Leseprobe Maschinentod

Achtung! Das ist der 3. Teil der Maschinen-Trilogie. Zur Leseprobe von Teil 1 geht es hier lang: Leseprobe Maschinenwahn

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Kapitel 1

Mit Hochgeschwindigkeit rauschte Sam über etwas, das ihn an eine stark befahrene Straße erinnerte. Farbige Lichter zogen in verschmierten Bahnen unter ihm hinweg. Dann kam alles um ihn herum zu einem abrupten Halt und Schwärze umfasste ihn. Für einen Moment schwankte er, bis sich das Brummen in seinem Kopf legte und er tief durchatmen konnte.

»Ist das jedes Mal so ein Zirkus?«, murmelte er und strich sich über den kahlen Schädel.

Ein Schein legte sich von hinten über ihn. Als Sam sich umdrehte, pfiff er durch die Zähne. Inmitten der Dunkelheit schwebte eine Tür. Eine nackte, abgeschabte Stahltür ohne dazugehörendes Gebäude. Darüber stand in neongrüner Schrift: Electric Cat

Neben der Schrift befand sich das Abbild eines grinsenden Katzenkopfes mit einem geöffneten und einem ausgekreuzten Auge, deren unruhiges Blinken sich stetig abwechselte.

Es erinnerte Sam an die Tätowierung, die Han-jae auf seinen Fingerknöcheln trug. Bevor er die Hand an den Türknauf legte, blickte er noch einmal an sich herab.

Er hatte sich zuerst überlegt, sich einen völlig zufälligen Avatar generieren zu lassen, hielt es dann aber für besser, sein Gesicht beizubehalten. Wer auch immer ihn in dem Schuppen treffen wollte, musste ihn erkennen können.

»Crunch.«

Er verscheuchte den Gedanken. Crunch war tot. Und auch wenn der unbekannte Absender der Nachricht in HALCom ihn Sammy-Boy genannt hatte, wie es nur sein alter Freund getan hatte, hieß das noch gar nichts.

Er strich den bordeauxroten Frack glatt, zupfte die passende Weste zurecht und richtete die venezianische Maske auf seiner Nase. Nichts davon wäre nötig gewesen. Auch wenn der Ritt durch den Cyberspace ruppig gewesen war, so sah man dies seinem Avatar in keiner Weise an.

Er legte die Hand auf den Knauf und drehte.

Er bewegte sich nicht.

Sam drehte mit mehr Kraft und drückte dabei gegen die Tür. Ohne Erfolg.

»Na toll.«

Es genügte nicht, dass er sich mit jemandem traf, von dem er nicht wusste, was er zu erwarten hatte. Nein, es musste auch noch an einem Ort im Cyberspace sein, wo er nur mit einem aufgemotzten ConnectGear hinkam, einen Avatar brauchte und wo offenbar Regeln vorherrschten, die er nicht kannte.

Er machte einen Schritt zurück und betrachtete die Tür, als wäre sie seine persönliche Nemesis.

Auf einmal strich eine kleine Gestalt um den Türrahmen. Die Siamkatze setzte sich mitten vor die Tür und blickte Sam aus leuchtend blauen Augen an. Falsch, es war nur ein Auge, das andere hatte sie verloren. Abgesehen davon war es die gepflegteste Katze mit dem glänzendsten Fell, die Sam je gesehen hatte. Sie trug sogar eine passende hellblaue Fliege.

Für einen Moment starrten sich die beiden an.

»Bist du ein Avatar?«, fragte Sam zögerlich.

Die Katze legte den Kopf schräg und Sam hatte das Gefühl, vermessen und bewertet zu werden.

Wenn die Katze nicht der Avatar eines anderen eingeloggten Menschen war, so musste es sich um ein Computerprogramm handeln. Vielleicht eine Art Wächter des Electric Cat?

