Leseprobe Maschinenschmerz

Achtung! Das ist der 2. Teil der Maschinen-Trilogie. Zur Leseprobe von Teil 1 geht es hier lang: Leseprobe Maschinenwahn

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Kapitel 1

Mit zusammengekniffenen Augen studierte Samuel den Schaltplan der Leiterplatte. Er folgte den eingezeichneten Drähten mit den Fingern und versuchte, aus den Resistoren und Kondensatoren schlau zu werden.

»Na, verstehst du es?«

Schwarzes Haar fiel über seine Stirn und verdeckte ihm die Sicht. Das spitze Kinn, das auf seinem Kopf ruhte, vibrierte angenehm, während seine Besitzerin sprach.

»Hm«, antwortete Sam und teilte die Mähne. Dann fasste er nach hinten und zog die hochgewachsene Frau zu sich in den Schoß.

»Nicht wirklich«, seufzte er und sie lachte.

»Das kommt schon noch, Marc.«

Mit den Worten küsste sie ihn auf die Stirn, wobei sie sein kurzes Zusammenzucken nicht bemerkte. Noch immer hatte er sich nicht an den Namen gewöhnt, unter dem er offiziell in Moskau lebte.

»Ich bin nicht so talentiert wie du, Darja. Du könntest locker zwei Semester überspringen.«

Sie wiegte den Kopf.

»Vielleicht. Aber dann hätte ich dich nie kennengelernt. Oder Boris.«

Er ließ den Blick über den kleinen Bastelraum schweifen und blieb an dem künstlichen Torso hängen, der in einer Ecke stand. Auf den Tischen verteilt lagen Kabel, Schweiß- und Lötgerät sowie Elektroschrott.

 »Boris lebt ja noch nicht einmal«, sagte er betrübt.

»So ein Projekt braucht nun mal ein Weilchen. Der wird schon.«

»Wenn wir die Zeit hier etwas mehr mit Arbeiten verbringen würden, bestimmt«, stichelte Sam und gab ihr einen kleinen Klaps auf den Hintern.

Bevor er den Mund erneut aufmachen konnte, rutschte sie von ihm herunter.

»Du musst gehen, ich weiß. Wohin heute?«

Unbehagen erfüllte ihn, als er sich auf die Lippen biss. Darja glaubte, er brachte irgendwelchen reichen Kindern Deutsch bei. Obschon er spürte, dass sie seine Lüge mehr als einmal durchschaut hatte, blieb sie nie hartnäckig und Sam dankte ihr dafür.

»Die Mädchen von diesem Banker«, sagte er schließlich. »Die Zwillinge, weißt du?«

Inzwischen hatte er sich ein Arsenal an nicht existierenden Familien zurechtgelegt, deren Kinder er angeblich unterrichtete.

»Aha«, sagte Darja nur und wandte sich den Plänen zu. »Ich habe heute auch nicht viel Zeit. Familiendinner.«

»Oh«, machte Sam und versteifte sich ein wenig.

Auch wenn Darja es nicht aussprach, wusste er, dass sie ihn endlich ihren Eltern vorstellen wollte. Sam war aber alles andere als wohl bei dem Gedanken.

»Vaters Beförderung, du erinnerst dich?«, sprach sie weiter.

Er erinnerte sich. Der Grund, warum er ihren Eltern möglichst fernzubleiben versuchte. Erst kürzlich war ihr Vater zu einem hohen Tier bei der Moskauer Polizei avanciert.

Sam sah sich schlichtweg als ein zu schlechter Schauspieler, als dass er einen Mann wie ihn lange an der Nase herumführen könnte. Also spielte er auf Zeit und zögerte ein Zusammentreffen so lange hinaus wie möglich.

»Ja«, antwortete er schlicht.

»Du weißt, dass du eingeladen wärst«, stellte Darja abschließend fest, doch es war keine Frage, die eine Antwort verlangte.

Sie wusste, dass er nicht kommen würde.

»Die Kinder«, murmelte er entschuldigend und erhob sich, wobei er spürte, dass sie ihn beobachtete. »Ich muss los.«

Als er an ihr vorbei ging, umfasste sie sein Handgelenk und zog ihn zu sich herunter. Sie strich ihm über die Bartstoppeln und seufzte.

»Mein Vater kann ganz schön einschüchternd sein, ich weiß. Aber glaube mir, er würde dich mögen.«

Sam brachte ein unsicheres Lächeln zustande und küsste sie.

»Das sagst du so einfach«, antwortete er und stupste sie auf die Nase. »Keine Angst. Irgendwann stelle ich mich dem großen, bösen Mann.«

Mit den Worten verließ Sam den Bastelkeller und danach das Anwesen durch den Hinterausgang. Auf der Straße bestieg er sein Motorrad und machte sich auf in ein anderes Viertel der Stadt.

