9. Kapitel – Flüssiges Gold

Kapitel 9: Flüssiges Gold

Die gold-braune Flüssigkeit lief aus dem Flaschenhals in das Abwaschbecken und eine Duftwelle erreichte Glennas Nase. Sofort umgab sie wieder der Hauch der destillierten Erinnerung und Glenna atmete tief ein. Ausnahmsweise wäre es aber nicht das zweitletzte Mal, dass sie die Erinnerung spürte. Sie war zwar destilliert worden, aber niemand würde den Whisky je trinken, also würde ihr die Erinnerung auch nicht genommen werden.

›Bonnie.‹ Jamie klang wütend. ›Warum tust du das?‹

Sie nahm die zweite Flasche zur Hand.

»Ich werde nie wieder Magie wirken, Jamie. Ganz egal, was passiert.«

Ein Kribbeln erwachte in ihrer Bauchgegend. Die Erinnerungen, die sie noch hatte, würde sie bewahren. Die guten, die schlechten und alle dazwischen.

›Das ist deine Antwort?‹, fragte Jamie. ›Das ist doch bescheuert. Du kannst so viel Gutes tun mit deiner Magie und wirfst es weg?‹

Glenna schüttelte den Kopf.

»Früher vielleicht. Was tu ich denn noch mit meiner Magie, Jamie? Ich mache mir damit vor allem das Leben einfacher, mehr nicht.«

Er seufzte laut und entnervt.

›Dann gehe fort. Irgendwohin.‹

Inzwischen war nur noch eine Flasche übrig und Glenna entkorkte sie schon fast zeremoniell langsam, während sie auf die Laphroaig-Etikette starrte. Ihre eigene Lieblingsdestillerie.

»Ich werde nicht mehr verreisen, Jamie.«

Die Worte waren keine Überraschung, trotzdem versetzten sie ihr einen unerwarteten Stich.

In den ersten Jahren hatte es sich hier in Southbank wie ein Zwischenstopp angefühlt. Eine weitere Station auf ihrer Reise um die Welt. Dann hatte sie sich an das Häusliche gewöhnt. Daran, immer dieselben Leute zu sehen und zu wissen, was in dem Kaff so lief. Sie hatte die Menschen sofort ins Herz geschlossen.

Trotzdem war für sie viele Jahre lang klar gewesen, dass sie irgendwann wieder weggehen würde. Bis sie sich vor einiger Zeit eingestanden hatte, dass sie sich damit selber belog.

Sie leerte die letzte Flasche in den Abfluss.

›Warum nicht? Du klagst, dass dir die Erinnerungen ausgehen. Gehe raus in die Welt und mache neue Erinnerungen!‹

»Jamie.«

›Du benutzt deine Magie für nichts Gutes? Geh raus in die Welt und – Himmel, Arsch und Wolkenbruch – tu etwas Gutes!‹

Ihr Herz verkrampfte sich. Jamie sprach nicht oft so mit ihr.

Sie presste die Lippen aufeinander und stellte die leere Flasche mit einem lauten Klong auf den Tresen.

Dann verließ sie die Küche und holte einen Stapel Bettlaken aus dem dafür vorgesehenen Vorratsschrank.

Sie musste sich beschäftigen.

Sie betrat das kleine Zimmer, wo Dorothy in den letzten Jahren geschlafen hatte. Es war das Zimmer im Erdgeschoss, in dem Glenna ursprünglich gelebt hatte. Als Dorothy immer schlechter zu Fuß wurde, hatte sie Glenna angeboten, die Wohnung im obersten Stock zu übernehmen und stattdessen in das Zimmer zu ziehen.

Sie deponierte die Laken auf dem Bett und öffnete das Fenster. Auch wenn Dorothys Körper erst am nächsten Tag hergebracht würde und ihre Seele bis dahin hoffentlich schon von der Welt gegangen war, wollte Glenna sich an die üblichen Bräuche zur Totenwache halten. Traditionen, die für die meisten heutzutage auf Aberglauben fußten, aber Glenna war das egal. Teilweise wusste sie es besser, teilweise wollte sie schlichtweg das Risiko nicht eingehen.

Dazu gehörte das geöffnete Fenster, damit die Seele nach dem Abschied seiner Liebsten entschwinden konnte.

Noch waren es fünf Tage bis zu Samhain, aber Glenna spürte, wie die Grenze zwischen den Welten dünner wurde. Glücklicherweise hatten sie noch keinen vom Feenvolk gesehen, das hieß aber nicht, dass sich nicht schon die ersten über die Grenze schlichen und ihr Unheil trieben.

›Bonnie‹ Jamies Stimme klang wieder ruhiger, aber Glenna wollte nichts hören.

»Es ist meine Entscheidung und es bleibt dabei.«

›Natürlich ist es das. Aber glaubst du nicht, dass du vielleicht etwas überreagierst? Die Trauer …‹

»Es ist nicht die Trauer«, sagte sie bestimmt, nahm die Batterien aus der Wanduhr und stellte sie auf die Zeit ein, wo Dorothy nach Aussagen des Arztes dahingeschieden war. »Ich habe ganz einfach alles getan und alles gesehen, was es da draußen für mich gibt.«

Glennas eigene Uhr lief seit 1923 nicht mehr richtig. Ab und zu ging sie schneller, ab und zu langsamer.