»Ich habe eine Einladung«, versuchte es Sam. »Würdest du mich reinlassen?«

Nun erhob sich die Katze, machte ein paar elegante Schritte vorwärts und setzte sich direkt vor Sams Füßen wieder hin. Erwartungsvoll sah sie an ihm hinauf.

»Was denn?«, fragte er und ging in die Knie. »Streicheleinheiten?«

Die einzigen Katzen, die Sam kannte, waren Streuner, die auf der Straße lebten. Keine davon hatte sich je anfassen lassen wollen und Sam hatte nie das Verlangen gespürt, sich bei ihnen etwas einzufangen. Von einer digitalen Katze wäre aber kaum so etwas wie ein Biss zu befürchten, oder?

Er streckte die Hand aus, aber das Tier wich aus. Im nächsten Augenblick schnellte die Pfote hervor und wischte Sam mit einem krallenlosen Schlag die Maske vom Gesicht.

Vor Schreck zuckte Sam zurück und starrte verdattert auf die rote Maske, die nun neben ihm in der Leere schwebte.

Die Katze gab ein zufriedenes Mauzen von sich und wandte sich um. Kurz flackerte der Vierbeiner auf und verschwand. Dann öffnete sich die Tür.

Sam hatte keine Ahnung, wie, aber offenbar hatte er den Test bestanden. Er pflückte die Maske aus dem Nichts, setzte sie jedoch nicht auf. Er trat durch die Tür und materialisierte sich inmitten eines düsteren Raumes. Im Gegensatz zu der absoluten Stille, die vorher geherrscht hatte, dröhnten hier das Stimmengewirr und der Bass der Musik geradezu in seinen Ohren. Die Luft schmeckte abgestanden und schwer und ein leichter Nebel hüllte alles ein.

Sam drehte sich um sich selbst, doch in keiner Richtung erkannte er die Tür, durch die er soeben getreten war. Stattdessen standen lauter Tische um ihn herum. Einige davon waren Stehtische aus deren Mitte Kabel ragten, welche gewisse Besucher mit dem ConnectGear ihres Avatars verbunden hatten. An den Wänden standen Sofas, und in einer Ecke befand sich eine altmodische Bar mit aufgereihten Flaschen hinter der Theke.

Sam brauchte einen Moment, bis er all das aufgenommen hatte und sich auf die Besucher konzentrieren konnte.

Die Bar war gut besucht, andererseits war sie auch nicht sonderlich groß. Sie bot Platz für vielleicht dreißig Leute, wenn sie dicht gedrängt standen. An den Tischen saß eine bunte Mischung von Avataren. Einige ähnelten wohl ihrem realen Ego, bei anderen fiel es Sam eher schwer, sich dies vorzustellen. Auf einem der Sofas räkelte sich das Ebenbild von Marilyn Monroe, an einem der Tische hockte eine Person mit einem Stierkopf, und eines der Kabel an den Stehtischen verschwand in einer undefinierten glitzernden Schleimkugel. Die meisten Besucher waren zumindest humanoid, aber bunt waren sie alle. Sam fiel in keiner Weise aus dem Raster mit seinem roten Frack.

Unschlüssig steuerte er fürs Erste die Bar an. Gerade materialisierte sich die Siamkatze auf dem Tresen. Die elektronische Musik setzte aus und wurde von schwerem Jazz abgelöst.

Ein empörtes Raunen ging durch die Menge und jemand schmiss sein Glas in Richtung der Katze. Diese flackerte kurz auf und das Glas krachte gegen die rückwärtige Wand.

Hinter der Theke warf ein Mann die Arme in die Höhe und hastete zu einer alten Jukebox aus dem letzten Jahrhundert hinüber. Kaum wechselte die Musik wieder zum Altbekannten, sträubte die Katze ihr Fell und fauchte. Dann fügte sie sich dem Schicksal und rollte sich an Ort und Stelle zusammen.

Sam beäugte das Tier misstrauisch, als er an den Tresen trat.

