11. Kapitel – Neue Medien

Kapitel 11: Neue Medien

Die Hauptstraße war wie leergefegt, aber das war nichts Ungewöhnliches um diese Uhrzeit. Entweder die Leute waren auf der Arbeit, oder aber da, wo was los war. Und das war heute der alte Acker etwas außerhalb von Southbridge.

Glenna versuchte sich nur halbherzig an einem Gespräch mit Aidan. Normalerweise interessierte sie sich für alles, was die jüngere Generation zu erzählen hatte und Aidan war ein mitteilsamer Junge. Aber heute war ihre Aufmerksamkeit zu stark von all den Kobolden und anderem Feenvolk vereinnahmt.

Sie sah momentan zwar nur eine Handvoll von ihnen, aber wer wusste schon, was die Wichte im Schilde führten.

Die meisten von ihnen konnten zu jeder Zeit die Grenze übertreten. Es fiel ihnen zum einen einfacher um diese Zeit, zum anderen hatten die meisten gar kein wirkliches Bedürfnis, den Menschen mehr als einmal im Jahr einen Besuch abzustatten.

Dieses Jahr waren ihre Gedanken an das Fest immerhin ein kleines Bisschen weniger getrübt. Ohne Magie lief sie auch nicht in Gefahr, diese aus Versehen gegen einen Bewohner der Anderswelt zu richten und damit eine der Regeln zu verletzen. Es blieb jedoch die Möglichkeit, dass sie aus Versehen in die Anderswelt übertrat und das wäre das größte Vergehen, welches sie begehen konnte. An Samhain war das einfacher als an jedem anderen Tag und sie musste aufmerksam bleiben.

So ganz genau wusste sie nicht, was geschehen würde, wenn sie eine der Regeln brach, außer dass sie dann bis in alle Ewigkeit als Gefangene in der Anderswelt leben müsste. Der Púca hatte sie eindringlich genug davor gewarnt, dass sie ihm glaubte, dass das nichts war, was sie erleben wollte.

Als sie den Feldweg zum Festgelände einschlugen, blieb Glenna stehen und zückte ihre Kamera. Wenn sie schon hier war, konnte sie Janet den Gefallen auch tun, um den sie sie gebeten hatte. Auch wenn sie nicht ganz genau wusste, ob sie sich die Aufgabe nicht doch nur für sie ausgedacht hatte.

 Von hier aus hatte man eine gute Sicht auf das Gelände mit den Stoffzelten, dem Rauch eines großen Feuers im Zentrum und schon einigen mittelalterlich gekleideten Leuten. Janet und die anderen hatten sich wirklich Mühe gegeben, musste Glenna eingestehen.

»Warum benutzen Sie nicht Ihr Smartphone?«, fragte Aidan, als sie mehrere Fotos schoss.

»Für die Bilder? Die werden doch nicht gut.«

Sie ließ die Kamera aber von ihrem Hals hängen und kramte in ihrer Handtasche nach dem Telefon.

»Ach was, die werden super. Und Sie können sie direkt hochladen. Ist doch mühsam sonst.«

Glenna blickte ihn von der Seite her an.

»Hochladen«, sagte sie mit einer gespielten Selbstverständlichkeit.

Er zückte sein Mobiltelefon und machte leichthändig ein paar Fotos. Er vergeudete nicht viel Zeit, um die Kamera auszurichten oder scharf zu stellen. Er tippte einmal kurz auf das Display, dann drückte er vier-, fünfmal ab.

»So rein theoretisch«, sagte sie langsam, als sie weiter gingen. »Wo sollte ich die Bilder denn hochladen?«

»Na auf Social Media«, sagte Aidan selbsterklärend.

Dann warf er ihr aber einen ebenso schrägen Blick zu, wie sie ihm vorher. »Sie sind doch für das Pressezeug verantwortlich, oder? Mama macht das ja auch.«

Janet arbeitet hie und da, unter anderem auch bei der Dorfzeitung oder für Veranstaltungen außerhalb. Was genau sie dort alles machte wusste Glenna aber nicht wirklich, außer dass sie in den letzten Monaten immer wieder für ganze Wochenenden verreisen musste. Meistens hatte sie Aidan mitgenommen, also würde er wohl das eine oder andere von seiner Mutter aufgegriffen haben.

»Hm«, machte sie und legte eine Hand auf seine Schulter. »Was hältst du davon, wenn wir das hier gemeinsam machen?«

Er grinste. »Sie haben keine Ahnung vom Internet, oder?«

Sie reckte das Kinn und verpasste Aidan einen leichten Klaps an die Wange.

»Nicht frech werden, Bursche«, sagte sie ernst. »Ich verstehe so einiges vom Internet. Du vergisst vielleicht, dass ich schon da war, als es erfunden wurde.«

Er grinste breiter, als hätte sie etwas unsäglich Lustiges gesagt.

»Ich benutze E-Mails«, sagte sie, um ihren Punkt zu beweisen. »Wir sind auf TripAdvisor. Und AirBnB. Und weißt du was?« Sie beugte sich verschwörerisch zu ihm hinunter. »Ich benutze seit einem Jahr sogar einen Taschenrechner für unsere Finanzen und keinen Abakus mehr.«

Er hob eine Augenbraue. »Was ist ein Abakus?«

Glenna seufzte ab ihrem misslungenen Scherz. »Wie auch immer. Ich kenn mich schon aus. Vielleicht nicht überall. All das Facebook und so hat mich nie groß interessiert.«

Sie marschierten weiter nebeneinander her, bis sie die ersten Zelte erreichten.

