Schiffe

Das Thema der Flash Fiction von diesem Monat war „Drachen“ und wurde von Lucie Müller vorgegeben.


Der Blaue Drache

Mit trübem Blick schaute Brack auf die aufgeschäumte See. Der Wind streifte über seine Schultern hinweg, in denen bereits die Gicht steckte. Er fühlte sich älter, als er wirklich war, das wusste er. Dennoch war er so unsäglich müde. Seiner Crew ging es genauso und es war nur eine Frage der Zeit, bis sie genug hatten von seinen sogenannten Spinnereien. Schon jetzt gab es die ersten Männer, die tuschelten. Sie waren jünger als der Rest und sie hatten sie am letzten Hafen angeheuert. Die Jungs hatten schnelles Geld gewittert, doch nun merkten sie, dass es nicht ganz so einfach war.
Niemand sollte die Jagd auf den blauen Drachen auf die leichte Schulter nehmen.
Brack selbst hatte die Bestie vor Jahren Frau und Sohn genommen.
Dass sein Weib, die Liebe seines Lebens, verloren war, wusste er genau. Er schluckte schwer, als er an ihr rot flammendes Haar, die smaragdgrünen Augen dachte. Doch sein Sohn… für ihn gab es Rettung. Er war nur an das Untier gefallen, da er seine Mutter nicht hatte gehen lassen wollen. Doch er war nicht die wahre Beute. Er war zu retten, das spürte Brack ganz genau.
Und doch gab es genügend Leute, die den Blauen Drachen für eine Legende hielten. Eine Geschichte, um Weiber und Kinder zu verschrecken. Um die Seemänner davon abzuhalten, ihre Frauen mit an Bord zu nehmen.
Der Blaue Drache wird kommen, sie sich zu holen.
»Cap’n«, sprach einer seiner Männer, der neben ihn an die Reling getreten war.
Sein silbernes Haar quoll unter der löchrigen Wollmütze hervor und seine Augen waren genauso müde, wie die von Brack.
Seit er denken konnte, war Kjel an seiner Seite gewesen. Als sie das erste Mal bei einem Handelsschiff angeheuert hatten. Als sie überfallen worden waren von Piraten. Als sie bei ihnen geblieben und älter geworden waren. Als Brack sein erstes eigenes Schiff kaperte und den Jolly Roger hisste. Als er seine Frau im Sündenpfuhl von Tortuga aufgegriffen hatte, während sie seine Ware hatte stehlen wollen. Als er sie mitnahm auf sein Schiff und das Übel seinen Anfang nahm.
Auch als der Blaue Drache gekommen war, sie sich zu holen.
»Aye«, antwortete Brack, denn er wusste, dass Kjel nicht hier war, um wirklich etwas zu besprechen. Es ging um die Gesellschaft, die mehr wert war, als alles Gold, dass Brack in seinem Leben geraubt hatte.
Eine Weile lang beobachteten sie gemeinsam, wie die Sonne sich langsam gen Horizont senkte.
»Denkst du morgen?«, fragte Kjel schließlich knapp.
»Aye«, antwortete Brack.
Morgen wäre ihr Jahrestag. Der Tag, an dem der Blaue Drache ihm das erste Mal begegnet war. Seither tauchte er jedes Jahr aufs Neue am Horizont auf. Nie kam er in Reichweite oder ließ es zu, dass sie sich ihm genug näherten, um die Kanonen zu benutzen. Es war, als würde er jedes Jahr seinen fetten Rumpf zeigen wollen, um Brack an seinen Verlust zu erinnern. Oder um ihm einen Gruß zu entsenden, so genau wusste er das nicht.
Doch dieses Jahr. Dieses Jahr war sein Sohn sechzehn Jahre alt geworden. Ein Mann. Und irgendetwas in ihm sagte Brack, dass diese Tatsache dieses Jahr zu etwas Besonderem machte. Dass etwas anders war als sonst.
Kjel nickte und ließ Brack wieder allein. Inzwischen war es dunkel geworden und die Biese nahm zu. Der Captain richtete sich gerade auf und warf einen letzten Blick auf das unruhige Wasser.
Morgen.
Mit dem Gedanken kehrte er ihn seine Kajüte zurück und versuchte einige Stunden Schlaf zu kriegen. Es war unmöglich. Zu wichtig waren die Ereignisse des nächsten Tages. Falls nichts geschehen würde, wäre dies der berüchtigte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringen würde. Und die Crew zur Meuterei. Wenn sich der blaue Drache nicht blicken ließ, würde er morgen noch über die Planke wandern, dessen war er sich sicher.
Aber falls …
Ein langgezogener Schrei ließ ihn hochfahren.
Wie viel Zeit war vergangen? Hatte er etwa doch geschlafen?
Der Schrei wiederholte sich und Brack erkannte darin die Stimme des Mannes, der im Krähennest sass. Brack packte Degen und Pistole und rannte an Deck. Die Sonne war bereits dabei, wieder aufzugehen und es herrschte Hektik an Bord. Alle drangen sie an Steuerbordseite und starrten gen Horizont. Brack packte eines der Seile und zog sich daran auf eine Ladung von Kisten, um über die Schultern seiner Männer sehen zu können.
Da war er. Der Blaue Drache.
Und er war näher, als je zuvor.
Sein Rumpf teilte das Wasser, welches links und rechts von ihm aufschäumte. Der Kiel war blau bemalt und tadellos, wie am ersten Tag. Als Galionsfigur prangte die Fratze eines wütenden Drachens, aus dessen Rachen Dampf emporstieg.
Brack hörte die Schreie seiner Männer. Die Jungen, die Neuen riefen am lautesten.
Doch er war unfähig auch nur einen Befehl zu erteilen. Der Blaue Drache, das einzigartigste Schiff auf den sieben Weltmeeren hielt Kurs auf sie. Das einzige Schiff mit einer rein weiblichen Crew.
Bracks Herz setzte einen Schlag lang aus, als er so nahe war, dass sie die säbelrasselnden Frauen an Bord erkennen konnten. Sie schrien und johlten und rollten die Kanonen über das Deck, um sie gegen Brack und sein Schiff auszurichten.
Dann sah er sie.
Das Steuer fest in den Händen, die Haare feuerrot und ein Lachen, das bis zu ihnen herüberschallte und das Blut in seinen Venen gefrieren ließ.
Heute. Heute war es anders.
Ein dreckiges Grinsen breitete sich auf Bracks Gesicht aus.
Heute war der Tag der Abrechnung. Heute holte er sich seinen Sohn aus den Fängen der Bestie zurück.
Brack hob den Degen.
»Zum Angriff!«


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„Die Ketzer“ von Lucie Müller

„Dora“ von Isabelle Kluser

Flash Fiction: Der Blaue Drache
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Evelyne Aschwanden
Gast

Dieser Plottwist am Ende… Da hast du mich echt überrascht! 😀

Lucie
Gast

Ja, der Twist ist sehr gelungen! Schade nur, dass der Sohn nicht mehr verkommt. Mich nimmt’s wunder, was aus ihm geworden ist und wie ihn die Zeit bei den Frauen beeinflusst hat 🙂

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