale irische Wind, der hier blies. Er war bösartiger, wütender.

Glenna reagierte nicht schnell genug, als auf einmal zwei Kobolde – ob Cluricauns oder ihre fleißigeren Cousins Leprecauns konnte sie nicht erkennen auf den ersten Blick – vor ihren Füssen vorbeiflitzten und ins Innere ihres Hauses sprangen. Sie keuchten und zitterten und keiner sagte ein Wort.

Das waren keine gemeinen Whisky-Diebe. Sie waren Flüchtlinge.

Grimmig zog Glenna die Tür hinter sich zu und verriegelte sie.

Wieder wurde der Ruf des Horns an sie herangetragen.

›Bonnie‹, rief Jamie, um das Heulen des Windes und das Keuchen von Glenna zu übertönen. ›Das ist Wahnsinn.‹

Sie hörte nicht hin und sie wagte es auch nicht, den Blick zum Horizont zu richten. Noch waren sie nicht eingefallen, aber die Pferde der Wilden Jagd waren nicht angewiesen auf Wege oder Straßen. Sie preschten durch den Himmel und waren so schnell wie der Sturm, mit dem sie ritten.

Fluchend öffnete Glenna den Beutel und holte die kleine Schale und die Milch heraus. Sie füllte die Schale und stellte sie auf den Treppenabsatz vor der Eingangstür. Dann legte sie Obst und Gebäck dazu und hoffte innig, dass nicht sofort alles weggeblasen wurde, sollte der Wind ansteigen.

Jamie hatte natürlich recht. Diese Gaben waren dafür gedacht, kleinere, harmlosere Angehörige des Feenvolks gütig zu stimmen. Es bestand keine Chance, dass sich die Wilde Jagd davon beeindrucken ließ.

›Bonnie, du solltest reingehen.‹

»Noch nicht.«

Sie raffte ihren Rock und stieg vom Gehweg in das etwas vernachlässigte Blumenbeet. Sie hielt sich nicht damit auf, zu überlegen, wo Westen war. Sie wusste, woher der Wind wehte und dass es die Wilde Jagd war, die ihn antrieb. Sie reckte sich und löste die Scharniere des Fensterladens vor Dorothys Zimmer. Mit einem Stoß entriss ihr der Wind den Laden und knallte ihn gegen die Fassade. Sie umfasste ihn erneut und es gelang ihr, ihn zu zu wuchten und zu schließen.

›Bonnie‹, hauchte Jamie nah an ihrem Ohr. ›Sie kommen.‹

Sie hörte nicht hin, sondern eilte zum nächsten Fenster. Aber noch als sie sich rekte, um es zu erreichen, stellten sich ihr auf einmal die Haare im Nacken auf. Sie erstarrte in ihrer Bewegung, als hätte eiskaltes Wasser sie übergossen.

Ein Keuchen erklang, ein Scharren und das Flattern von Stoff.

Die unsichtbare Hand, die sie in ihrem eisernen Griff hielt, zwang sie dazu, sich umzudrehen.

Auf der Straße vor dem zertrampelten Blumenbeet standen die eingefallenen Körper von Pferd und Reiter, beide ausgestattet mit unheilvoll glimmenden Augen. Glenna wusste nicht, ob sich eine dünne schwarz-graue Haut über ihre Knochen spannte, oder es die rußschwarzen Knochen waren, die sie sah. Ein einzelnes, silbergraues Tuch wand sich um den Reiter und flatterte in einem Wind, den Glenna nicht spüren konnte.


Interessante Lektüre und Infos zum Kapitel:

Vorschau auf das Kapitel „Wilde Jagd“ von nächster Woche:

»Geh weiter«, presste sie hervor. »Hier gibt es nichts für dich zu holen.«

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