Flash Fiction: Game Over

Das Thema für den Monat Februar 2019 lautete „Todeszone“. Alle weiteren Informationen zu Flash Fictions und viele weitere Geschichten sind hier zu finden: https://flashfiction.ch/ueber-uns/ 


Der Krieger umkreiste das Monster. Er schnellte vor, doch das Untier reagierte schneller. Mit einer präzisen Tastenkombination warf es sich auf den Krieger. Das Bild fror ein und der Schriftzug ›Game Over‹ erschien in blutroten Lettern.
Zufrieden lehnte sich Tod zurück und überschlug die Arme. Das war der fünfte Spieler, dessen Spielfigur er heute ins Jenseits schickte.
Etwas berührte seine Schulter. Er zerrte sich das Headset vom Kopf und funkelte den adrett gekleideten Herrn böse an.
»Baptiste«, knurrte Tod. »Sie haben mich fast zu Tode erschreckt.«
In Batistes Gesicht zeigte keine Regung.
»Wirklich? Nicht einmal ein Schmunzeln?«, fragte Tod enttäuscht.
»Sir«, sagte der Butler eisig. »Wenn Sie das Headset nicht tragen würden, bräuchte ich Sie nicht zu erschrecken.«
Tod benutze das Headset nicht wirklich. Aber es filterte unangenehme Nebengeräusche aus. Wie Baptiste.
»Sir. Die Arbeit ruft.«
Tod seufzte. »Wo brennt es?«
»Es brennt nicht, Sir. Es fährt.«
»Auch das noch!«
Tod stand auf und streckte die Hand aus, bis sich seine Sense darin materialisierte.
»Bei Autounfällen gibt es immer Gaffer. Ich hasse e…«
»Ich weiss, Sir«, unterbrach ihn Baptiste.
»Ich weiss, Sir«, äffte Tod, dann schnippte er mit dem Finger und fand sich an einer vielbefahrenen Strasse wieder. Tod sah sich um und erkannte sofort die ältere Dame, die leicht überfordert am Straßenrand stand.
Tod schnaufte ungeduldig aus.
Sie setzte einen Fuß nach vorn, nur um ihn wieder zurückzuziehen. Dies wiederholte sie einige Male, bis Tod der Geduldsfaden riss. Er schlenderte in ihre Richtung. Bei ihr angekommen, verpasste er ihr einen kleinen Schubser mit der Hüfte. Die Dame japste erschrocken auf und stolperte auf die Strasse.
Bereits erklangen Hupen und Tod drehte sich in freudiger Erwartung zu der Szene um. Wie festgefroren stand die Frau auf der Straße. Aus dem Nichts rauschte plötzlich ein Mädchen auf einem Skateboard heran, packte die sie am Arm und riss sie mit sich zu Boden. Der Laster donnerte an ihnen vorbei. Tod starrte auf das Menschenbündel zu seinen Füssen und mit einem Fingerschnippen befand er sich wieder in seinem Wohnzimmer. Dort schmetterte er die Sense an die Wand bevor er schmollend auf das Sofa sank.
»So schnell zurück, Sir?« Tod schnaubte.
»Wie darf ich das deuten, Sir?«
»Rettung in letzter Sekunde.«
»Das tut mir leid zu hören, Sir. Wünschen Sie vielleicht einen Tee?«
»Gern.«
»Soll ich Ihren Computer herholen? Dark Souls vielleicht?«
»Das ist keine Herausforderung.«
Ein Klirren verriet, dass Baptiste die Tasse Tee auf den Beistelltisch gestellt hatte.
Als sich Tod umdrehte stand da auch sein Computertisch. Baptiste war bereits wieder verschwunden.
Tod nippte am Kamillentee und wählte ein fortgeschrittenes Level in einem Egp Shooter. Von Computergegner zu Computergegner springend machte er Jagd auf die Spieler. Nach dem vierten was es ihm bereits verleidet. Er wollte bereits beenden, als er bemerkte, dass es eine Spielfigur gab, die ihm bislang entwischt war.
»Na schön. Noch der eine.«