Nach einer längeren Fahrt erreichte Sam einen Stadtteil, der im krassen Gegensatz stand zu jenem, den er gerade hinter sich gelassen hatte. In Darjas Wohngegend gab es einzelne Häuser, umgeben von unbebauten, privaten Grundstücken. Das allein sagte genug über den dort herrschenden Wohlstand aus. Jetzt bewegte er sich durch düstere Straßen, deren einzige Beleuchtung von den OLED-Werbeplatten der umstehenden Gebäude stammte. Wenn Menschen zu Fuß unterwegs waren, dann dick eingepackt und die Kapuze tief ins Gesicht gezogen. Sam fuhr vorsichtig in dieser Gegend, denn schon mehr als einmal war ihm ein Junkie im Delirium fast vor das Motorrad gesprungen. Je weiter er fuhr, desto übler erschien das Viertel und bald konnte von einer Straße nicht mehr die Rede sein. Er lenkte das Gefährt durch enge Gassen und Schleichwege, bis er es vor einer alten Industrieanlage zum Stehen brachte. Dort stellte er das Motorrad hinter einer Tarnplane ab, quetschte sich durch die verbogene Tür, die einmal der Eingang für größere Lieferungen gewesen sein musste, und wanderte durch die leer stehenden Hallen. Mit einem Warenlift fuhr er zwei Stockwerke nach unten, wo helles Licht ihn in Empfang nahm.

Schwer ausatmend verließ Sam den Aufzug und betrat die Anlage, die auf den ersten Blick wie geschäftsmäßige Büroräumlichkeiten wirkte. Die Wände waren zwar genauso baufällig wie der Rest des Gebäudes, aber alles andere war neuster Hightech.

Der Raum bot Platz für gut zwanzig Arbeitsplätze, von denen die Hälfte besetzt war. Auf jedem standen Computer, einige neuer aussehend, andere alt und wieder andere wirkten, als unternehme ein Chirurg eine Operation am offenen Herzen. Kabel, verbratene Motherboards und defekte Bildschirme lagen kreuz und quer übereinander in einer Ecke und die Wände waren mit Spruchplakaten in unterschiedlichsten Sprachen vollgeklebt.

Wenn dies ein Büro sein sollte, dann war es ein überaus unordentliches, und die Leute legten eine sehr ungesunde Arbeitshaltung an den Tag.

Sam nahm den Helm ab und strich sich die Fransen seiner mittlerweile gewachsenen Haare aus dem Gesicht.

»Ihr seid Idioten«, mit einem starken französischen Akzent gesprochen, war das Erste, was er hörte, und er seufzte innerlich auf.

Zu seiner Linken stand eine stämmige Frau in einem weißen, verschlissenen Labormantel, auf den Parolen und Patches aufgestickt waren. Die unzähligen dunklen Zöpfchen flogen um ihr von Brandnarben gezeichnetes Gesicht, als sie unwirsch den Kopf schüttelte.

»Halt still«, sagte sie und legte ihre Hände um den Kopf eines schlaksigen Mannes. Oder eher um den unförmigen Helm, der dessen Schädel umgab. Mit einem Ruck löste sich die Kopfbedeckung und gab ein rot angelaufenes Gesicht und zerzauste, schwarze Haare frei.

»Danke, Curie«, keuchte der Mann und nickte etwas überfordert in Richtung Helm in ihren Händen. »Irgendwie krieg ich den Dreh einfach nicht raus. Die alten VR-Linsen mit gekoppelten In-Ears waren ja der letzte Schrei meiner Generation, aber das hier.« Er verzog das Gesicht. »Von dem wird’s mir speiübel.«

»Das Zeug steckt ja auch noch komplett in den Kinderschuhen, Jacob«, knurrte Curie und warf einen wütenden Blick in die hintere Ecke des Raumes, wo eine Gruppe Männer und Frauen sich die Bäuche hielt vor Lachen. »Du solltest aufhören, Versuchskaninchen zu spielen für die Kindsköpfe.«

»Alles klar, Jacob?«, fragte Sam, nachdem er an die beiden herangetreten war.

»Wir sollten es besser wissen, als mit so was rumzuspielen«, meinte Curie, bevor er antworten konnte.

»Die neuronalen Sensoren meinst du?«, fragte Sam und nahm den zusammengeschusterten Helm aus ihren Händen. »Die Jungs und Mädels vertreiben sich doch nur die Zeit damit.«

»Jede Scheißidee war am Anfang mal ein ›Zeitvertreib‹. Irgendwann sind diese Sensoren so weit, uns wirklich Ärger machen zu können.«

Sam schwieg und legte den Helm zur Seite. Curies Meinung in diesen Belangen war unerschütterlich und es brachte nichts, darüber eine Diskussion zu entfachen. Oder vielmehr einen Streit vom Zaun zu brechen.

»Sam!«, erklang es vom anderen Ende des Raumes.

Eine Frau mit halblangem rotem Haar hatte den Kopf aus dem Raum gestreckt, den sie normalerweise für Besprechungen nutzten. Längere Haarsträhnen fielen über eine Klappe, die ihr rechtes Auge bedeckte. Ein künstliches Auge, wie Sam wusste. Perfekt funktionierende Cyberware und nur wenige Jahre alt. Aber Pure tat alles, um es zu verbergen.

Falsch,schalt sich Sam. Melanie, nicht Pure.

Nachdem sie Zürich verlassen hatten, hatte sie ihren Spitznamen abgelegt. Er entsprach ihr nicht mehr, seit Sam ihr die Prothese verpasst hatte.

Sam nutzte die Gelegenheit, um sich aus dem Gespräch zu verabschieden, und durchquerte den Raum.

»Wo warst du jetzt schon wieder den ganzen Abend?«, fragte Melanie und Sam verdrehte die Augen.

