12. Kapitel –  Hashtag SamhainSouthbridge

Kapitel 12:  Hashtag SamhainSouthbridge

»Hatten Sie mal Haustiere?«, fragte Aidan aus dem Nichts.

»Hm?«, machte Glenna, ohne von dem Display hochzusehen.

»Einen Hund oder eine Katze mein ich«, sagte Aidan.

Glenna riss sich von dem Strom von Kurznachrichten los und blickte sich um, um herauszufinden, wie er auf das plötzliche Thema kam.

»Nein, ich hatte nie Haustiere«, antwortete sie.

Nicht weil sie keine mochte, sondern weil Tiere generell eher empfindlich auf ihre Präsenz reagierten. Der Grund, warum das Stewart-Haus haustierfrei war, seit Glenna dort arbeitete.

Sie ging den Tieren aus dem Weg, damit keine Unfälle passierten und damit den Vierbeinern der Stress erspart blieb.

»Ich hätte gerne einen Hund.«, sagte Aidan. »Aber Mama will das nicht. Sie hat Angst vor Hunden. Extreme Angst.«

»Wenn man vom Teufel spricht, Bursche«, sagte Glenna und nickte in Richtung des Trampelpfads, wo Janet entlanggeeilt kam.

»Ah, da seid ihr ja«, sagte sie erleichtert. »Ist alles in Ordnung?«

Glenna nickte mit einem festen Lächeln, das Janet hoffentlich beruhigen sollte.

»Bei uns läuft alles gut. Wir machen fleißig Fotos und teilen sie auf Twitter«, erklärte Glenna und deutet auf das Display. »Da drauf sind erstaunlich viele Leute unterwegs.«

Janets Gesichtsausdruck nahm kurz verwirrte Züge an.

»Hashtag SamhainSouthbridge, Mum«, erklärte Aidan stolz.

»Oh«, sagte Janet und schien erleichtert. »Ich dachte schon, Aidan hätte dich so stark gefordert, dass du eine Pause nötig hast, Glenna.«

»Gefordert hat er mich durchaus«, sagte Glenna. »Aber nur wenn man Frauen in meinem Alter regelmäßig fordert, bleiben sie so jung wie ich, Liebes.«

Ein warmer Fleck auf ihrem Rücken machte sich bemerkbar.

Janet umfasste ihre Hand und drückte sie.

»Da bin ich froh«, sagte sie erleichtert. »Wir haben gerade ein Problem mit den Wasserleitungen für das Verpflegungszelt. Ein heilloses Durcheinander, das sage ich dir.« Sie hob warnend einen Zeigefinger. »Bitte nichts davon auf Twitter, ja?«

Sie gab dem widerwilligen Aidan einen Kuss auf die Wange und hastete davon.

»Na, hast du Hunger?«, fragte Glenna und steckte ihr Mobiltelefon weg.

»Jep«, sagte Aidan und sprang auf die Füße. »Es hat einen Stand mit riesigen Fleischspießen. Gehen wir dahin?«

»Wo soll denn so ein riesiger Fleischspieß bitte schon hin bei deinem kleinen Körper, hm?«, fragte Glenna, machte sich aber auf den Weg in die Richtung.

»Ich wachse noch«, sagte Aidan überzeugt.

Während sie auf einem Strohballen saßen, beobachtete Glenna den Aufruhr um das große Zelt. Ab und zu tauchte Janet auf, gab Anweisungen und verschwand wieder.

Glenna war erstaunt, wie viel tatsächlich in den Jungen reinpasste. Sie selber hatte sich nach der Hälfte des Spießes geschlagen geben müssen und sie war immer eine gute Esserin gewesen. Ihren Rest mochte Aidan dann aber doch nicht auch noch verdrücken.

Seine Augen klebten bereits wieder an seinem Telefon, aber immerhin wartete er geduldig, bis die alte Frau endlich ihr Mittagessen verdrückt hatte.

Auf einem Verkaufstisch in ihrer Nähe tummelten sich zwei kleinere Kobolde, die immer, wenn niemand hinsah, die Auslagen von einer Seite des Tisches zur anderen trugen und sich scheckiglachten, wenn der Verkäufer wieder danach suchte.