»Sorry dafür«, sagte der Mann hinter der Bar mit einem dicken russischen Akzent. »Keine Ahnung, wie er das jedes Mal wieder schafft.«

Der Mann grinste breit. Inmitten seiner krausen dunklen Haare steckte eine alte Fliegerbrille, und er trug eine abgewetzte Lederweste über einem Hemd mit hochgekrempelten Ärmeln. Sein linker Arm war eine rustikale, mechanische Prothese und sein Körper von altmodischem Gear übersät, von dem Sam nicht einmal erahnte, wozu es dienen sollte.

»Was gibt’s?«, fragte der Mann.

Sam ließ den Blick über die Flaschen wandern und fragte sich, ob er den Alkohol hier im Cyberspace überhaupt spüren würde. Vermutlich schon. Für so etwas brauchte es ein Advanced ConnectGear, um sich hierhin zu verbinden.

»Eine Cola.«

Der Barkeeper nickte und füllte ihm ein Glas aus dem ersten Zapfhahn. Das Getränk verströmte einen seltsam vertrauten Duft. Es war nicht die Art Cola, die er gewohnt war, weder vom Geruch noch von der Farbe her. Erst als er einen Schluck genommen hatte, überkam ihn auf einmal die Erinnerung an Crunch und daran, was dieser immer in seinem kleinen Kühlschrank aufbewahrt hatte. Irgendwas Aufputschendes mit einer Menge Elektrolyten.

Sam schob die Wehmut von sich und nahm einen großen Schluck.

»Du bist neu hier«, sagte der Barkeeper.

Er hatte die Arme auf dem Tresen verschränkt und musterte Sam. Vielleicht wäre es doch besser gewesen, die Maske aufzubehalten. Zumindest so lange, bis er sich einen Überblick über die Lage verschafft hatte.

»So offensichtlich, hm?«

Der Barkeeper winkte ab. »Ich kenn meine Leute.« Er streckte die mechanische Hand aus. »Rasko.«

Sam erfasste sie. »Sam.«

Die Katze ließ ein lautes Miauen hören. Mit ihrem einen Auge blickte sie zu ihnen herüber.

»Ah«, sagte Rasko und seine Miene erhellte sich. »Sam. Sammy Meyer. Alles klar.«

Sams Körper spannte sich. »Dann hast du mich angeschrieben?«

Erneut winkte Rasko ab. »Njet, das hat Mister Pat da drüben übernommen.«

Sam blickte überrascht zu der Katze hinüber, die das Auge wieder geschlossen hatte.

»Mister Pat? Er ist ein Avatar?«

»Meine Güte, nein. Das wäre ja was, wenn hinter dem Spinner ein echter Mensch sitzen würde.« Rasko lachte. »Er ist ein Virus.«

Wie aufs Stichwort sprang Mister Pat auf und landete mit einem Fauchen zwischen Sam und dem Barkeeper auf dem Tresen. Dann setzte er sich hin, leckte sich über die Pfote und strich sich das Fell glatt.

»Ich bin kein Virus«, sagte die Katze mit dem tiefsten Bass, den Sam je gehört hatte.

Mit aufgerissenen Augen starrte er auf das sprechende Tier.

»Ich bin ein Intrusionsprogramm erster Klasse. Mit hervorragendem Stammbaum, wohlgemerkt.«

»Ja ja«, sagte Rasko und fuhr der Katze entgegen dem Fellverlauf über den Körper, wobei er sich einen Hieb mit der Tatze einfing. »Aber ich hab dich geschrieben, Mister. Also nenne ich dich, wie ich will.«

 Sam drehte sein Glas in den Händen. »Hast du etwas weniger Starkes? Ich glaub, das Zeug vertrage ich nicht.«

Rasko lachte laut. »Ich mag dich, Junge. Du treibst dich nicht oft als Avatar im Cyberspace rum, was?«

»Das erste Mal«, gestand Sam.

»Hat Crunch so erzählt.«

Sam stellte das Glas geräuschvoll ab. »Du kanntest Crunch?«

Rasko nickte in Richtung einer Tür neben der Jukebox. »Ich zeig dir was.«

Sam ging um den Tresen herum und folgte Rasko durch die Tür.