»Unterricht. Meine Abendschule?«

Melanie verzog das Gesicht. »Du ziehst du das echt durch, was? Elektrotechnik?«

»Du solltest dir auch eine Beschäftigung suchen, dann ist dir nicht immer so langweilig.« Sam hatte ihre Stimmung sofort an ihrem Tonfall erkannt. Wenn ihr die richtigen Anreize fehlten, ging sie gerne auf Konfrontationskurs.

»Mir ist nicht langweilig. Ich hab ein neues Spiel ausgegraben.« Sie zog ihn in das abgetrennte Zimmer.

»Ein Spiel? Heißt das, ich kann dir nicht mehr beim Schach in den Hintern treten?«, fragte er und versuchte, möglichst aufgesetzt enttäuscht zu klingen.

»Pah«, machte Melanie. »Irgendwann kriege ich dort auch noch den Dreh raus.«

Da standen sie auch schon vor einem Spielbrett mit vergilbten, farbigen Feldern. Daneben lag ein großer Stapel Karten.

»Aha?«, meinte Sam, als er sich auf den Boden setzte. Er legte den Kopf schräg und versuchte, den Titel am Rand des Spielfelds zu lesen. »Trivial Pur…« Er brach ab, als er merkte, dass die Lettern zu abgeschabt waren, um sie zu entziffern.

»Pursuit«, erklärte Melanie und drückte ihm einen Stapel Karten in die Hände. »Curie? Kommst du?«

»Moment«, ertönte die Stimme der Französin von nicht allzu weit entfernt.

Als Sam sich zur Tür des Raumes umdrehte, sah er sie dort stehen, neben einer zierlichen Frau mit giftgrünem Haar. Curie stand ihr näher, als es der persönliche Raum zuließ. Die Grünhaarige lächelte höflich distanziert, als sie sich in ein Gespräch vertieften.

»Sie versucht es immer noch?«, sagte Sam überrascht. »Ich dachte, sie hätte es längst aufgegeben.«

»Curie gibt nicht einfach so auf.«

»Aber Kristyna schreit ihr Desinteresse geradezu heraus. Warum glaubt sie nach wie vor, dass sie sie um den Finger wickeln kann?«

Melanie hob überrascht die Augenbrauen. »Desinteresse?«

»Sieh dir ihre Körpersprache an.« Sam wies in Richtung Kristyna.

Melanie musterte die Tschechin. »Das bildest du dir ein, Sam. So wie ich das sehe, ist Kristyna schlichtweg nach wie vor völlig blind. Sie rechnet nicht mit den Avancen.«

»Ich glaube, dass sie ganz genau weiß, was Curies Absichten sind. Sie ist einfach zu höflich, ihr ins Gesicht zu sagen, dass sie sie in Ruhe lassen soll.«

Melanie knuffte ihn in die Seite. »Du würdest es Curie schlichtweg nicht gönnen.«

Sam schnaubte, sagte aber nichts.

Kurz darauf setzten sich Curie wie auch Kristyna zu ihnen auf den Boden.

»Ich habe noch eine Mitspielerin aufgetrieben«, sagte Curie und zwinkerte Kristyna zu.

Sam schüttelte kaum merklich den Kopf und studierte die Karten. Er las einige der aufgedruckten Fragen durch und verzog das Gesicht. »Wie alt ist dieses Spiel?«

Kristyna hob die Schachtel empor und tippte auf die Schrift am Boden. »1981.«

Nun blickte Sam überrascht zu Melanie.

»Und du glaubst echt, dass du mich schlagen wirst? In einem Fragespiel aus dem letzten Jahrtausend?«

Sie streckte ihm die Zunge raus. »So alt bist du auch wieder nicht.«

»Nein«, gab er zu. »Aber ich bin Arzt. Und an gewissen medizinischen und biologischen Eigenheiten hat sich seit damals nicht viel verändert. Bei Schusswaffen oder womit du dich sonst so auskennst sieht das anders aus.«

Melanie tat den Seitenhieb mit einem Achselzucken ab. »Bei meinem Job ist mehr Biologie und Anatomie dabei, als du denkst.«

Curie schmunzelte über die Aussage, und Sam rümpfte die Nase.

»Okay«, sagte Melanie händereibend. »Ich schätze, jemand muss beginnen.«

»Schönheit vor Alter, oder wie heißt es noch gleich?«, meinte Kristyna süffisant und ließ die Würfel rollen. Dann bewegte sie eine kreisrunde Figur mit eckigen Aussparungen in eine Richtung, sodass diese auf einem roten Feld zum Stehen kam.

»Schieß los«, sagte sie dann an Curie gewandt.

Diese zog eine Karte und las zuerst stumm, was darauf stand. Dann trug sie vor:

»Aus welchem Buch stammt der Ausdruck ›Big Brother is watching you‹?«

»George Orwell, ›1984‹«, antwortete Kristyna sofort mit einem Lächeln. »Tolles Buch.«

Curie nickte anerkennend und schob ihr den Stapel zu.

»Und jetzt?«, fragte die Tschechin.

»Ich mache weiter.« Melanie rollte die Würfel und machte ihren Zug.

»Geschichte ist das Thema«, sagte Kristyna und studierte die Karte. »Aus welchen Disziplinen bestand der Pentathlon bei den antiken Olympischen Spielen?«

»Fünf«, sagte Sam gerade heraus.

»Sollte nicht ich die Frage beantworten?«, meinte Melanie tadelnd.

