5. Kapitel – Gute Absichten

Kapitel 5: Gute Absichen

»Glenna?«

Glenna schreckte hoch. Es brauchte einige weitere Sekunden bis sie realisierte, dass sie in ihrem Ohrensessel eingenickt war.

»Glenna, bist du hier?« Die Stimme klang besorgt.

Glenna räusperte sich, strich sich einmal über die frisierten Haare und drapierte das lose gebundene Foulard wieder sauber um den Nacken.

»Ich bin hier, Liebes«, rief sie, bevor sie realisierte, wo genau sie sich befand.

 Sie stemmte sich aus dem Sessel und eilte zur Tür, als diese bereits aufgeschoben wurde.

Glenna umfasste den inneren Türknauf und trat vor den geöffneten Spalt.

Janet hatte die Stirn hochgezogen und versuchte neben ihr hindurch zu spähen.

»Tut mir leid«, sagte Glenna mit einem Lächeln und schob ihre Freundin sanft, aber bestimmt zurück in den Gang. »Ich bin wohl eingenickt.«

Die Neugierde wich aus Janets Gesicht und Sorge kehrte zurück.

»Ist alles in Ordnung bei dir?«

»Aber natürlich, Liebes«, sagte Glenna und schloss die Tür hinter sich. »Sind die anderen schon da?«

Die Frau Anfang Vierzig nickte und wandte sich zu der Treppe, die nach unten führte.

Im Erdgeschoss huschte Glenna in die Küche, wo sie das Wasser aufsetzte. Aus dem Speisesaal drangen bekannte Stimmen.

Sie stützte sich an der Ablage ab, schloss die Augen und atmete mehrere Male tief durch. Sie hatte mit dem Gedanken gespielt, den Nachmittag abzusagen. Aber es war fraglich, ob das geholfen hätte, sie hätte sich ja so oder so mit der Beerdigung rumgeschlagen.

Bisher war von der Krähe zumindest nichts zu sehen und Glenna hatte sich vorgenommen, dass es auch so bleiben würde.

Mit durchgestrecktem Rücken holte sie den Teller mit den am Vortag gebackenen Keksen aus dem Schrank und trat durch die Tür.

»Tut mir schrecklich leid«, sagte sie zu den versammelten Damen. »Ich bin tatsächlich eingenickt.«

Für einen kurzen Moment verstummten die vier Frauen und musterten sie mit einem viel zu offenen, mitleidigen Blick.

Die älteste von ihnen – eine vierundachtzigjährige Rentnerin in einem karierten Hosenanzug und einer wuchtigen Hornbrille – machte einen großen Schritt auf Glenna zu und umfasste ihre freie Hand.

»Es tut uns allen so leid, Liebes«, sagte sie und ihre Augen waren wässrig. »Wir wussten nicht, ob du uns heute wirklich hier haben wolltest, aber Janet sagte, du bestehst darauf.«

Glenna zog ihre Hand auf dem sanften Griff und drückte Priscilla stattdessen die Kekse in die Finger.

»Aber natürlich will ich euch hier haben«, sagte Glenna und merkte, dass sie es wirklich meinte. »Dorothy hätte auf jeden Fall etwas dagegen gehabt, wenn wir ihretwegen den Karten-Abend ausfallen lassen.«

Sie führte Priscilla an den einzigen runden Tisch in der Mitte des Speiseraums, wo sie sich alle setzten. Ein Stuhl blieb leer, doch bevor jemand etwas sagen konnte, schob Glenna den Teller in die Mitte.

Janet griff nach einem der grünen Kekse und beäugte ihn misstrauisch.

»Matcha Butterkekse«, erklärte Glenna. »Mit Grüntee aus Japan.«

»Deine Experimente sind ja häufig außergewöhnlich«, sagte Janet und biss eine kleine Ecke ab. »Aber immer lecker.«

»Nicht ganz immer«, warf Lisbeth ein, die den Teller nur skeptisch beäugte.

Glenna ignorierte den Kommentar und verteilte die bereitgestellten Tassen an die Frauen.

»Ich habe ein zusätzliches Blech gemacht«, sagte sie an Janet gewandt. »Du kannst Aidan gerne welche mitbringen.«

Janet bedachte sie mit einem dankbaren Lächeln.

Das Deck wurde verteilt, Tee in Tassen gefüllt und die Karten reihum gespielt. Es dauerte aber nicht lange, bis die konzentrierte Stille durchbrochen wurde.

»Es ist nie dasselbe, nicht wahr?«, fragte Eileen. »Wenn jemand geht, ist es immer ein wenig anders.«

Es war nicht der erste Todesfall in ihrer Kartenspielrunde. Seit gut zehn Jahren trafen sie sich jeden Donnerstagnachmittag und die Gruppe veränderte sich immer mal wieder. Janet war erst seit einem Jahr dabei, dafür waren zwei ihrer ältesten Mitglieder bereits verstorben, bevor Dorothy an der Reihe gewesen war.