Dahinter hatte Sam entweder eine Abstellkammer oder aber einen abgetrennten Schankraum erwartet. Nicht jedoch einen apokalyptischen Hinterhof.

Sie standen unter einem freien Himmel, an dem sich grellblaue und dumpf-grüne Wolken kräuselten. Ab und zu zuckte in der Ferne ein roter Blitz auf. Der Boden war versengt, gleichzeitig überwuchert von schwach lumineszierenden Ranken.

»Was ist das für ein Ort?«, fragte Sam.

»Old Spices Domäne«, sagte Rasko. »Er hat einen Sinn fürs Dramatische.«

Sam ließ den Blick schweifen und blieb an einer Figur in der Nähe hängen.

»Crunch«, keuchte Sam und lief auf seinen Freund zu.

»Warte!«, rief Rasko ihm hinterher, doch Sam dachte nicht daran.

Die ferne Figur kam schnell näher. Physik schien im Cyberspace keinen Regeln zu folgen.

»Crunch!«, rief er im Laufen, doch der Hacker reagierte nicht.

Erst als Sam bis auf einige Schritte an ihn herangekommen war, erkannte er, weshalb. Es traf ihn wie eine Faust in den Magen.

Es war nicht Crunch. Es war nur sein Abbild. Eine Statue, eingefroren in einer absurden Position. Sie stand breitbeinig da, die eine Hand ausgestreckt und mit einem überraschten Ausdruck auf dem Gesicht.

»Sorry«, sagte Rasko, als er ihn eingeholt hatte. »Wollte dich vorwarnen, aber da warst du schon weg.«

Sams Kehle zog sich zusammen. Erst jetzt begriff er auch, was ihm hätte zeigen sollen, dass es sich nicht um Crunch handelte. Die Figur vor ihm trug einen eleganten Anzug und ihre Haut war noch eine Spur dunkler, als es die von Crunch gewesen war.

»Warum wirkt er so … eingefallen?«, fragte Sam.

Crunch war immer dünner gewesen, als es gesund sein konnte, aber das Abbild hier war geradezu mager.

Rasko kratzte sich am Dreitagebart. »Wir kennen ihn nicht anders.« Er warf Sam einen forschenden Blick zu. »Dass du ihn erkannt hast, heißt wohl, dass sein Avatar sich nicht allzu stark von seinem echten Körper unterscheidet, wie?« Er schnaubte amüsiert.

»Sieht ihm ähnlich, dem Spinner«, erklang eine tiefe Stimme.

Neben sie trat ein Mann, der mindestens drei Köpfe größer war als Sam und sicher doppelt so breit. Seine blonden Haare ähnelten einem Topfschnitt mit Fransen, und obenherum trug er nur eine Jeansweste auf nacktem Oberkörper.

»Old Spice«, erklärte Rasko.

Der Muskelmann streckte Sam die Hand entgegen. »Sammy-Boy, schätze ich?«

Sam nickte zu dem Abbild von Crunch. »Das ist also sein Avatar?«

»Ja«, seufzte Old Spice. »Eines Tages ist er in Raskos Bar aufgetaucht, hat deinen Namen geschrien und ist daraufhin eingefroren. Hat keinen Mucks mehr gemacht.«

Ein Stich fuhr Sam durchs Herz. Er wusste genau, wann das gewesen sein musste. Damals, als sich Crunch in das System von Roth Industries gehackt hatte, um ihn aus dem Prime Tower zu befreien.

»Wisst ihr, was passiert ist?«

Old Spice zögerte. »So ungefähr. Rasko?«

Der Russe strich sich wieder durch den Bart. »Ich denke, er ist okay. Wir haben nicht so lange nach ihm gesucht, um jetzt einen Rückzieher zu machen.«

»Einen Rückzieher wovon?«, wollte Sam wissen.