Sam wies auf die leere Schachtel. »Siehst du hier irgendwelche Regeln rumliegen? Ich nicht.«

»Oh, der Doc will ohne Regeln spielen. So kennen wir ihn gar nicht«, sagte Curie mit einem Grinsen.

»Was soll das schon wieder heißen?«, fuhr Sam sie an.

Das Lächeln auf Curies Gesicht verschwand. »Dass du normalerweise zu feige …«

»Leute, beruhigt euch«, ging Melanie dazwischen.

Curie lehnte sich mit erhobenen Händen zurück. »Ich habe nichts gesagt.«

»Fünf?«, lachte Kristyna, als sei nichts weiter vorgefallen. »Was ist das für eine Antwort auf diese Frage?«

»Penta«, erklärte Sam verwirrt. »Griechisch fünf. Also fünf Disziplinen.«

»Connard«, murmelte Curie die französische Beleidigung, die er sich schon öfter hatte anhören müssen. »Die Frage lautete welche fünf Disziplinen, nicht wie viele.«

»He«, motzte Kristyna in ihre Richtung. »Das Spiel soll uns die Zeit vertreiben, nicht? Kein Grund, ausfallend zu werden.«

Curie biss sich auf die Unterlippe und schenkte Kristyna einen reuevollen Blick, der Sam beinahe zum Lachen gebracht hätte.

Melanie seufzte schwer. »Zeit vertreiben ist das Stichwort. Wenn hier sonst schon nichts läuft.«

Sam warf seinen Stapel Karten zurück in die Schachtel. »Hier läuft sehr viel und das weißt du. C will einfach nicht, dass wir großen Lärm veranstalten.«

Curie ließ die Knöchel ihrer Finger knacken. »Vielleicht wäre Lärm aber etwas, das uns mal weiterbringen würde.«

»Ich kann mir schon denken, wie dieser Lärm für dich am liebsten aussehen sollte«, murrte Sam.

Bevor Curie etwas erwidern konnte, legte Kristyna eine Hand auf ihre Schulter. »Ich hab heute Morgen etwas Interessantes unter dem Mikroskop entdeckt«, sagte sie. »Würdest du es dir vielleicht kurz ansehen? Ich wäre froh um deine Expertise.«

Ein Lächeln breitete sich auf Curies Gesicht aus. »Klar. Ihr entschuldigt uns?«

»Ha«, rief Sam, als die beiden außer Hörweite waren. »Das war so plump, dass sogar Curie es hätte durchschauen müssen.«

»Hat sie wohl auch. Aber einen Besuch bei Kristynas ›Mikroskop‹ lässt sie sich wohl dennoch nicht entgehen«, sagte Melanie zweideutig.

Sam hob zweifelnd eine Augenbraue. »Du weißt schon, dass eine Phallus-Anspielung bei zwei Frauen nicht wirklich Sinn ergibt, oder?«

Melanie hob die Schultern und begann, das Spiel zusammenzuräumen. »Du weißt, was ich meine.«

Sam schüttelte ungläubig den Kopf.

»Und ich weiß, dass viel läuft bei uns und dass es wichtig ist, was wir tun«, lenkte Melanie das Gespräch in eine andere Richtung. »Recherche und so. Gefährliches Gear aus dem Verkehr ziehen, Namen von Verantwortlichen herausfinden, die Infos den richtigen Leuten zuspielen. Aber ich will mal wieder was Richtiges machen, verstehst du? Etwas Handfestes.«

Sie verließen das Zimmer und begaben sich an ihre Arbeitstische an der anderen Wand der großen Halle.

»Ich weiß. Und ich verstehe dich«, erwiderte Sam und setzte sich an seinen Computer. »So wie ich dich jedes Mal verstehe, wenn du deine Langeweileanfälle hast. Sei einfach glücklich, dass wir hier was zu erreichen versuchen.«

»Okay«, seufzte Melanie und rollte mit ihrem Stuhl an ihn heran. »Irgendwelche neuen Spuren von unserer Frau Viktorowa?«

Sam schüttelte den Kopf.

»Gar nichts. Null.«

»Das ist doch unmöglich!«, rief Melanie aus.

»Sie bleibt verschwunden.« Sam verschränkte die Hände hinter seinem Kopf und lehnte sich zurück. Während er die letzten Geschehnisse rekapitulierte, ließ er den Blick über die Notizen wandern, die an der Wand hinter dem Computer hingen.

Vor gut drei Jahren hatte Sofia Viktorowa das Amt als Verteidigungsministerin von Russland abgelegt. Ungefähr ein Jahr später hatten Sam und Melanie die Frau gesehen. Auf den Überwachungsvideos von Roth Industries, wie sie mit Xaver Roth irgendeinen Deal bezüglich seiner unmenschlichen Medikamente abschloss. Seither fehlte jede Spur von ihr. Kurz nach ihrem Rücktritt hatten die Medien sich noch gefragt, wo sie hingehen würde, doch nur wenig später hatte es über interessantere Themen zu berichten gegeben.

Sie beide waren ihrer Spur nach Moskau gefolgt, um zu verhindern, dass von den Medikamenten der Roth-Geschwister weiter Gebrauch gemacht wurde. Gefunden hatten sie bisher rein gar nichts. Bis auf eine Untergrundbewegung, der sie sich kurzum angeschlossen hatten und deren Ziel es war, die Welt vor den Gefahren unausgereifter Technologie zu bewahren.