Glenna schüttelte den Kopf, konnte aber auch nicht anders, als etwas zu grinsen. Diese Art von Späßen war harmlos. Wenn es denn dabei blieb.

Sie blickte zurück zum Verpflegungszelt und runzelte die Stirn, als sie auf einmal einen freilaufenden Hund zwischen den arbeitenden Leuten umherstreifen sah.

Auf dem Gelände herrschte strikte Leinenpflicht, nur schon wegen der Schafe und Ponys, die einige Aussteller dabei hatten.

Noch dazu war es ein richtig großer Hund, vielleicht so ein Wolfshund. Obwohl Glenna keinen Einheimischen kannte, der so einen hätte. Also musste er einem Gast gehören.

Glenna würde ihm oder ihr gehörig die Leviten lesen, wenn sie den Besitzer fand.

Sie stand auf, um sich besser umsehen zu können, als ihr der geflochtene Schwanz des Hundes auffiel. Und die unnatürlich grüne Färbung seines zotteligen Fells.

In dem Moment drehte das Tier ihr den Kopf zu. Glenna sog scharf Luft ein und hob die Hand an ihr Herz.

Die Augen des Hundes leuchteten grün.

Glenna ließ das Tier nicht aus den Augen, ließ aber den Spieß fallen und tastete sofort nach ihrem Mobiltelefon. Mit steifen Fingern erweckte sie das Display zum Leben und richtete die Linse in Richtung des Hundes.

Kaum hatte sie abgedrückt, wandte er sich um und war mit einem Satz hinter dem Zelt verschwunden.

»Oh nein, Ihr Spieß!«, rief Aidan aus, aber Glenna war das Fleisch egal.

Mit zittrigen Fingern rief sie das Fotoalbum auf und besah sich das letzte Bild. Es zeigte das Chaos vor dem Speisezelt. Aber von einem grünen Hund fehlte jede Spur.

Glenna wandte sich an Aidan und versuchte sich an einem Lächeln. »Kannst du einen kurzen Moment hierbleiben? Ich bin gleich wieder da.«

Aidan zuckte mit den Schultern und widmete sich wieder einem Mobiltelefon.

Glenna hastete so schnell wie möglich, ohne zu rennen oder zu panisch auszusehen zu der Stelle, wo sie den Hund hatte verschwinden sehen.

›Bonnie, was ist los‹, flüstere es an ihrem Ohr.

Sie sah sich um, aber keine Seele war in ihrer Nähe, weder Hund noch Mensch.

»Das Tier«, zischte sie. »Er ist ein Wesen der Anderswelt.«

›Was für ein Tier?‹ der Fleck bewegte sich auf ihre Brust.

»Ein Hund. Ein grüner Hund mit geflochtenem Schwanz.«

›Grün? Ein grüner Hund?‹, fragte Jamie erregt und lauter als zuvor.

»Ja«, sagte Bonnie gehetzt und machte einen Schritt hierhin und dorthin, konnte aber keine Spuren entdecken.

›Bonnie.‹

Sie hastete einmal um die nahestehenden Zelte herum.

›Bonnie.‹

Als sie für einen Moment stehenblieb, merkte sie, wie ihre Knie zitterten und sie stützte sich an einem Zeltpfosten ab.

›Bonnie!‹

»Ja!«, sagte sie. »Was ist?«

›Der grüne Hund‹, sagte Jamie eindringlich. ›Du weißt, was das bedeutet?‹

Sie nickte und ein eiskalter Schauer überkam sie.

»Der Cusith der Sidhe. Ein Feenhund.«

›Ja. Der Todeshund. Ein Seelenjäger.‹

Glenna dachte an Dorothys Leblosen Körper an ihrer Aufbahrung und ihr schnürte sich die Kehle zu.


Interessante Lektüre und Infos zum Kapitel:

Vorschau auf das Kapitel „Offene Fenster“ von nächster Woche:

›Du weißt, dass du die Kobolde geradezu einlädst, hier einzufallen, oder?‹

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