»Erklären wir dir, wenn die anderen da sind. Rasko, besorgst du uns einen Space?«

»Schon erledigt.«

Eine Tür erschien auf einmal vor ihnen und Rasko trat hindurch. Old Spice ließ Sam den Vortritt, der nach einem letzten bedauernden Blick auf Crunchs Avatar Rasko folgte.

Die Tür führte dieses Mal in einen abgetrennten Schankraum im selben Stil wie der Rest des Electric Cat mit einem runden Tisch in der Mitte. Daran saß bereits eine groß gewachsene Frau mit neonblauem schulterlangem Haar und leuchtend grünen Augen. Sie hatte etwas alienartiges an sich.

»Vortex«, begrüßte Rasko sie und die Ankömmlinge setzten sich an den Tisch.

»Hey«, sagte Vortex mit einer schnarrenden, synthetischen Stimme und ließ Sam nicht aus den Augen. »Du bist also Sammy-Boy?«

»Sam«, insistierte er.

»Klar. Wo bleib NULL?«

»Wie immer zu spät«, murrte Old Spice.

Bei den Worten landete etwas Kleines auf Old Spices Kopf. Er schrie erschrocken auf, fasste sich in die Haare und zupfte das Etwas heraus.

Ein knallgelbes Äffchen zappelte in seinen Pranken und streckte ihm die Zunge heraus. Auf dem Rücken des Affen war eine grüne Doppelhelix ins Fell gezeichnet.

Old Spice setzte den Affen in der Mitte des Tisches ab, wo dieser hocken blieb.

»Zu spät, dass ich nicht lache. Ich warte schon seit Ewigkeiten hier«, fiepte das Äffchen.

»Ich hab Sammy hier noch kurz Crunch gezeigt. Dass er auch weiß, wo wir stehen«, erklärte Rasko.

»Aha.« Das Äffchen blickte Sam schräg an. »Mein Beileid. Du warst ein guter Kumpel von unserem Crunch.«

Sam rieb sich die Stirn. »Könnt ihr mir erklären, was hier läuft?«

»Klar«, sagte Old Spice, blickte dann aber erwartungsvoll zu Rasko.

Dieser seufzte. »Ich schätze, du weißt, was es bedeutet, wenn ein Avatar einfriert, oder?«

»Du meinst, ob ich weiß, dass Crunch tot ist? Ja, ich hab ihn kurz darauf gefunden.«

Das Äffchen blickte mitleidig drein.

»Das haben wir befürchtet«, sagte Vortex. »Eingefrorene Avatare kennen wir von Leuten, die abnibbeln, während sie eingeloggt sind. Auch hier im Electric Cat

»Normalerweise verblassen sie aber nach und nach, wenn die Memory neu geschrieben wird. Aber Crunch ist persistent«, fügte Rasko hinzu. »Das ist neu.«

»Irgendwie haben sich seine Daten in den Code des Electric Cat gebrannt. Wir konnten ihn in meinen privaten Space verschieben, aber verschwinden tut er nicht«, sagte Old Spice.

Sam hörte zu, während sich in seinem Innern der letzte Hoffnungsschimmer auflöste. Er hatte gewusst, dass Crunch tot war. Aber seit der Nachricht, die an ›Sammy-Boy‹ gerichtet war, hatte er sich an eine vage Hoffnung geklammert.

»Irgendwas an seinem Tod ist anders«, sagte Rasko.

»Leute«, unterbrach ihn Sam. Er blickte in die Runde und hoffte, nicht allzu verloren dreinzusehen. »Tut mir leid, wenn ich frage, aber … wer in aller Welt seid ihr überhaupt?«

Stille legte sich über die Runde und sie warfen sich überraschte Blicke zu. Dann lehnte sich Vortex zu ihm hinüber. »Wir sind Crunchs Crew. Seine Leute. Er war einer von uns.«