Die Dinge kamen nicht immer so, wie man sie plante.

»Du musst dich übrigens nicht stets anstrengen, dich mit Curie in die Haare zu kriegen«, sagte Melanie nach einer Weile beiläufig.

Sam rümpfte die Nase.

»So eine große Anstrengung ist das gar nicht«, antwortete er sarkastisch, dann seufzte er aber. »Tut mir leid. Ich versuch’s ja.«

»Sie ist in Ordnung, weißt du«, sagte Melanie. »Ihr könntet euch gut verstehen.«

»Ja-ah«, sagte Sam gedehnt. »Mal sehen.«

Kapitel 2

Kaum schloss sich die automatische Schiebetür des Lifts hinter Sam, umfing ihn eifriges Geplapper. Irgendetwas war vorgefallen, das spürte Sam sofort. Nervös hetzten Leute von einem Bildschirm zum anderen, während im Hintergrund die Tastaturen noch lauter klapperten als sonst.

»Sam!«, hörte er seinen Namen und sah, wie Melanie sich breit grinsend zu ihm durchdrängte.

»Was ist los?«

»Koslow. Danil Koslow«, lautete ihre Antwort und sie legte ihm den Arm um die Schulter, um ihn weiter in den Bunker hineinzuführen.

Sein Blick schien ihr zu verraten, dass er nach wie vor keine Ahnung hatte, wovon sie sprach. Sie verdrehte die Augen.

»Der Drahtzieher des Bogatyr-Projekts. Wir haben endlich einen Namen.«

Dies weckte Sams Lebensgeister. »Echt? Wie haben wir das geschafft?«

Nun entdeckte er den Ursprung des größten Trubels in einer Ecke im hinteren Teil des Raumes.

»Mischa«, sagte Melanie nur.

Der junge Russe mit orange flammendem, hoch gegeltem Haar saß zurückgelehnt in einem zerschlissenen Bürostuhl, die Hände hinter dem Kopf verschränkt und das breiteste Grinsen auf dem Gesicht. Auf den gut fünf Bildschirmen auf seinem Tisch strahlte überall die vergrößerte Ansicht einer Command Shell, die den Namen KOSLOW, DANIL [KC35-087] ausgab.

»Mischa!«, rief ihm Sam entgegen. »Du hast es geknackt?«

»Sicher doch, Samuil. Du hast die ganze Party verpasst.«

»Die letzten drei Stunden haben sich die Freaks um seinen Tisch versammelt, wie beim Finale der Nerd-Olympiade«, sagte Melanie.

»Oi, Melanie! Du hast genauso sabbernd auf meinen Bildschirm gestarrt«, erwiderte Mischa. »Nur im Gegensatz zu den anderen hattest du keinen blassen Dunst, was da läuft.«

Eine Welle von Gelächter fuhr durch die Versammelten, was Melanie mit einer Handbewegung abwinkte. Auf einmal bewegte sich die angezeigte Kommandozeile nach oben und alle wandten sich um und beäugten einen hochgewachsenen Mann Mitte dreißig, mit zerzaustem schwarzem Haar und koreanischen Gesichtszügen. Durch seine Datenbrille beobachtete er konzentriert die Ausgaben, während er in fingerlosen Handschuhen das Trackpad betätigte.

»Han! Finger weg von meinem Gear«, fuhr Mischa ihn an.

»Ich link mich ja nicht ein«, murmelte Han-jae und scrollte weiter.

»Das war feinste Handarbeit, mein Guter«, ignorierte Mischa die Aussage. »Keines deiner automatisierten Tools und Hilfsmittelchen. Alles mein eigener Grips. Das hätte selbst Qubit nicht besser hingekriegt.« Er machte eine vage Handbewegung zu einem Poster, welches über seinem Pult hing. Darauf abgebildet war eine stilisierte, grinsende Katze mit einem gesunden Auge und einem ausgekreuzten. »Du kapierst das also eh nicht.«

»Ja, ja«, antwortete Han-jae genervt, seine Mundwinkel verzogen sich aber amüsiert nach oben, sobald Mischa nicht mehr hinsah.

»Und was jetzt?«, fragte Sam, als er und Melanie sich wieder von dem Menschenknäuel entfernten.

»Keine Ahnung. Mal sehen, was C sich ausdenkt. Vielleicht gibt es hier endlich mal richtige Handarbeit.«

Die freudvolle Erwartung in Melanies Stimme ließ Sam unhörbar seufzen.

Für sie beide war der Anschluss an No-HAL, wie sich ihre Gruppierung nannte, nach ihrer Ankunft in Moskau die beste Möglichkeit gewesen, für ihre Sache zu streiten. Im Gegensatz zu anderen, radikaleren Fraktionen bediente sich No-HAL subtilerer Mittel und Werkzeuge, wodurch sie vielmehr im Hintergrund blieb als andere, die hierzulande als Terroristen abgestempelt wurden.

Für Melanie etwas zu sehr im Hintergrund.

»C wird es sich gut überlegen, ob sie uns ins Kreuzfeuer schickt. Nach dem Desaster, das Roots letzten Monat angerichtet hat, wird die russische Regierung scharf sein wie Wachhunde.«

»Ja, ja. Aber wenn wir jetzt zuschlagen, wird auch jeder die Schuld auf Roots schieben«, erwiderte Melanie händereibend.