Während der zehn Jahre in Paris war ihr keine Falte gekommen, kein graues Haar hatte ihre rote Mähne getrübt. Auch die Dekade später nicht, als sie Paris verlassen und begonnen hatte, die Welt zu bereisen, gemeinsam mit Létoile und Gabriel.

Die Magie war dafür verantwortlich, das wusste sie.

Sie riss den Blick von der Uhr los und entfaltete die Laken.

Die Magie war dafür verantwortlich, dass Glenna nicht wusste, wann ihre Uhr stehen bleiben würde.

»Denkst du, ich bin unsterblich, Jamie?«, fragte sie, als sie das erste Tuch über den Spiegel an der Wand hing.

›Du weißt, dass ich dir das nicht sagen kann.‹

Niemand konnte es ihr sagen. Sie hatte jeden gefragt, der ihr auf ihren Reisen begegnet war. Jede Mischkreatur, jeden Kobold, Schamanen, Hellseher und jede Hexe.

Es gab nur jemanden, der ihr die Frage möglicherweise beantworten konnte. Der Púca, der ihr sie überhaupt zu dem gemacht hatte, was sie war.

Als die Tücher über allen spiegelnden Flächen hingen, trat Glenna wieder ans Fenster.

Für eine Weile beobachtete sie die Menschen, die gerade in ihren Feierabend entlassen worden waren. Einige von ihnen grüßten sie und Glenna erwiderte die Geste mit einem Nicken.

Sie alle würden morgen Abend früher oder später hier aufkreuzen, um sich zu betrinken und sich Geschichten über Dorothy auszutauschen. Einige würden wehklagen, andere würden lachen und tanzen.

Was würde man sich für Geschichten erzählen an der Totenwache von Glenna? Niemand hier kannte sie wirklich. Ihre Vergangenheit, die so viel weiter zurückreichte, als sie sich denken konnten. In ihrer Todesanzeige würde stehen ›Glenna Alexander, 05.09.1900 – wannauchimmer‹ und die Leute würden sich über das Geburtsdatum wundern. Vielleicht würde sich aber auch niemand die Mühe machen, nach Glennas Dokumenten zu suchen und sie würden das Datum nehmen, welches sie hier immer angab, wenn es um ihren Geburtstag ging. In den dreißig Jahren, während sie hier lebte, hatte sie noch nie jemand nach ihrem Ausweis gefragt. Zugegeben hatten ihre Fähigkeiten da eventuell mitgespielt.

Sie wandte sich vom Fenster ab, um die restlichen Laken wieder zusammenzulegen.

»Ich glaube, ich möchte sterben«, sagte sie ohne viel Pathos.

›Schwachsinn‹, sagte Jamie, aber seine Stimme schwankte.

»Nein«, sagte sie. »Alle, die ich jemals liebte, sind tot, Jamie. Ich bin es müde, immer zu überleben.«

Sie erschrak schon gar nicht mehr, als sie das Flattern von Flügeln hörte.

›Dann höre auf zu überleben und beginne wieder damit, zu leben, Bonnie. Wie früher.‹ Jamie klang beinahe etwas weinerlich.

Glenna schüttelte den Kopf und drehte sich zur Krähe um. Sie war gewachsen seit dem Tag zuvor und hatte nun vielmehr die Größe eines Adlers.

»Das Viech wird immer größer, Jamie. Mit jedem Mal. Irgendwann wird es mich immerwährend überschatten und auf das habe ich keine Lust.«

›Was willst du damit sagen?‹

Glenna reckte die Schultern und machte einen festen Schritt auf die Krähe zu, die sie nicht aus den Augen ließ.

»Alte Menschen können Einfluss darauf nehmen, wann sie sterben. Das sagt man doch so, oder?«

›Bonnie…‹

»Vielleicht kann ich einfach einschlafen und weg bin ich.«

›Bonnie, du machst mir Angst.‹

Sie fasste nach einem Kissen, dass sie auf einen der Stühle gelegt hatte und schwang es in Richtung der Krähe.

»Kusch«, sagte sie bestimmt und die Krähe tänzelte etwas zur Seite, klackerte aber bedrohlich mit dem Schnabel.

»Ich werde mir schon nichts antun, Jamie«, sagte sie.

Die Krähe stellte ihre Federn auf, doch Bonnie wich nicht von ihr zurück.

›Das ist also dein Plan? Die Entscheidung fassen, dass du sterben willst?‹

Sie schwenkte das Kissen erneut in die Richtung der Krähe und diese stob tatsächlich davon.

»Die Magie sorgt dafür, dass ich so lange lebe«, sagte sie, während sie dem Vogel nachblickte. »Vielleicht genügt es, dass ich sie nicht mehr verwende. Vielleicht altere ich dann wie ein Normalsterblicher.«

Jamie seufzte, erwiderte aber nichts mehr. Und wie immer sagte er damit mehr, als er es mit Worten könnte.


Interessante Lektüre und Infos zum Kapitel:

Vorschau auf das Kapitel „Schlechte Gewissen“ von nächster Woche:

»Wie wohl?«, kicherte er. »Reingeschlichen bin ich. Unter deiner Nase.«

Zur Kapitelübersicht

Series Navigation<< 8. Kapitel – Alte Opfer10. Kapitel – Schlechte Gewissen >>
9. Kapitel – Flüssiges Gold
Markiert in:         

Hinterlasse einen Kommentar

avatar
  Abonnieren  
Benachrichtige mich bei