Flash Fiction: Die Verzweiflung

Das Thema für den Monat April 2019 lautete „Vezweiflung“. Alle weiteren Informationen zu Flash Fictions und viele weitere Geschichten sind hier zu finden: https://flashfiction.ch/ueber-uns/ 

Jeela beobachtete, wie ihr feuchter Atem die Scheibe des Visiers beschlug, nur um kurz darauf von der Lüftung ihres Helmes geklärt zu werden. Es hatte etwas Hypnotisches, beinahe Meditatives. Vor allem aber lenkte es sie von ihrem Umfeld ab.
»Jeela?«, erklang die Stimme ihres Bruders durch den Lautsprecher in ihrem Helm.
»Ja?«
»Was treibst du da?«
Sie seufzte und erhob sich schwerfällig. Die Gravitation betrug zwar nur einen Bruchteil wie in der Kolonie, in der sie aufgewachsen war, aber das sorgte auch dafür, dass ihre Bewegungen umso träger wurden.
Sie blickte vom niederen Dach der Edelboutique hinunter auf die Straße. Sie konnte Rehuks Gesicht durch das verspiegelte Visier nicht erkennen, aber spürte seinen tadelnden Blick geradezu.
Mit einem Satz segelt sie in seine Richtung.
»Ich habe mich umgeschaut«, erklärte sie. »Nach dem Hangar.«
»Wir wissen, wo der Hangar ist. Kein Grund, wertvolle Zeit zu vertrödeln.«
Nun konnte sie seine Gesichtszüge ansatzweise hinter dem Visier ausmachen. Er ließ den Blick schweifen und rümpfte die Nase.
»Ich weiss. Ekelhaft, oder?«, fragte Jeela und deutete auf die Gebäude um sie herum. »Wofür die Reichen so ihr Geld ausgeben.«
»Ausgegeben haben.«
»Ja«, meinte Jeela langgezogen. »Die Ratten haben das sinkende Schiff längst verlassen.«
Automatisch legte sie den Kopf in den Nacken. Noch immer war der Meteorit von blossem Auge nicht zu erkennen, aber in nicht einmal 48 Stunden würde er auf dem Planeten aufschlagen.
Sie marschierten weiter schweigend durch die verlassenen Straßen der Kolonie K-07.
»Rehuk«, sagte Jeela irgendwann. »Warum sind wir die einzigen zwei Menschen hier?«
»Das hast du selber gesagt. Der Protz von K-07 war das erste, das den Planeten verlassen hat.«
»Das meine ich nicht.«
Rehuk wandte sich nicht zu ihr um. Sie hatte sich die Frage schon mehr als einmal gestellt und sie war wohl nicht die Einzige.
Seine Stimme drang gedämpft durch ihre Lautsprecher.
»Wir sind die Einzigen, die noch wissen, wo sich die ›Verzweiflung‹ befindet.«
Seine Stimme hatte etwas Abschließendes.
»Ja«, sagte sie leise und klammerte sich an diesen Strohhalm, wie schon seit zwei Tagen.
Plötzlich verharrte Rehuk, so plötzlich, dass Jeela beinahe mit ihm zusammenstieß. Er blickte auf die Digitalanzeige an seinem Handgelenk.
»Was ist los?«, fragte Jeela alarmiert.
Rehuk murmelte etwas, das nicht bis zu ihr vordrang und schüttelte seine Hand mehrere Male. Als sie auch weiterhin keine Antwort von ihm kriegte, packte sie seinen Arm und warf selber einen Blick auf die Anzeige.
»Fuck!«, stieß sie aus und starrte ihren Bruder an. »Du Idiot, fällt dir das erst jetzt auf?«
Er entriss ihr den Arm.
»Nein«, sagte er.
»Was heißt hier nein?«
»Ich habe es heute morgen bemerkt. Ging aber schneller runter als gedacht.«
»Rehuk, dein Sauerstoff reicht noch für zwei Stunden«, sagte sie entgeistert.
»Ich weiss«, sagte er bissig, ging aber weiter, als wäre das nichts.
»Rehuk!«
»Es spielt keine Rolle!«, blaffte er sie an. »Da vorne sind die Hangars. Wenn wir dort sind, gehen wir an Bord der ›Verzweiflung‹ und alles ist in Ordnung.«
