7. Kapitel – Drei Regeln

Kapitel 7: Drei Regeln

Glenna hatte erst gerade Luft geholt, da drang bereits die fordernde Stimme eines Mannes durch den Hörer:

»Ist das das Stewart-Haus? In Southbridge?«

Glenna rümpfte die Nase, setzte dann aber ein höfliches Lächeln auf, auch wenn ihr Gesprächspartner das nicht sehen konnte.

»Guten Tag, werter Herr. Ja, sie sprechen mit dem Stewart Bed and Breakfast in Southbridge. Glenna Alexander. Wie kann ich Ihnen helfen?«

Am anderen Ende blieb es still.

»Hallo?«, fragte Glenna sicherheitshalber und erntete dafür ein Räuspern.

»Ja. Danke, Frau Alexander«, kam es etwas zögerlich. »Ich bräuchte ein Zimmer. Ab dem kommenden Sonntag.«

Glenna runzelte die Stirn ab dem plötzlichen Stimmungswechsel des Mannes, öffnete dann aber dicke Buch auf ihrem Rezeptionstisch.

Etwas schwermütig ließ sie ihre Finger über die Seiten gleiten.

Dorothy hatte darauf bestanden, dass sie ein richtiges Buch benutztem für die Gästeplanung, da sie sich geweigert hatte, sich mit einem Laptop herumzuschlagen.

»Ist da noch was frei?«, fragte der Mann und wirkte nun wieder ungeduldig.

Glenna versuchte, den Akzent zu erraten, scheiterte aber dabei. Er war weder Ire noch Schotte, so viel konnte sie feststellen. Trotzdem glaubte sie, irgendetwas in seiner Stimme wiederzuerkennen.

»Ein Zimmer gibt es noch«, sagte sie, nachdem sie die Spalten geprüft hatte. »Sie haben Glück, gestern kam eine Absage rein.«

»Gut. Ich werde erst spät eintreffen.«

Glenna griff nach dem Stift.

»Das ist kein Problem. Ich lege Ihnen den Schlüssel bereit. Wie viele Nächte möchten Sie bleiben?«

»Das weiß ich noch nicht.«

»In dem Fall kommen Sie nicht nur zu der Samhain-Feier hierher, was?«, sagte Glenna, am anderen Ende der Leitung blieb es aber still.

»Wie lautet der Name?«, fragte sie geschlagen.

»Judge. William Judge«, kam es wiederum etwas zögerlich durch die Leitung.

»In Ordnung, Herr Judge. Die Kosten für das …«

Das Besetzt-Zeichen erklang.

Für einen Moment starrte Glenna ungläubig auf den Hörer, dann hängte sie ihn in die Gabel.

Seltsamer Kauz. Aber von denen gab es einige. Hauptsache er bezahlte die Rechnung am Schluss.

Irgendwann schaffte es Glenna, die drei Damen zu verscheuchen, auch wenn diese gerne länger geblieben wären, um sich über den letzten Klatsch und Tratsch zu unterhalten. Immerhin war das dieses Mal etwas zu kurz gekommen. Aber der nächste Kartennachmittag würde kommen und es würde gewohnheitsgemäß in der Zwischenzeit nicht wahnsinnig viel passieren.

Als Glenna die Gläser wegräumte, merkte sie, dass eines davon noch immer zwei fingerbreit mit ihrem Whisky gefüllt war.

Janets.

Glenna runzelte die Stirn. Janet war eine der Leute, die ein Gläschen nur dann ablehnten, wenn sie etwas Schweres bedrückte, sodass sie davon Magenkrämpfe bekam. Den ganzen Nachmittag hindurch hatte sie keine Andeutung in die Richtung gemacht und Glenna hatte auch nichts bemerkt.

Glenna presste eine Hand gegen ihre Wange. Wie hatte ihr entgehen können, dass es Janet offensichtlich nicht gut ging? Sie war diejenige, der solche Dinge eigentlich immer auffielen.

Ein ungutes Gefühl regte sich in ihrem Magen. Janet hatte sich die Mühe gemacht, sich eine nutzlose Aufgabe für sie auszudenken, damit sie sich gebraucht fühlte. Und sie hatte sie ziemlich plump abblitzen lassen.

Sie stellte das unbenutzte Glas an seinen Platz und schüttelte ab sich selber den Kopf.

Sie hoffte, dass es sich bei Janets Sorgen vornehmlich um das Fest handelte und nichts mit ihrem Jungen Aidan zu tun hatte.

›Pressearbeit, hm?‹

Glenna öffnete den Schrank, um die restlichen Kekse wegzustellen, und bemerkte, dass sie Janet das zusätzliche Blech gar nicht mitgegeben hatte, wie sie versprochen hatte.

»Ja«, sagte sie langsam.

