13. Kapitel – Offene Fenster

Kapitel 13: Offene Fenster

Glenna stolperte förmlich durch die Tür des B&Bs, nachdem sie Aidan mit dem Vorwand eines Notfalls mit einem Gast bei den anderen Damen am Kuchenstand gelassen hatte. Sie ließ ihre Handtasche an Ort und Stelle zu Boden gleiten, bevor sie sich unentschieden von der Treppe in den oberen Stock zu Dorothys Zimmertür wandte und zurück.

›Glenna, beruhige dich. Wir wissen nicht, warum der Cusith hier ist.‹

Sie balle die Finger zu Fäusten und trat in das kleine Zimmer, das wieder so aussah wie vor der Totenwache. Nur die Uhr war immer noch stehen geblieben.
»Was weißt du über die Feenhunde, Jamie?«

Sie versuchte, rational an die Sache heranzugehen. Dorothy war vor einer Woche gestorben. Ihre Seele hätte die Welt längst verlassen, oder? Warum nur gelang es Glenna nicht, das zu glauben?

Jamie seufzte. ›Die Cusith sind für zweierlei bekannt. Zum einen entführen sie stillende Frauen.‹

Glenna erinnerte sich daran. Die Frauen wurden von ihnen in die Anderswelt geschleppt, um die Feenkinder zu nähren. Sie kniff die Augen zusammen und trat an das Fenster heran. Zumindest in Southbank wusste sie von keinen Säuglingen. Aber am Fest trieben sich natürlich eine ganze Menge Leute umher, irgendeine stillende Mutter war sicherlich unter ihnen.

›Zum anderen gehören sie zum Tross der Wilden Jagd.‹

Jamies Stimme war düster geworden und eine dunkle Wolke braute sich über Glenna zusammen.

Schon ihre Mutter hatte ihr Schauermärchen erzählt über die Wilde Jagd. Inzwischen wusste Glenna, dass an diesen Geschichten mehr dran war, als die Menschen heutzutage noch glaubten.

»Sie stöbern Menschen auf, die kürzlich gestorben sind, oder? Um ihre Seele einzufangen, bevor sie diese Welt verlässt.«

›Oder solche, die demnächst sterben werden. Er ist ein Vorbote des Todes für die Sterblichen, die ihn sehen können.‹

Glenna öffnete das Fenster weit und ging in den Speisesaal, wo sie dasselbe wiederholte.

›Bonnie?‹

»Ich öffne die Fenster. Damit Dorothys Seele verschwinden kann, sofern sie noch hier ist. Die Wilde Jagd reitet nur an Samhain, oder? Von Sonnenuntergang bis Sonnenuntergang?«

›Soviel ich weiß.‹

Sie legte den Kopf in den Nacken und blickte an die Decke.

»Dorothy? Bist du da? Wenn ja, dann bitte, bitte verlasse diese Welt so geschwind wie möglich.«

›Es ist nicht so, als könnte sich eine Seele von sich aus entscheiden, die Welt zu verlassen, Bonnie.‹

»Das weiß ich«, antwortete sie forsch.

Es gab unterschiedliche Gründe, die eine Seele länger als nötig an diese Welt binden konnten. Bei älteren Sterblichen wie Dorothy waren das häufig eine zu enge Bindung an einen Ort oder anderen Menschen.

Glenna schürzte ihre Lippen. Sie hoffe, dass Dorothy dieses B&B nicht ganz so innig geliebt hatte, wie sie es immer gesagt hatte.

Die Wärme der Tätowierung verschob sich vom Rücken zu ihrer Schulter und legte sich dann wie ein warmes Tuch um ihren Nacken und Hals.

›Du hast den Hund gesehen, Bonnie‹, sagte Jamie und klang, als wolle er ihr damit etwas Unterschwelliges mitteilen.

»Ja?«

›Der Hund ist ein Todesbote.‹

Sie hob überrascht die Augenbrauen.

»Ich sehe alle Wesen der Anderswelt, Jamie. Das heißt gar nichts.«

Er schwieg und Glenna grübelte über die Aussage nach.

Es musste nichts bedeuten.

Trotzdem bildete sich auf einmal ein dicker Klumpen in ihrem Magen.