 »Und was heißt das genau?«

Old Spice reckte das Kinn. »Er hat dir nie von uns erzählt?«

Sam schüttelte den Kopf. »Er hat das Electric Cat erwähnt.«

Rasko schnaubte und lehnte sich mit überschlagenen Armen zurück. »So ein Dreckskerl. Kann kaum aufhören, von Sammy zu labern, aber verliert ihm gegenüber kein Sterbenswort über uns.«

»Regt euch ab«, beschwichtigte Vortex. »Die beiden hatten bestimmt anderes zu reden.«

Es war, als würde erneut ein Dolch durch Sams Herz fahren. Kurz nachdem Crunch gestorben war, hatte Sam bemerkt, dass der Hacker von sich aus nur wenig erzählt hatte. Meistens war es Sam gewesen, der sein Leid geklagt hatte.

»Wir haben uns im Electric Cat kennengelernt«, führte Vortex aus. »Seither haben wir gemeinsam ein paar Dinge durchgezogen. Wenn jemand von uns an was dran war und es alleine nicht stemmen konnte, hat er die anderen an Bord geholt.«

»So ist Crunch auch an seine Süße gekommen«, sagte Old Spice mit einem Augenzwinkern.

»Boobie?«, fragte Sam.

NULL verzog das Affengesicht. »Ich dachte, er macht Witze, als er sie so nennen wollte.«

»Wie auch immer. Wenn Crunch angehängt und nicht am Arbeiten war, hing er mit uns ab«, schloss Vortex den Exkurs. »Das sind wir. Seine Kumpels aus Einsen und Nullen.«

»Okay«, meinte Sam. »Und ihr habt mich angeschrieben, weil …?«

»Wir suchen dich schon ’ne ganze Weile, Sammy«, sagte Rasko. »Aber du bist kurz nach Crunchs Tod von der Bildfläche verschwunden.«

»Ich war … unterwegs«, meinte er unpräzise.

»Ja, mit diesen No-HAL-Leuten«, sagte NULL.

Sam wollte etwas erwidern, dann winkte er jedoch ab. Wenn sie gleich drauf waren wie Crunch, brauchte er nicht zu fragen, woher sie das wussten.

»Mister Pat ist an dir dran geblieben. Er streift querbeet durchs Netz und steckt seine Nase in alles, was ihn nichts angeht«, sagte Rasko mit einem Grinsen. »Auf einmal tauchte da dein Name auf in diesem HALCom-Programm.«

»Okay, ihr habt mich gesucht und gefunden. Aber warum?«

Die vier tauschten vielsagende Blicke. Dann seufzte Old Spice. »Wir wollen rausfinden, was Crunch zugestoßen ist. Irgendwas an der Sache ist seltsam und du bist unsere einzige Spur.«

NULL umfasste seinen – oder ihren? – Schwanz und zupfte daran herum. »Wir gehen davon aus, dass Crunch dir seinen Schatz überlassen hat.«

Sam blinzelte. »Seinen Schatz?«

»Seinen Loot. Seinen Stash«, warf Old Spice wenig hilfreich ein.

»Seine Daten, Herrgott noch mal«, fuhr Vortex dazwischen. »Jeder von uns hat eine Ansammlung von Daten, die er oder sie nach dem Tod irgendwohin schickt. Zur Absicherung.«

»Oh«, machte Sam. Crunch hatte diese Daten tatsächlich an Sam weitergeschickt. »Und ihr glaubt, dass ihr anhand der Daten herausfindet, wer ihn getötet hat?«

»Eher was. Aber ja«, antwortete Rasko.

Sam verzog verbittert das Gesicht. »Das kann ich euch auch so sagen. Roth Industries.«

»Eine Technologiefirma aus Zürich«, murmelte Old Spice und blinzelte mehrmals, während er die Infos las, die virtuell nur vor seinen eigenen Augen auftauchten.

Sam nickte. »Crunch hat sich in ihr System gehackt und …« Seine Kehle zog sich schmerzhaft zusammen.