›Pressearbeit ist doch wie gemacht für dich.‹

Glenna seufzte und schloss die Schranktür wieder.

»Aber nicht an Samhain.«

›Du machst dir zu viele Sorgen. Du bist seit 94 Jahren Teil der Anderswelt. So langsam sollte dir das Feenvolk keine Angst mehr machen.‹

»Ich bin kein Teil der Anderswelt.« Sie machte eine vage Handbewegung. »Ich bin eine Mischkreatur, wie das Feenvolk es nennt.«

›Du hast ihre magischen Kräfte, also bist du auch Teil davon, Bonnie.‹

Sie seufzte erneut. »Du machst es dir zu einfach, Jamie. Außerdem machen sie mir keine Angst. Das ist nicht das Problem.«

›Sondern?‹

»Das weißt du genau«, flüsterte sie und löschte das Licht in der Küche.

Sie hatte noch ein zwei Stunden, bis das junge Norwegerpaar auscheckte.

Jamie schwieg. So eigenwillig er auch immer sein konnte, es gab Dinge, die er respektierte. Und ihre Achtsamkeit gegenüber der drei Regeln der Anderswelt gehörte dazu.

Nach dem ersten Treppenabsatz hörte sie seine Stimme nahe ihrem Ohr murmeln.

›Eine Mischkreatur darf keinem Sterblichen von ihren Fähigkeiten und Verbund mit der Anderswelt erzählen.‹

Nach dem zweiten Treppenabsatz sagte er: ›Mischkreaturen dürfen einem echten Wesen der Anderswelt durch ihre Fähigkeiten keinen Schaden zufügen.‹

Sie öffnete die Tür zu ihrer Wohnung und trat an die Tür der Bibliothek. Bevor Jamie fortfahren konnte, ergänzte sie die dritte und wichtigste Regel.

»Mischkreaturen dürfen die Anderswelt nicht betreten.«

Sie öffnete die Tür mit dem Schlüssel um ihren Hals.

›Es ist gut, dass du die Regeln nicht vergisst, Bonnie‹, sagte Jamie sanft. ›Aber lass sie dir nicht zum Gefängnis werden.‹

Sie ignorierte ihn, zog die Tür hinter sich zu und trat an die Bücherregale heran.

»Kein Gefängnis«, dachte sie. »Eine reine Vorsichtsmaßnahme.«

In all den Jahren seit dem verhängnisvollen Tag in London hatte sie keine der Regeln gebrochen. Und sie würde nicht jetzt damit anfangen.

Sie legte ihre Finger auf den Einband des Tagebuches, welches mit dem Jahr 1923 bezeichnet war. Das älteste aller Bücher.

Damals vor 94 Jahren hatte ein Púca – ein Geschöpf der Anderswelt – sie von einem normalsterblichen Menschen zu der Mischkreatur gemacht, die sie heute war. Er hatte ihr die Fähigkeit gegeben, mit den Sinnen der Menschen zu spielen. Aber er hatte ihr verheimlicht, dass sie dafür ihre eigenen Erinnerungen destillieren musste, welche daraufhin für immer dahin waren.

 Der Púca hatte sie vielleicht nicht hereingelegt, denn er hatte sein Wort gehalten und ihr die magischen Fähigkeiten gegeben, die sie sich gewünscht hatte. Aber er hatte genau das getan, wofür Púcas üblicherweise berüchtigt waren: sich einen Spaß aus der Naivität der Menschen machen.

Sie war selber schuld, dass sie sich von seinen zuckersüßen Worten hatte einlullen lassen. Die Aussicht auf den großen Erfolg auf den Bühnen von Paris hatte sie zu Butter in seinen Händen gemacht.

Sie streifte den Gedanken von sich.

Nein. Sie würde Samhain hier in ihren vier Wänden verbringen, wie jedes Jahr. Janet würde schon jemanden finden, der ihr aushelfen konnte.

Sie holte ein Heft heraus, das zwischen zwei der Bücher eingeklemmt war und schlug es auf der letzten Seite auf. Mehrere Kolonnen mit verschiedenen Daten waren dort aufgeschrieben und Glenna notierte den 15.04.1926 an letzter Stelle. Sie ließ kurz den Blick über all die Daten schweifen. Alles Erinnerungen, die sie in ihrem Leben geopfert hatte für ihre Magie. Hunderte davon.

Dann schloss sie das Heft mit einem tiefen Seufzer und holte das entsprechende Tagebuch mit der mit der Prägung 1926 hervor.


Interessante Lektüre und Infos zum Kapitel:

Vorschau auf das Kapitel „Alte Opfer“ von nächster Woche:

»In meinem Alter macht man nicht mehr viele neuen Erinnerungen, Jamie.«

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Yvonne
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Also, der Anrufer ist ganz schön shady. Ich wüsste jetzt nicht, ob ich ihm das Zimmer freihalten würde … 😉