Sie hatte gesagt, dass sie sterben möchte und daran hielt sie fest. Als Beute für die Wilde Jagd zu enden stand nicht auf dem Plan.

»Was passiert mit den Seelen, die die Wilde Jagd einfängt?«

Glenna murmelte die Frage mehr zu sich und wusste nicht, ob Jamie sie überhaupt verstehen konnte. Aber es spielte auch keine Rolle. Sie kannte die Geschichten.

Die Reiter der Wilden Jagd waren die schrecklichsten Vertreter des Feenvolks. Sie hielten sich an keine Gesetze, waren verräterisch und blutrünstig und sogar von den ihrigen in die Höhlen des Untergrunds verbannt worden. Nur für eine Nacht im Jahr ließ man die Meute los. Mit ihnen ritten die Seelen der Menschen, die sie in ihren nächtlichen Treibjagden einsammelten. Verdammt bis in alle Ewigkeit für eine Nacht im Jahr andere Unschuldige mit ins Verderben zu ziehen.

›Nichts Angenehmes.‹

Sie schüttelte den Gedanken ab, raffte ihren Rock und hastete, so schnell es ihr ging die Treppe in ihre Wohnung hinauf.

Dorothy und Edward hatten die schönsten Jahre in diesen vier Wänden verbracht gemäß Dorothy. Falls Dorothys Seele tatsächlich noch hier war, wäre es sehr gut möglich, dass sie sich dort oben herumtrieb.

Wie aufnahmefähig war eine Seele, fragte sie sich plötzlich? Hatte sie womöglich mitgekriegt, was in den letzten Tagen geschehen war? Dass Glenna in Wahrheit ihre Mutter war?

Glenna verzog das Gesicht bei dem Gedanken.

Mit zittrigen Fingern öffnete sie die Tür zu ihrer Wohnung und trat als erstes in die Küche, wo sie das Fenster ebenfalls öffnete.

Kaum hatte sie den Fensterflügel nach außen geschoben, verharrte sie jedoch und starrte mit großen Augen nach draußen.

Sie hatte vielleicht zwei oder drei Stunden, bis die Sonne untergehen würde. Vorher war die Wilde Jagd nicht unterwegs. Falls sie denn überhaupt herkommen würde.

Die Wilde Jagd war schnell. Dennoch würde sie es nicht schaffen, in einer Nacht alle Orte zu besuchen, an welche sie ihre Hunde entsandt hatte. Glenna konnte nur hoffen.

Sie hatte alle Fenster in den Räumen geöffnet, von denen sie sich vorstellen konnte, dass Dorothys Seele dort tatsächlich noch herumlungerte.

›Was jetzt?‹

Das war eine wirklich gute Frage. Glenna fühlte sich rastlos, doch sie wusste nicht, was sie anderes tun sollte. Es hab Möglichkeiten und Rituale, Seelen zu vertreiben. Aber sie kannte sich nicht damit aus und einige davon fügten den Seelen Schaden zu, was sie Dorothy nicht antun wollte.

Sie öffnete die Tür zu ihrer Bibliothek und trat an das Bücherregal.

›Du weißt, dass du die Kobolde geradezu einlädst, hier einzufallen, oder?‹

Glenna nickte. »Die meisten von ihnen treiben sich auf dem Fest herum. Dort werden die Leute langsam betrunken genug, damit sie mit ihnen ihre Späße treiben können.«

Die Kobolde würden am nächsten Vormittag wieder hier auf der Matte stehen.

›Also wartest du jetzt einfach bis Sonnenuntergang?‹

Sie überflog ihre Bücher und versuchte sich daran zu erinnern, wann und wo sie diesen schrägen Kauz getroffen hatte, der sich selber als Seelenhirte bezeichnet und behauptet hatte, er könne die Seelen Verstorbener beeinflussen.

»Mehr oder weniger.«

Sie zog einige Jahreszahlen heraus, die ihr einleuchteten, dann platzierte sie den Stapel auf dem Beistelltischchen und setzte sich in den Sessel und begann zu lesen.


Interessante Lektüre und Infos zum Kapitel:

Vorschau auf das Kapitel „Nächtlicher Besuch“ von nächster Woche:

»Hast du es nicht gehört?«, flüsterte sie. »Das Horn?«

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