Eileen erntete zustimmendes Gemurmel.

»Wann findet die Totenwache statt?«, fragte Priscilla. »Ich möchte die Nachtwache übernehmen.«

»Du?«, fragte Lisbeth schrill, die nur wenige Jahre jünger war als Priscilla. »In deinem Alter kannst du dir doch nicht mehr die Nächte um die Ohren schlagen.«

»Ach nein?«, fragte Priscilla schnippisch. »Es gehört sich für die Freunde der Verstorbenen, also werd ich das ja wohl noch tun können für unserer Dorothy.«

»Ich weiß noch nicht, ob es eine Nachtwache geben wird«, schlichtete Glenna. »Aber die Totenwache ist am Freitag, da reisen die meisten meiner Gäste ab und die neuen kommen erst am Sonntag.«

»Willst du das Hotel nicht bis zur Beisetzung schließen?«, fragte Lisbeth. »Eine Totenwache mit Gästen hier. Das ist doch nicht angemessen.«

»Ich kann es nicht schließen«, sagte Glenna bestimmt. »Nächste Woche ist das Samhain-Fest, da ist das B&B ausgebucht. Dorothy hätte auf keinen Fall gewollt, dass man den Gästen absagt.«

Eileen seufzte. »Da ist einmal etwas los in diesem Dorf und dann muss genau so etwas passieren.«

Sie tätschelte Janets Arm. Diese wandte sich an Glenna.

»Und die Beisetzung? Wann wird die sein?«

Glenna spielte eine Karte, konzentrierte sich aber nicht sonderlich auf das Spiel. »Erst nach den Feierlichkeiten. Nach der Totenwache wird man sie beim Bestatter aufbahren, bis Samhain vorüber ist.«

Janet schien erleichtert und Glenna konnte es ihr nicht verübeln. Sie war zum ersten Mal Kopf des Organisationskomitees, das das lokale Samhain-Fest jedes Jahr veranstaltete, und hatte bestimmt alle Hände voll zu tun.

»Apropos Samhain«, sagte Janet.

Priscilla schnaubte hörbar aus, sagte aber nichts und Glenna sah, wie Lisbeth ihr unter dem Tisch einen Klaps gegen das Knie verpasste.

Janet warf ihr nur ganz kurz einen vorwurfsvollen Blick zu, dann wandte sie sich an Glenna.

»Ich befürchte, ich habe etwas Wichtiges bei der ganzen Planung vergessen«, gestand Janet und verzog das Gesicht zu einer beschämten Grimasse.

Priscilla spiele eine Karte, ohne Janet anzusehen.  »Wirklich? Das sieht dir nicht ähnlich.«

Wieder fing sie sich einen Klaps von Lisbeth.

Glenna hatte sich immer gefragt, wie jemand ausgerechnet die schusselige Janet als Kopf des Organisationskomitees hatte wählen können.

»Ich habe niemanden, der Fotos macht und ein bisschen was zusammenträgt für einen offiziellen Pressebericht. Ich dachte, unsere Marketing-Verantwortliche würde sich darum kümmern, aber sie selber ist während des Fests gar nicht hier«, erklärte Janet und ihre Augen glänzten wie die eines kleinen Hündchens.

Glenna spielte eine Karte und sagte nichts.

Sie verließ ihr Haus während der Tage um Samhain wohlwissentlich so selten wie möglich. Das genügte zwar nicht, um sich das ganze Feenvolk vom Halse zu halten, das sich dann in ihre Welt verirrte, aber sie musste sich immerhin nicht in aller Öffentlichkeit mit ihnen herumschlagen.

»Ich selber werde an dem Tag alle Hände voll zu tun haben.«

Wieder die Hundeaugen und sie waren direkt auf Glenna gerichtet.

Bei dem Blick regte sich etwas in Glennas Brust. Auch mit ihren 117 Jahren hatte sie nicht gelernt, Nein zu sagen, wenn sie jemand sie um Hilfe bat. Und Janet wusste das genau.

Trotzdem kämpfte Glenna innerlich.

Der Großteil des Feenvolks war nicht an und für sich bösartig. Viele von ihnen – insbesondere jene, die sich an Samhain über die Grenze zur Menschenwelt wagten – waren heimtückisch und genossen es, die Menschen hereinzulegen. Insbesondere Mischwesen wie Glenna, die das Feenvolk ohne Schwierigkeiten wahrnehmen konnten. Die normalen Menschen konnten sich glücklich schätzen, dass sie die Biester meistens gar nicht bemerkten. Natürlich gab es Ausnahmen. Gewisse Leute konnten sie sehen. Menschen mit einer Gabe, ohne dass sie selbst Mischkreaturen waren wie Glenna. Und es gab Kobolde und andere Wesen, die sich den Menschen absichtlich zeigten.