Er heftete sich an seine Fersen. Keinen Schuss konnte er abgeben, da hatte der Spieler auch schon seinen ersten Gegner erledigt. Tod übernahm sofort den nächsten, doch auch dieser war schnell Vergangenheit.
Ehrgeiz regte sich. Als der Spieler jeden einzelnen Gegner niedermachte und Tod nicht einen Treffer gelandet hatte, wich der Ehrgeiz der Frustration.
Kaum war das Level beendet, öffnete Tod ein Chatfenster. In dem Game gab es eigentlich gar keine Chatfunktion, aber Tod hatte so seine Mittel.
›Du bescheisst doch, du Kakerlake!‹
Es waren keine literarischen Ergüsse, aber er fühlte sich danach besser. Dann blinkte eine Antwort auf.
Wie bitte?
Tod hatte nicht mit einer Reaktion gerechnet. Normalerweise waren die Leute zu verwirrt, überhaupt eine Nachricht zu erhalten.
Der Knilch kam ihm irgendwie bekannt vor. Tod blickte tief in sich hinein und suchte nach der Präsenz des Spielers. Ein Bild formte sich.
›Du!‹, tippte er wütend. ›Du hast die Oma gerettet!‹
Für einen Moment kam nichts zurück.
Was soll der Scheiß? Wer bist du?
›Einer, der nur seine Arbeit tun will!‹
Das nächste Level begann und Tod beobachtete die Spielfigur des Mädchens.
Sie war gut. Tod mochte die Herausforderung. Aber das Wissen darum, dass es sich dabei um dieses Menschenkind handelte, machte ihn stinkig.
Plötzlich blinkte das Licht des Headsets. Zögernd akzeptierte Tod die Verbindung.
»Ja?«
»Ist das ein Betatest?«
Tod stutzte.
»Wie konntest du mich anrufen?«
»Wenn es eine Chatfunktion gibt, kann man auch telefonieren«, sagte sie lapidar. »Ist alles okay? Du tönst krank.«
»Ich bin nicht krank«, sagte Tod.
»Bist du ein Entwickler?«
»Ich bin der Tod.«
Er jagte einen feindlichen Soldaten hinter ihr her, doch kaum hatte er sie im Visier, duckte sie und war verschwunden.
»Mist!«
Sie lachte durch die Lautsprecher. »Das ist ganz schön witzig. Wusste nicht, dass die NSCs vom Entwickler gesteuert werden können.«
»Ich bin der Tod, Mädchen«, sagte er noch einmal langsam.
Schweigen. Dann antwortete sie zögerlich: »Du meinst… so richtig? Der Tod höchstpersönlich?«
»Wie sollte ich es unpersönlich sein?«
Das Mädchen schnaufte laut in ihr Mikrofon. »Du bist nicht der Tod. Das ist unmöglich.«
»Warum?«
»Weil du es nicht einmal schaffst, mich in diesem Spiel zu töten.«
Das sass.
»Wenn ich nicht der Tod wäre, warum weiss ich dann, dass ich erst vor einem halben Jahr bei euch zu Hause war? Wegen deiner Grossmutter.«
Schweigen. Ha!
Schliesslich fragte sie: »Warum tust du das?«
Tod zögerte. »Es ist mein Job?«
»Nicht das!«, fuhr sie ihn an. »Warum erinnerst du mich daran?«
»Ich hatte einen schlechten Tag. Deiner soll nicht besser sein.«, murrte Tod.
Was nun durch die Lautsprecher drang konnte er nicht einordnen. Ein Lachen?
»Du schmollst, weil ich die Frau gerettet hab?«
Es war wohl zu spät, noch den grimmigen Sensenmann zu spielen, also antwortete er: »Ja.«
»Das ist ja so menschlich!« Sie lachte. »Angebot. Wenn du mich erwischst, schubse ich die Oma das nächste Mal eigenhändig auf die Strasse.«
»So funktioniert das nicht.«
»Das war ein Scherz!«
»Schade.«
»Na schön. Wenn du mich erwischst, back ich dir Kekse.«
»Kekse«, sagte Tod tonlos.
»Was anderes kann ich nicht.«
Tod dachte nach. »Darf ich wünschen?«
Er konnte das Mädchen praktisch durch das Mikro grinsen hören. »Deal?«
»Deal.«

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