»Schon möglich. Was sollen wir überhaupt tun? Wir haben einen Namen, mehr nicht.«

»Elender Pessimist«, knurrte Melanie und knuffte ihm mit dem Ellenbogen in die Seite.

Sam schnaubte, sagte aber nichts. Für ihn war es umso besser, je weniger Feldeinsätze anstanden. Solche Aktivitäten waren unberechenbar und gefährlich. Außerdem warfen sie seine Tagespläne über den Haufen. Dies behielt er aber schön für sich.

Wie auf Kommando erklang ein heller Pfiff und das Geplapper verstummte. Alle wandten sich in Richtung des hinteren Teils des Bunkers. Im Rahmen einer Tür tauchte eine Frau im Rollstuhl auf. Sie trug ein ärmelloses Shirt, welches verriet, dass sie mindestens genauso muskulöse Oberarme besaß wie Melanie, ihre blonden Haare waren kurz geschnitten und sorgsam frisiert. Ihre Miene war hart, aber das Zucken ihrer Mund- und Augenwinkel verriet, dass sie nicht so gelassen war, wie sie es spielen wollte.

Sam erinnerte sich daran, wie er C das erste Mal getroffen hatte. Sie war auf die Recherche von Melanie und ihm aufmerksam geworden und hatte beschlossen, sie für ihre Sache zu rekrutieren. Schon damals hatte Sam Schwierigkeiten gehabt, den Blick von ihr zu nehmen. Ein Mensch im Rollstuhl war eine Seltenheit. Es gab bessere Möglichkeiten. Cyberware, künstliche Nervenbahnen, Exoskelette und was alles noch. Aber davon wollte sie nichts wissen.

›Du bist genauso ein Krüppel wie ich, Sam‹, hatte sie damals gesagt und in Richtung seiner künstlichen Beine genickt. ›Deine Prothese ist an dir festgemacht, meine nicht. Das ist der einzige Unterschied.‹

»Sitzung. Jetzt!«, bellte C und wendete ihren Rollstuhl, um in das dahinterliegende Zimmer zu rollen, wo sie am Vortag das Quiz ausprobiert hatten.

Nach wenigen Minuten standen gut zwanzig Männer und Frauen in dem engen Raum ohne Tische aber mit diversen, in die Wand eingelassenen Displays und – völlig unnötig, wie Mischa immer wieder betonte – einigen Whiteboards mit Papierbögen. In zwei Ecken standen Sofas, die schon so manchem als Nachtquartier gedient hatten.

Niemand sprach ein Wort, bis C sich zu ihnen allen umdrehte und ernst in die Runde sah. Dann fasste sie in eine Tasche, die an ihrem Rollstuhl hing und warf ohne Vorwarnung eine Flasche in Mischas Richtung. Leicht überrumpelt zog dieser die Hände aus den Taschen seines Kapuzenpullovers. Er kriegte die Flasche zu fassen, sie glitt aber durch seine Finger, sodass Sam bereits zusammenzuckte, bevor das Klirren erklang. Doch es blieb aus, denn Han-jae hatte blitzschnell reagiert und die Flasche mit seiner Linken aufgefangen. Er strich die Weste über seinem Hemd glatt und hielt Mischa dann süffisant lächelnd die Trophäe entgegen. Dieser schnaubte, ergriff das Gefäß, zog den Korken mit den Zähnen heraus und nahm einen großen Schluck. Nun erklangen Applaus und anfeuernde Zurufe. Die Flasche wurde herumgereicht und jeder trank vom besten Vodka weit und breit, wie C immer wieder betonte. Sam hatte keine Ahnung davon und musste zugeben, dass er ihm nicht wirklich schmeckte. Dennoch nahm er einen Mundvoll, als die Flasche ihn passierte. Die Prozession dauerte einige Minuten, bis der Vodka wieder bei Mischa angelangt war und er den Rest in einem Zug weghaute.

»Gratuliere, Mischa«, rief nun auch C mit einem Grinsen, doch ihre Miene wurde sofort wieder hart.

»Leute. Heute sind wir einen Schritt weitergekommen, was das Bogatyr-Projekt anbelangt.« Sie ließ die Worte kurz wirken. »Aber noch haben wir nur einen Namen, nicht mehr. Kein Grund also, den Verstand zu verlieren.«

Sie nahm ihren Handcomputer hervor und kurz darauf wurde dessen Oberfläche auf einem der großen Bildschirme wiedergegeben. Mit den Fingern kritzelte sie einige Schemen. Etwas, das aussah wie eine alte Fabrik, inklusive gigantischem Schornstein, wurde mit dem Begriff YNovac bezeichnet. Ein Pfeil führte davon ausgehend zu einem Strichmännchen mit Schwert und Schild, daneben schrieb sie das Wort Bogatyr. Ein weiterer Pfeil zeigte auf ein Strichmännchen mit dem Namen Danil Koslow.

