3. Kapitel – Bonnie Bahookie

Kapitel 3: Bonnie Bahookie

***

Die Stimme drang nur gedämpft durch den schweren Samtvorhang an Bonnies Ohren.

»Und nun meine Damen und Herren, zum Höhepunkt dieses Abends!«

Bonnie konnte nicht anders. Sie teilte den Vorhang mit ihren Fingern, gerade so weit, um einen Blick auf das Publikum erhaschen zu können. Die Whiskyflaschen hatten die erste Reihe Tische hinter sich gelassen und zirkulierten in den hinteren Rängen.

»Das Temperament der Highlands!«

Ein Schatten stellte sich zwischen sie und das Publikum. Jean-Luc wirbelte mit seinem Gehstock und der Frack flatterte mit seinen hektisch-eleganten Bewegungen.

 Sie ließ den Vorhang zufallen und atmete mehrere Male tief durch.

»Der Star, weswegen Sie heute Abend hier sind. Insbesondere Sie, wenn ich mir ihre heraushängende Zunge so ansehe, der Herr. Aber keine falsche Scheu!«

Es kribbelte in ihrem ganzen Körper, als immer mehr Leute aus den Whisky-Flaschen tranken.

»Heute Abend dürfen Sie gaffen, so viel Sie alle wollen. Deswegen sind Sie hier!«

Sie drehte sich mit dem Rücken zum Publikum, stützte eine behandschuhte Hand an ihrer Taille ab, die andere hob sie elegant in die Luft.

Die heutige Farbe war rot. Rot, wie ihr Haar, aber insbesondere rot wie das Feuer.

Und das würde sie das Publikum heute spüren lassen.

»Nun habe ich Sie lange genug auf die Folter gespannt. Sie sind nicht meinetwegen hier. Auch wenn ich Ihnen sagen kann, dass mein Hinterteil sich ebenfalls sehen lassen kann.«

Das Kreischen der Frauen drang durch den Vorhang.

Sie schmunzelte und sah Jean-Luc vor sich, wie er dem Publikum den Rücken zudrehte, den Frack anhob und die Hüfte kreisen ließ.

»Aber nichts geht über das, was Sie jetzt gleich zu sehen kriegen werden. Ihr Name bedeutet nicht umsonst ›jolie cul‹ – schöner Hintern. Denn nichts ist vergleichbar mit dem Hüftschwung der unvergleichbaren, der umwerfenden …«

Sie straffte den Rücken. Noch wenige Sekunden, bis der Vorhang gezogen würde.

»Der magischen …«

Sie schmunzelte.

»Magischer als sich jeder da draußen je bewusst sein wird.«

»Booooooonnie Bahookie!«

Applaus, Schreie, Klatschen.

Die Band spielte den ersten Schlag, der Vorhang wurde gezogen und Licht flutete die Bühne.

Die anfeuernden Rufe wurden lauter, dann schwollen sie ab, als die Musik zu den nächsten, langsamen Takten ausholte.

Bonnie wippte mit den Hüften, was anzügliche Pfiffe mit sich zog.

Jedes Mal dasselbe. Am Anfang brauchte es nicht viel, um das Publikum in Fahrt zu bringen. Dabei wussten sie noch gar nicht, was sie sich heute für sie überlegt hatte.

Sie ließ die rot-orange Federboa anzüglich von ihren Schultern gleiten, nur ein bisschen, bevor sie ihre nackte Haut wieder darunter verbarg. Die Musik gewann an Fahrt und auf den nächsten Schlag vollführte sie eine Drehung. Das hochgeschlitzte Kleid flatterte und ermöglichte einen ersten Blick auf das gefiederte Strumpfband, das sie trug.

Die Menge tobte und sie bedankte sich bei jedem von ihnen mit einem innigen Blick. Sie tanzte nicht für die Meute. Sie tanzte für jeden und jede von ihnen ganz allein.

Jede frivole Bewegung, jeder Wimpernaufschlag, jedes Schulterrollen fühlte sich für die Gäste an, als wäre es eine ganz persönliche Geste. Das war das Geheimnis einer guten Show. Das bannte das Publikum in dem Auftritt einer Tänzerin. Das war Cabaret.

Und doch. Heute Abend saß ein Gentleman in der ersten Reihe, dessen Augen besonders hell strahlten. Eine einzelne, unbändige blonde Locke fiel ihm über die Stirn und das aufgeknöpfte Hemd entblößte seine scharfen Schulterknochen.

Er war ihr bereits durch den Vorhang aufgefallen.

In ihrem Kopf tanzte sie heute insbesondere für ihn.

Sie freute sich auf den Moment, wenn das rote Seidenkleid vor seinen Augen und der Augen aller in Flammen aufginge und sich im scheinbaren Nichts verlor. Sie alle würden von den Stühlen fallen. Und dann ginge die Show richtig los.

***

Die Tänzerin vor Glennas innerem Auge drehte sich in ihrem flammenden Kleid, bis es sich komplett aufgelöst hatte, dann verlangsamten sich ihre Bewegungen und sie kam gänzlich zum Stillstand. Die Tänzerin befand sich nicht mehr auf der Bühne des kleinen Cabarets von Paris. Sie schmiegte sich lasziv an eine übergroße Flasche Whisky auf dem Plakat an der Zimmertür. Große Letter verkündeten ›Ein Abend mit der magischen‹ und auf der Etikette der Flasche stand ihr Bühnenname ›Bonnie Bahookie‹.