Jeela schluckte einen Kommentar hinunter.
Sie hatten gewusst, dass der Sauerstoff ein Problem werden könnte. Sie selbst blickte nur so selten wie möglich auf ihre Anzeige, aber jetzt ging es um ihren Bruder.
Zwei Stunden.
Ja, der Hangar war da vorne, aber es wäre nicht das erste Mal, dass sie für eine vermeintlich kurze Strecke länger brauchten, als erwartet.
Der Weg zog sich, aber tatsächlich erreichten sie die Gebäude ohne weitere Probleme.
»Welcher Hangar?«, fragte Jeela, obschon sie es genau wusste.
Wie ein Mantra hatte sie es sich in den letzten beiden Tagen immer und immer wieder vor sich her gesagt. Sie wollte aber wissen, dass es Rehuk soweit gut ging.
»I5.«
Bildete sie es sich ein, oder klang er etwas gepresst?
Sie gingen weiter, bis sie an der Fassade ankamen, an der meterhoch die Lettern ›I5‹ prangten. Jeela trat an die eiserne Tür neben dem verschlossenen Zuliefertor und betätigte den Türöffner.
Der Schalter war tot, aber das wunderte sie nicht. Sie betätigte die manuelle Öffnung, aber auch diese machte keinen Wank.
»Fuck«, knurrte sie.
Jeela warf einen Blick auf seine Sauerstoffanzeige. Er hatte noch eine gute Stunde. Sie mussten ihn an Bord dieses Raumschiffs bringen, und zwar zackig. »Warte hier.«
»Wo willst du hin?«
Sie ging die Fassade entlang, bis sie entdeckte, was sie suchte. Mit einem leichten Sprung setzte sie über die ersten paar Sprossen der Leiter hinweg.
»Jeela!«
»Warte. Ich öffne das Tor von innen.«
Sie erreichte das Ende nach einer gefühlten Ewigkeit und überwand die letzten Sprossen mit einem gewaltigen Satz. Doch etwas hinderte ihren Sprung und riss sie zurück. Sie wirbelte mit den Armen, als sie nach hinten kippte und schaffte es gerade noch, das Geländer der Leiter mit einer Hand zu umfassen.
Schwer atmend zog sie sich über den Rand des Daches und warf einen Blick zurück. Eine abgerissene Sprosse ragte von der Leiter ab und daran hing ein Fetzen, dessen Beschaffenheit ihre bekannt vorkam.
»Oh Shit!«, fluchte sie und sie blickte an sich herab.
Ihr Anzug war an ihrem Oberschenkel aufgerissen und in dem Moment erklang der Warnton ihrer Sauerstoffanzeige.
»Fuck fuck fuck fuck«, fluchte sie und tastete nach ihrer Tasche.
Dort holte sie das Tape heraus, versuchte, mit ihren klobigen Handschuhen den Anfang davon zu finden, und pappte ihn auf ihren Anzug. Als sie die Stelle fertig abgeklebt hatte, starrte sie auf die Sauerstoffanzeige. Schweiß tropfte ihr von der Stirn in die Augen, aber sie blinzelte ihn weg.
Sie hatte noch vierzig Minuten.
»Jeela, verdammt, was ist los?«
Sie ignorierte ihren Bruder und widmete sich stattdessen dem Dach.
Und das Herz sank ihr tief in den Magen.
Das gewaltige Schiebedach des Hangars war offen.
Für einen Moment blieb sie wie eingefroren stehen, dann holte sie das warnende Piepsen ihres Sauerstoffgeräts zurück ins Hier und Jetzt und sie schob einen Fuß vor den anderen. Am Rand des Schiebedaches angekommen, starrte sie hinab in die verlassene Halle.
Keine Überleben tummelten sich dort, beschäftigt mit den letzten Vorbereitungen für den Start.
Kein allerletztes Raumschiff wartete auf Jeela und Rehuk.
Nur die Verzweiflung.

Flash Fiction: Die Verzweiflung
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