»Facebook ist auch out«, erklärte Aidan.

Glenna hob bereits ihre Kamera, um ein weiteres Bild zu schießen, dann überlegte sie es sich aber anders und nahm stattdessen ihr Mobiltelefon zur Hand.

Sie versuchte Aidan von vorhin zu imitieren, kam sich aber äußerst dämlich vor dabei, wie sie auf ihrem Display herumtippte.

»Sie müssen dort tippen, wo es scharfstellen soll«, erklärte er mit dem Tonfall eines ungeduldigen Lehrers.

Sie ließ das Telefon sinken.

»Weißt du was? Du machst die Fotos, in Ordnung? Ich kümmere mich dann darum, dass sie in den Zeitungsbericht kommen.«

»Und auf Social Media«, sagte Aidan, während er bereits fleißig weiter Fotos schoss.

Sie seufzte. »Also erklär mir mal, was heute denn noch nicht ›out‹ ist.«

Sofort hielt er ihr sein Telefon hin. Darauf erkannte Glenna, dass Aidan offenbar ein kurzes Video aufgenommen hatte. Darüber stand in gelben Lettern ›Auf zum Fest!‹ und das Video lief in einer Endlosschlaufe.

»Was soll das sein?«, fragte Glenna verwirrt.

»Ein Snap. Für auf Snapchat. Denn füg ich zu meinen Stories hinzu, dann können ihn alle für einen Tag lang ansehen.«

Er wischte nach rechts, tippte einige Male auf den Screen und hielt ihn ihr dann wieder entgegen.

»Cool, nicht?«, fragte er erwartungsvoll.

Glenna seufzte.

»Ich glaube, ich gehe zurück zur Kamera und der Zeitung.«

Etwas enttäuscht ließ Aidan das Telefon sinken. Dann erhellte sich seine Miene aber auf einmal.

»Twitter. Sie müssen auf Twitter.«

»Ah ja?«

»Twitter ist für alte Leute«, ereiferte sich Aidan. »Das ist ganz einfach.«

»Frechdachs«, sagte sie, ließ es aber gut sein. »Gehen wir weiter.«

Gemeinsam zogen sie über den Teil des Marktes, der schon fertig aufgestellt war. Aidan machte fleißig seine Snaps und Glenna blieb hie und da für einen Schwatz stehen. Die meisten Leute hatte sie am Freitag bereits gesehen bei der Totenwache und somit sahen die wenigsten das Bedürfnis, weiter über Dorothy zu sprechen. Heute und morgen würde ganz im Zeichen des Festes stehen und Glenna konnte es recht sein.

Sie ertappte sich ab und zu dabei, wie sie sich ab und zu nach der Krähe umsah, doch sie ließ sich nicht blicken.

»Das tolle am Internet ist auch, dass es nie vergisst«, begann Aidan auf einmal.

Glenna hatte sich gerade die Auslegeware an einem Stand angesehen, der handgemachten Schmuck anbot. Vieles davon war Kitsch, aber es hatte ein, zwei schöne Stücke darunter. Sie fuhr mit dem Finger über die Perlmuttschicht einer Haarspange in der Form eines Schmetterlings oder eher eine Motte.

»Hm«, machte sie. »Wie meinst du das?«

Sie Spange erinnerte sie irgendwie an Dorothy. Sie hatte solchen ausgefallenen Schmuck gemocht. Wenn die Totenwache nicht schon vorüber wäre, hätte sie sie vielleicht gekauft und in ihr Haar gesteckt.

»Also wenn irgendwer irgendwann mal etwas Saudummes schreibt auf Twitter und es dann Jahre später abstreitet, kann man das immer noch finden und beweisen, was für ein Dummkopf er ist.«

»Ach«, sagte sie und streckte der Verkäuferin die Haarspange hin.

»Irgendjemand gräbt immer aus, was man mal angestellt hat.«

»Und das ist etwas Gutes?«

Aidan wiegte den Kopf. »Nicht immer, glaub ich. Darum sind viele Junge auf Snapchat. Aber ab und zu ist es auch gut, wenn Dinge nicht vergessen gehen.«

Glenna zählte das Geld ab und reichte es der Verkäuferin im Gegenzug zu einem kleinen Papierbeutel, den sie in ihrer Tasche verstaute.

Das Internet vergaß also nie.

»Gut für das Internet«, dachte sie etwas sarkastisch und dachte dabei an ihre Tagebücher.

»Soll ich Ihnen zeigen, wie man einen Twitter-Account einrichtet?«, fragte Aidan und schwenkte sein Telefon. »Dann können Sie die Fotos immer gleich sofort teilen. Das ist super Werbung. Es ist auch ganz einfach.«

Glenna ließ den Blick über die restlichen Stände schweifen. Sie hatten den Großteil des Marktes schon abgeklappert und sie hatte mit allen Leuten gesprochen, mit denen es wert war zu sprechen.

»Ich mache nicht Werbung, ich mache Pressearbeit. Berichterstattung.«

Aidan zog eine Schnute. »Das ist doch dasselbe.«

Sie seufzte und musterte den Jungen, der irgendwie ganz erpicht darauf schien, ihr etwas Neues beizubringen.

Sie seufzte. »Na schön, ich muss mich so oder so erstmal hinsetzen.«


Interessante Lektüre und Infos zum Kapitel:

Vorschau auf das Kapitel „Hashtag SamhainSouthbridge“ von nächster Woche:

›Du weißt, was das bedeutet?‹

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