Wie sich der Púca damals Glenna gezeigt hatte.

»Glenna?«, fragte Janet nun direkt.

Glenna seufzte. »Ich weiß nicht, ob ich die richtige Person dafür bin.«

»Aber sicher«, sagte Janet. »Du kannst so wunderbar mit Worten und Menschen umgehen. Wenn du darüber berichtest, werden die Leute begeistert sein. Und du hast ein wunderbares Auge für Fotos.«

Priscilla zuckte mit den Schultern. »Da hat sie recht.«

Glenna legte die Karten vor sich ab und erhob sich von ihrem Stuhl.

»Ich überleg es mir«, sagte sie und trat in die Küche.

Sie musste eine Ausrede finden für diese Angelegenheit. Sie könnte sagen, dass die Beerdigung zu viel Zeit in Anspruch nahm, aber es verpasste ihr ein ungutes Gefühl im Magen, Dorothy als Ausrede zu benutzen.

Sie warf einen Blick auf die Uhr und entschloss, dass drei Uhr spät genug im Tag war.

Sie öffnete das Schlösschen, das an einem der Küchenschränke hing mit einem der Schlüssel um ihren Hals und holte eine Whiskyflasche heraus. Das Label besagte ›Ardbeg‹ – Dorothys Lieblingsmarke – aber das spielte keine Rolle. Glennas eigene Destillate konnten nach jeder Marke schmecken, die sie sich vorstellen konnte. Und Glenna kannte eine Menge Whisky.

Sie zog den Zapfen mit einem Plopp aus dem Hals und schloss die Augen, als der altbekannte Duft sie umhüllte. Ein Schleier der destillierten Erinnerung legte sich um sie, fast greifbar, aber nicht so deutlich, wie sie sein würde, sobald die Damen von dem Whisky tranken. Ein kleiner Schluck würde genügen, um sie für den Moment von dem Thema Samhain abzulenken.

Sie stellte fünf Gläser auf ein Tablet und balancierte es in einer Hand, während sie mit der anderen nach der Flasche griff.

Sie lehnte mit der Schulter gegen die Tür zum Speiseraum und verharrte, als sie ihren Namen hörte.

»… fragst du Glenna, Janet?«, erklang Lisbeths tadelnde Stimme. »Sie hat doch bei Gott genug zu tun mit der Beerdigung.«

»Darum geht es ja«, verteidigte sich Janet. »Ich will, dass sie etwas aus dem Haus kommt. Sie verkriecht sich während dem Fest immer hier drin, und dieses Jahr wäre sie ganz alleine. Das ist doch nicht richtig. Gerade jetzt, wo sie sicher nur düstere Gedanken hegt.«

»Du willst sie also einfach beschäftigen?«, fragte Priscilla und so etwas wie Anerkennung schwang in ihrer Stimme mit.

»Das ist eine so gute Idee, Schätzchen«, eiferte Eileen. »Ich bin mir sicher, das tut ihr gut.«

Glenna unterdrückte einen Fluch. So viel zur Ausrede. Sie trat durch die Tür und setzte ein Lächeln auf.

»Wer hat Durst?«

»Ah«, sagte Priscilla. »Und ich dachte schon, du rückst gar nicht mehr damit raus.«

Eileen lachte, als sie die Gläser verteilte. »Als ob uns Glenna auch nur einmal hätte hängen lassen.«

Sie präsentierte die Flasche und das Lächeln auf den Lippen der anderen zeigte ihr, dass sie verstanden.

»Dorothys Lieblingsmarke«, sagte Lisbeth versonnen. »Das hast du dir schön ausgedacht, Glenna.«

Sie betrachtete die Flasche für einen Moment, dann entkorkte sie sie und schenkte allen zwei Fingerbreit ein.   

»Auf Dorothy«, sagte Eileen als erste und hob ihr Glas.

»Dorothy«, erwiderten alle anderen und sie ließen die Gläser klirren, bevor sie tranken.

 Glenna setzte das Glas zwar an, wartete aber mit geschlossenen Augen, bis die anderen zuerst getrunken hatten. Sie wusste, was kommen würde, trotzdem traf es sie immer etwas unvorbereitet. Kaum benetzte der ersten Tropfen Whisky die Zunge einer der Damen, spürte Glenna einen starken Sog und vor ihren Augen tanzten für einen Moment farbige Lichter.

Als sie Lider aufriss, befand sie sich nicht mehr im Stewart-Haus am Tisch mit ihren Kartenspielkameradinnen.


Interessante Lektüre und Infos zum Kapitel:

Vorschau auf das Kapitel „Létoile“ von nächster Woche:

Die Tänzerin hatte gewagte Ideen, keine Frage und das gefiel Bonnie.

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Yvonne
Gast

Die arme Glenna, ich ahne Schlimmes für Samhain 🙈