Aber Glenna tanzte nicht mehr in Paris während der Années folles – der Goldenen Zwanzigern. Sie saß in ihrem Häuschen in einem kleinen Kaff namens Southbridge am Shannon River. Und der Auftritt war einundneunzig Jahre her.

Einundneunzig. Das wusste sie ganz genau, weil sie es in das geöffnete Dokument auf ihrem Laptop geschrieben hatte, der in der Ecke der Bibliothek auf dem antiken Sekretär stand.

Todesanzeige: Dorothy (geborene Murphy) Stewart, 13.09.1926 – 24.10.2017)

Glennas knochiger Finger zeigte auf die Stelle im Tagebuch, an der sie mit Lesen aufgehört hatte. Der Eintrag war datiert auf den ersten Januar 1926. Es war das erste Mal gewesen, als sie mit Feuer experimentiert hatte. Der Grundstein für eine ganze Solo-Show basierend auf den vier Elementen. Natürlich hatten sich ihre Kleider nicht wirklich in Rauch und Asche aufgelöst. Es hatte genügt, es die Leute glauben zu lassen. Die Leute, die ihren Whisky getrunken hatten zumindest.

Glennas Mundwinkel zuckten leicht, als sie ihren Blick weiter über die Seiten schweifen ließ. Dieser Abend war nicht nur die Geburt ihres Solo-Acts gewesen, sondern auch der Abend, an dem sie den galanten und unverfänglichen jungen Mann kennen gelernt hatte, mit dem sie sich nur ein einziges Mal die Nacht versüßen sollte.

Während diesem einem Mal war Dorothy entstanden.

Der Name hatte sie ausgesucht und die Eltern, die das Baby adoptierten, hatten ihn beibehalten. Dorothy war keine geborene Murphy, sondern eine geborene Alexander. Aber das hatte Dorothy selbst nie erfahren.

Einundneunzig Jahre war all das her.

Glenna stemmte sich aus dem Stuhl und trug das Buch zum Bücherregal, wo sie es am richtigen Ort einreihte.

›Wie fühlst du dich?‹, fragte Jamie sanft.

Sie stellte sich vor den Laptop und starrte auf die erste Zeile der Todesanzeige, die sie schreiben sollte.

»Alt«, gestand sie.

›Du bist nicht alt, Bonnie.‹

»Ich bin 117 Jahre alt, Jamie.«

Sie wandte den Kopf in Richtung der Tür, wo das Poster hing und ihr Herz zog sich krampfhaft zusammen. Es war nur eine Zeichnung, aber genauso straff war ihre Haut damals gewesen, genauso leuchtend ihre Augen und so voll ihre Lippen. Sie mochte bei Weitem nicht so schnell altern wie ein normaler Mensch, trotzdem ging die Zeit nicht spurlos an ihr vorüber.

Automatisch tastete sie an ihr hochgestecktes, noch immer rotes Haar, um zu sehen, ob alles saß. Immerhin daran hatte sich nichts geändert.

›Du bist nach wie vor wunderschön, Bonnie‹, raunte die Stimme des Tattoos beinahe unhörbar und Glenna verharrte in ihrer Bewegung.

»Wie bitte?«

Jamie schwieg.

Er verstand es nicht. Es war nicht Eitelkeit oder Sehnsucht nach ihrem jüngeren Selbst.

Es war das Missen der alten Zeit.

Das Missen vergangener Menschen. Von Létoile. Auch Gabriel, der heißblütige Spanier musste inzwischen tot sein, wohin sein Weg ihn immer geführt haben mochte.

Ein Gewicht legte sich auf ihre Schultern. Wie hatte sie es vor zwei Tagen noch so einfach geschafft, die Einkäufe nach Hause zu tragen? Im Moment glaubte sie, dass sie mit einem Pack Mehl überfordert wäre.

Das Rascheln von Gefieder ließ Glenna das Blut in den Adern stocken.

»Nein«, hauchte sie. »Nicht du.«

›Bonnie?‹

Sie gab sich eine halbe Minute, um ihren Puls zu beruhigen, dann drehte sie sich um.


Interessante Lektüre und Infos zum Kapitel:

Vorschau auf das Kapitel „Memento mori“ von nächster Woche:

›Bonnie‹, sagte Jamie eindringlich. ›Damit provozierst du sie nur.‹

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Dorothe
Gast
Dorothe

„scharfe Schultern“ Wie soll ich mir das vorstellen?
Okay, ich gebe es zu: Der Schluss ist gemein gesetzt. Wie kann man danach eine Woche warten?

Yvonne
Gast

Uuuh, ich bin auf nächste Woche gespannt. 😉

Lucie
Gast

Schöne Mischung aus Rückblende und Jetzt-Geschehen. So einen Jamie der einem gut zuspricht wenn man down ist, hätte ich auch gerne…..

Guido Egli
Gast
Guido Egli

Bin gespannt aufs nächste Kapitel😊