»Und?«

»Und irgendwas hat ihm das Gehirn gebraten«, brachte Sam hervor. »Mehr weiß ich auch nicht.«

»Du meinst, etwas im System von Roth Industries hat ihn getötet? Während er angehängt war?«

Sam hob die Schultern. »Ich schätze, ja.«

Blicke wurden ausgetauscht, doch dieses Mal las Sam Besorgnis in ihnen.

»Dann ist es wahr?«, flüsterte Vortex.

»Was?«, fragte Sam alarmiert. »Was ist wahr?«

Rasko schnalzte mit der Zunge. »Die Geschichten, die man sich erzählt. Wir hielten es für Schauermärchen.«

NULL schob den Affenkörper näher an Sam heran. »Du bist dir ganz sicher, dass es das ist, was geschehen ist?«

»Ich hab die Logfiles gesehen.« Sam atmete tief durch. »Und dasselbe ist später vermutlich noch einmal passiert mit jemandem, den ich kenne.«

»Vermutlich?«, fragte Rasko.

»Ich hatte damals eine Vermutung, weil es ähnlich wirkte wie bei Crunch. Aber ich war mir nicht sicher. Er hat es überlebt.«

»Überlebt?«, sagte Old Spice interessiert. »Wie?«

»Wer war das? Können wir mit ihm reden?«, fragte Vortex, während NULL einmal aufgeregt im Kreis herumsprang.

Sam hob beschwichtigend die Hände. »Sorry, Leute.« Er schluckte schwer. »Er … Inzwischen ist er tot.«

Rasko pfiff durch die Zähne. »Echt eine Achterbahnfahrt mit dir.«

»Zu viele Hacker, die in deiner Gegenwart sterben, Mann«, fügte Old Spice hinzu, knuffte ihn aber freundschaftlich in die Seite.

Sam verzog das Gesicht zu einem gequälten Lächeln.

Crunch und Mischa. Beide hatten sich also mit derselben Firewall – oder worum es sich auch immer handelte – in die Haare gekriegt. Anscheinend nicht als Einzige.

»Glaubt ihr, es gibt einen Zusammenhang zwischen diesen Geschichten?«, fragte er zögerlich.

Rasko hob die Schultern. »Vielleicht. Gut möglich, dass jemand herausgefunden hat, wie man Hacker über das Netz röstet und andere nach und nach den Trick abgeschaut haben.«

»Du hast etwas von Logfiles gesagt?«, fragte Vortex. »Wenn die auch in Crunchs Schatz sind, können wir vielleicht mehr rausfinden.«

»Spannender wären die Logfiles desjenigen, der überlebt hat. Du warst nicht zufälligerweise auch sein Confidant?«

Die Welt drehte sich um Sam. So langsam wurde ihm das Gespräch zu viel.

»Falls er so etwas wie einen ›Confidant‹ hatte, dann ist dieser auch tot.«

Mischa hätte solche Daten niemand anderem als C anvertraut. Und es war unrealistisch, dass Mischa daran gedacht hatte, dies zu ändern, nach dem Angriff der Bogatyr auf No-HAL.

»Schade«, sagte NULL.

Sam wollte ihnen helfen. Immerhin ging es hier um Crunch, verdammt noch mal! Aber Mischa zum Leben zu erwecken, war etwas, das er nicht auf die Reihe kriegte.

Ein Fleck in der Mitte des Tisches flackerte auf und die Gestalt von Mister Pat materialisierte sich.

Die Katze fasste sofort das Äffchen in den Blick, woraufhin NULL sich auf Old Spices Schulter schwang und sich in dessen blonder Haarpracht versteckte.

»Es gibt eine Schlägerei. Ich weiß, dass dich das interessiert«, sprach der Kater zu Rasko und verschwand daraufhin wieder.

Old Spice rieb die Hände. »Fein. Etwas Aufmunterung wird uns gut tun.«

Rasko schnippte mit dem Finger und der Raum um sie herum verschwamm. Im nächsten Augenblick klärte sich die Umgebung und der runde Tisch befand sich auf einmal inmitten des öffentlichen Schankraums des Electric Cat.