»Das ist, was wir bisher wissen«, sagte C dann. »Und es ist nicht viel.« Sie markierte das Gebäude mit einem roten Kreis. »Wir wissen, dass YNovac ein Projekt am Start hat, welches unter dem Namen Bogatyr läuft. Der Biotechnologie-Konzern ist uns nicht unbekannt, mehrere ihrer Produkte der letzten Jahre haben sich als unausgereift und gefährlich herausgestellt. Wir gehen davon aus, dass Bogatyr in dasselbe Muster fällt, da es vor wenigen Monaten erstmals auf unserem Schirm auftauchte, und offenbar viel Geld reingesteckt wird. Was das speziell Beunruhigende daran ist, ist der Name des Projektes.« C blickte nochmals in die Runde. »Für alle, die sich nicht mit russischer Mythologie auskennen, Bogatyr ist die Bezeichnung für die Helden, die in den alten Sagen und Legenden auftauchen. Oder eher: Krieger.«

Obschon Sam nicht das erste Mal davon hörte, versteifte er sich und er war nicht der Einzige im Raum. Viele Spekulationen waren schon angestellt worden, worum es sich bei dem Projekt handeln könnte. Die meisten drehten sich um irgendwelche Elite-Soldaten.

»Nun haben wir einen Namen. Danil Koslow. Offenbar ist er eines der höheren Tiere in diesem Projekt, was uns aber immer noch nicht sagt, womit wir rechnen müssen.«

»Was ist mit Roots?«, fragte ein mit zerschlissenen Jeans bekleideter Mann neben Sam. »Haben die bereits Wind von dem Projekt gekriegt?«

»Wir wissen es nicht«, erklärte C. »Wir wissen einzig, dass sie momentan wohl noch ihre Wunden lecken von ihrem Angriff auf den Materialtransport des russischen Militärs letzten Monat.«

Ein Murmeln ging durch die Menge und Sam bemerkte, wie Melanie und einige andere zufrieden lächelten. Das Murmeln verstummte sofort, als C mit der Faust gegen die Wand hieb.

»Ich weiß genau, was einige von euch denken«, sagte sie dann mit ruhiger Stimme. »Dass Organisationen wie Roots bessere und schnellere Resultate erzielen als wir. Dass wir theoretisch Roots sind. Dass wir ja eigentlich für dieselbe Sache kämpfen und nur verhindern wollen, dass die Welt da draußen von Technologie diktiert wird. Technologie, die fehlerhaft ist. Unausgereift. Gefährlich. Aber ihr irrt euch.« Nun wurde ihre Stimme leiser. »Nur weil sie Dutzende Menschenleben in den Tod reißen, heißt das nicht, dass sie erfolgreicher sind als wir. Ja, meist sind es Menschen, die es verdient haben, aber das ändert nichts an der Tatsache, dass andere die Lücken füllen werden. Und nur weil jede Zeitung ihren Namen kennt, sind Roots nicht die Helden, zu denen sie sich aufschwingen wollen, verstanden? Ihre Mittel sind brachial. Und niveaulos.«

Den letzten Satz sagte sie wieder mit ihrer gewohnten Stimme und die Anspannung der Leute im Raum ließ etwas nach.

»Genau deshalb wollte ich diese Sitzung. Wir werden an Bogatyr dranbleiben. Aber wir machen es weiterhin auf meine Weise. Kein Blutvergießen, keine überstürzten Aktionen und keine Entscheide, bevor wir nicht mehr wissen.«

Stille senkte sich über den Raum, als alle stumm nickten.

»Gut«, sagte C nach einer Weile. »Dann weiter an die Arbeit.«

Mit den Worten waren die Umstehenden entlassen und die meisten verließen den Raum.

Sam beobachtete Melanie von der Seite, konnte jedoch nicht deuten, was in ihr vorging. Es war offensichtlich, dass die Worte auch an sie gerichtet gewesen waren. Nicht nur an sie, denn es gab mehrere Mitglieder von No-HAL, die sich durch die Aktionen von Roots hatten anstacheln lassen. Aber C hatte noch nie etwas von solchen Dingen hören wollen. Diesem Terrorismus würde sie sich nicht hingeben, sagte sie meistens.

Und Sam stand vollkommen hinter ihr. Er bewunderte C dafür, dass sie ihren eigenen Weg ging und es schaffte, diese chaotische Truppe hier gleichzeitig im Zaum zu halten.

No-HAL bestand aus Computer-Genies, Naturwissenschaftlern, ehemaligen Soldaten und auch Leuten wie Sam, die es irgendwie hierhin verschlagen hatte, ohne dass ihre Fähigkeiten wirklich von Nutzen waren. Obschon sich bisher noch keiner beklagt hatte, einen Arzt in den Reihen zu haben. Sam hatte sich insgeheim aber eine eigene Unterteilung der Gruppierung zurechtgelegt: die Gebrannten und die Idealisten.

Zu den Gebrannten zählte er Leute wie Melanie oder C. Melanie hatte ihren Bruder an fehlerhafte Cyberware verloren und weigerte sich seither vehement gegen jegliches Modding. Erfolgreich. Bis sie auf Sam traf.

Er schüttelte den Gedanken ab.

Bei C wusste niemand genau, was geschehen war. Aber dass eine Geschichte hinter ihr und dem Rollstuhl stand, war offensichtlich.