Geschrei drang an Sams Ohren und er hatte Mühe, sich zu orientieren. Rasko und seine Leute waren von ihren Stühlen aufgesprungen und drängten sich durch die Meute. Sam folgte ihnen. In der ersten Reihe der Schaulustigen sah er, dass sich die Leute zu einem Kreis formiert hatten, in dessen Mitte sich zwei Gestalten gegenüberstanden. Die eine sah aus wie ein mittelalterlicher Krieger, schwer bewaffnet mit Axt und Schild, die andere war ein kleines Mädchen mit schwarzen Zöpfen in einem schwarzen Kleid und mit bleicher Haut.

»Was wird das?«, fragte Sam.

»Eine Schlägerei«, erklärte Old Spice neben ihm. »Endlich mal wieder. «

Sam wies auf die beiden Kontrahenten. »Ich nehme an, die Sache ist ausgeglichener, als es den Anschein macht?«

Rasko neben ihm lachte laut auf. »So ausgeglichen, wie es nur sein kann, Sammy.«

Vortex legte ihm von hinten die Hand auf die Schuler und beugte sich zu ihm herab. »Hier geht es nicht um Muskelmasse. Nur um Skills.«

»Es ist ein Hacker-Duell. Eine von Raskos kleinen Spielereien«, fiepte das Äffchen, das auf einmal auf seiner Schulter saß.

Der Krieger hob die Axt und stürmte auf das Mädchen los. Kaum hatte er den ersten Angriff geführt, blinkte auf einmal eine Zeile über ihnen auf. Sam verstand die Worte nicht und sofort waren sie wieder verblasst, aber ein Raunen ging durch die Menge.

»Stell es dir vor wie eine Art Capture the Flag. Oder eine Belagerung. Zwei Hacker fordern einander zum Duell heraus. Einer verteidigt seine Systeme, der andere attackiert. Oder sie kämpfen um dasselbe gesicherte Token.« Rasko deutete auf die Schrift, die immer wieder aufblinkte. »Wir sehen, worauf ihre Attacken oder die Verteidigung basieren. Meine Simulation übersetzt das in visuelle Attacken, sodass das Ganze das Flair eines Arenakampfes kriegt. Nicht übel, was?«

Sam verstand nur die Hälfte.

Das Mädchen war dem Axtangriff elegant ausgewichen und hielt jetzt einen Schild aus Feuer in den Händen.

Sam spürte die Hitze auf seinem Gesicht und wollte zurückweichen, doch Vortex drängte sich von hinten gegen ihn. Es folgte ein rasanter Schlagabtausch, immer begleitet von Erläuterungen in Maschinencode oder durch abstrakte Symbole. Das Publikum schien genau verfolgen zu können, was vor sich ging, doch Sam konzentrierte sich nur auf die visuelle Darstellung.

Zu Beginn behielt der Krieger die Oberhand, aber dem Mädchen gelang es immer wieder, seine Angriffe abzuwehren. Nach einer Weile bemerkte Sam, wie eine zuerst kaum sichtbare Wand aus flimmerndem Licht sich um das Kind aufbaute. Nach und nach nahm diese mehr Substanz an und die Angriffe des Kriegers wurden immer nutzloser dagegen. Er führe einen gewaltigen Hieb gegen sein Ziel und auf einmal war der gesamte Schankraum erfüllt von grellem Licht.

Geschrei und Jubel dröhnten in Sams Ohren, bevor er das Augenlicht zurückerlangte. Der Krieger war verschwunden, das Mädchen stand mit zerzausten Haaren inmitten der Gesellschaft, und Raskos Lachen schallte dumpf zu Sam herüber. Das Gedränge wurde immer dichter und Sam ertrug das Geschrei nicht länger.

»Ich hau ab«, sagte er zu niemand Bestimmtem.

Rasko legte ihm väterlich die Hand auf die Schulter. »Wir hören uns, Sammy.«

Leseprobe: Maschinentod
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