Die Idealisten hingegen fanden es einfach falsch, was mit der Technologie, die heute zu Verfügung stand, angerichtet wurde. Aufgezwungene Moddings bei Konzernmitarbeiter waren der Grund für Sam, sich bei No-HAL einzusetzen. In der Zwischenzeit hatte er gelernt, dass es aber noch viel mehr gab als Cybermoddings. Jegliche Technologie war gefährlich, wenn sie nicht ausreichend getestet auf den Markt gebracht wurde. Und das war leider die Tendenz. Leute wie Mischa und Han-jae gehörten dieser Fraktion an. Leute, die selber zum Teil gemoddet waren oder große Stücke auf die technologischen Weiterentwicklungen hielten, deren Gefahren jedoch erkannten und ihnen entgegenwirken wollten.

Bei Roots hingegen arbeiteten die Fanatiker. Ihre Anhänger führten geradezu einen Kreuzzug gegen alles Neuartige. Sie predigten nicht gleich das Mittelalter, aber sie plädierten dafür, dass sämtliche Forschung eingestellt werden sollte. Sie fürchteten Dinge wie die Überhandnahme künstlicher Intelligenz und Ähnlichem.

Dass der Name von Sams Gruppierung ausgerechnet No-HAL lautete, mochte da etwas heuchlerisch anmuten. Als Sam dazugekommen war, hatte die Gruppe noch keinen Namen. Mischa und einige andere Hacker hatten ihn sich ausgedacht, in Anlehnung an den uralten Film ›Space Odyssey‹. Sam hatte es noch nie geschafft, sich den Film in voller Länge anzutun. Aber er wusste immerhin, dass HAL 9000 die KI des Raumschiffes war, welche die Kontrolle übernahm und die Besatzung tötete oder so ähnlich.

»Hey, Kristyna«, sagte Melanie, als sie sich ihrem Arbeitsplatz näherten.

Die feingliedrige Frau, die heute eine grell weiße Langhaarperücke trug, drehte sich von den Notizen an der Wand ab und ihnen zu. Dabei lächelte sie müde.

»Noch nicht wirklich weitergekommen bei eurer Schnitzeljagd, was?«, fragte sie.

Sam fielen sofort die Augenringe und die fahle Hautfarbe auf, die selbst das dicke Make-up nicht zu verdecken vermochte.

»Leider nicht«, meinte Melanie und plumpste auf ihren Bürostuhl. »Und für die nächste Zeit scheint uns ein anderer Fall zu beschäftigen.«

»Ja«, antwortete Kristyna langgezogen. »Das ominöse Projekt mit der ominösen Bezeichnung von diesem ominösen Wissenschaftler.«

Melanie grinste. Sam wollte etwas sagen, doch die Tschechin warf ihm nur einen vielsagenden Blick zu und ging davon.

Er seufzte und setzte sich. Eine Weile lang starrte er auf den Bildschirm und fragte sich, wo er anfangen sollte. Ein jeder von ihnen hatte ein kleines Spezialgebiet, doch wenn es in der ersten Phase jeweils darum ging, jedwede Information über etwas und jemanden in Erfahrung zu bringen, hatte jeder denselben Job. Dennoch versuchte Sam meistens als Erstes, nicht die üblichen Quellen anzuzapfen, sondern überlegte sich zunächst, an welchen eher ungewöhnlichen Stellen er fündig werden konnte.

Danil Koslow.

Das gleichmäßige Klackern von Tastaturen hinter ihm half Sam, sich zu konzentrieren. Selten genug, dass man das Geräusch überhaupt noch hörte, wenn jeder sich direkt über sein ConnectGear mit dem Netz verband. Doch bei No-HAL gab es genügend Leute, denen sogar dies zu hightech war. Zu Beginn hatte sich Sam noch über sein eigenes Interface verbunden, doch irgendwann hatte er damit aufgehört, weil es Melanie störte, wenn sie sich nicht direkt mit ihm unterhalten konnte während der Arbeit. Und auch Sam musste zugeben, dass es durchaus seine Vorteile hatte, wenn das Leben um ihn herum stattfand. Das Hintergrundrauschen war angenehm für die Denkarbeit. Bis auf das Telefonklingeln, das nicht abreißen wollte.

»Sam?«, fragte Melanie mit hochgezogener Augenbraue.

»Hm?«, erwiderte er noch in Gedanken.

»Das Telefon. Das ist deins.«

Nun blinzelte er zweimal, dann runzelte er die Stirn. Er hatte seinen Handcomputer in seiner Jackentasche gelassen, oder nicht?

Überrascht sah er das Gerät tatsächlich neben seiner Tastatur liegen.

»Sorry«, murmelte er etwas verwirrt und wollte den Anruf bereits annehmen, als er bemerkte, wer es war. Darja.

Nach einem kurzen Zögern blockierte er den Anruf und widmete sich wieder seiner Arbeit. Er legte nicht gerne auf, wenn sie anrief, aber noch weniger wollte er, dass Melanie oder die anderen etwas von seinem Liebesleben mitkriegten. No-HAL war eine großartige Truppe und es erfüllte Sam, an einer solchen Sache mitarbeiten zu können. Dennoch brauchte er ab und zu Abstand. Er brauchte ein paar Stunden in der Woche, in denen er immerhin so tun konnte, als führte er ein normales Leben. Und das würde nur klappen, wenn er die Arbeit hier fernhielt von seinem Studium. Und von Darja.

Sie dachte so oder so, dass er gerade am Unterrichten sei, da hätte er den Anruf auch nicht annehmen können. Und er würde morgen wieder bei ihr vorbeigehen, damit Boris endlich vorankam.

Leseprobe: Maschinenschmerz
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